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„Dann gibt es eine Katastrophe“: Was wegen der Dürre in Italien für Deutsche jetzt auf der Kippe steht

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Von: Patrick Mayer

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So kennen ihn die Deutschen, so lieben ihn die Deutschen: italienischer Parmesan mit dem Qualitätssiegel D.O.P..
So kennen ihn die Deutschen, so lieben ihn die Deutschen: italienischer Parmesan mit dem Qualitätssiegel D.O.P.. © IMAGO / Cavan Images

Italien ringt im Sommer 2022 unablässig mit Dürre und Trockenheit. Der Wassermangel bedroht landwirtschaftliche Produkte, die bei deutschen Konsumenten beliebt sind. Ein Überblick.

München/Turin/Bardolino/Parma - Dürre. Trockenheit. Wassermangel. Norditalien ächzt. Hitze und ausbleibende Niederschläge machen der riesigen Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie zwischen Piemont, Lombardei, Emilia-Romagna und Venetien zu schaffen. Der Po, der längste Fluss des Landes, der hier verläuft, ist an vielen Stellen ausgetrocknet.

Mittelfristig kann sich das auf Lebensmittelregale in deutschen Supermärkten auswirken. Oder auf das Speise-Angebot beim Lieblingsitaliener. Merkur.de erklärt, welche Lebensmittelklassiker für die Deutschen auf der Kippe stehen.

Mais: Große Mengen werden in Norditalien produziert - auch für Polenta

Italien gehört zu den größten Importeuren von Mais weltweit. Schließlich besteht unter anderem das traditionelle Gericht Polenta hauptsächlich aus Maisgrieß. Den eigenen Markt zu versorgen, wird für das Land mit seinen rund 60 Millionen Einwohnern immer schwieriger. So sind zum Beispiel die Mais-Anbau-Felder an der Adriaküste massiv von der Dürre betroffen.

„Normalerweise, wenn der Po Süßwasser führt, erfolgt die Bewässerung der Felder über die Flüsse. Mit Absaugsystemen wird das Wasser in die Bewässerungskanäle geleitet. Wenn es jedoch salzig ist, können wir dieses Wasser nicht verwenden“, erklärt der Landwirt Mauro Girello aus Porto Tolle (Venetien) im Gespräch mit der Zeit. Der Po zieht sich dort Salzwasser aus dem Adriatischen Meer. Zuletzt war das Wasser des Flusses schon mehr als 21 Kilometer im Landesinneren versalzen.

Wenn es salzig ist, können wir dieses Wasser nicht verwenden

Landwirt Mauro Girello im Gespräch mit der Zeit

„Die Maispflanze gerät bei Wassermangel unter hohen Stress. Das ist ein großes Problem, da der Mais dann mit Toxinen und Pilzen belastet ist. Die Kolben erreichen nicht die volle Größe und geben einen fauligen Geruch ab. Das macht die Frucht ungenießbar“, erklärt Girello der Zeitung. Im September wird geerntet. 40 Prozent der Mais-Ernte sind laut Girello schon hinüber, „wenn sich Giftstoffe gebildet haben, werden es 70 bis 80 Prozent sein“, erzählt er. Bitter: In den sumpfigen Gebieten der Provinz Rovigo werden auch Weizen, Zuckerrüben, Obst, Gemüse und Reis angebaut. Müssen Urlauber bald deutlich mehr für ihre Polenta zahlen?

Gezüchtete Adria-Weichtiere: Miesmuscheln nicht mehr in jedem italienischen Restaurant?

Porto Tolle ist ferner durch seine Miesmuschel-Farmen in der Lagune bekannt. Diese werden in den Restaurants hierzulande und in Italien meist mit einer kräftigen Weißwein-Tomatensoße serviert.

Aber: Nicht nur in Porto Tolle lässt die steigende Wassertemperatur den Sauerstoffgehalt sinken. Bestände gezüchteter Weichtiere und Fische gehen verloren. Weniger Sauerstoff heißt mehr Makroalgen, was den Sauerstoffgehalt weiter verringert. Das sind alles andere als ideale Bedingungen für die Züchtung von Weichtieren.

Schwerstarbeit: Miesmuschel-Fischer in der Lagune von Porto Tolle an der Adria.
Schwerstarbeit: Miesmuschel-Fischer in der Lagune von Porto Tolle an der Adria. © IMAGO / agefotostock

Arborio und Carnaroli: Italienischer Reis für das geliebte Risotto als Luxusgut?

Auch das geliebte Risotto könnte bald nicht mehr selbstverständlich sein. „Wenn es nicht sehr bald regnen wird, gibt es hier eine Katastrophe“, meint Paolo Carrà, Präsident der Reisbauern von Novara, Biella und Vercelli. 4000 Betriebe produzieren dort im Piemont pro Jahr 800.000 Tonnen Reis - zum Beispiel die begehrten Sorten Arborio und Carnaroli.

Das sind 27 Prozent der gesamten EU-Produktion an Reis. Die Landwirte des Piemonts rechnen wegen der Wasserknappheit und Dürre für 2022 mit Ernteausfällen von 50 bis 70 Prozent.

Wenn es nicht sehr bald regnen wird, gibt es hier eine Katastrophe.

Paolo Carrà, Präsident der Reisbauern von Novara, Biella und Vercelli

Ebenso dramatisch ist die Situation auf den Reisfeldern der Provinz Pavia rund 35 Kilometer südlich der Metropole Mailand. „Das Reisfeld ist so trocken, dass ich mit dem Motorrad drüberfahren kann. Unter normalen Umständen musste das Feld komplett überflutet sein. Stattdessen hat dieses Reisfeld in diesem Jahr noch kein Wasser gesehen, weil die erforderliche Wassermenge auf meinem Hof nicht angekommen ist“, erzählt Landwirt Dario Vicini der Nachrichtenagentur AFP. Einzig in diesem Bereich des 650 Kilometer langen Pos ist der Pegelstand sieben Meter niedriger als üblich.

Im Video: Reisbauern in Italien leiden sehr unter der Dürre

Lugana, Bardolino und Soave: Ist die Qualität der Weine vom Gardasee und aus Verona in Gefahr?

Weil das so ist, wird über Schleusen des Mincio bei Peschiera del Garda Wasser aus dem Gardasees in den Po abgelassen. Dieses fehlt langfristig für die Bewässerung der Weinberge zwischen Riva del Garda, Bardolino, Soave und Lugana. „Wir müssen unsere Schifffahrt und die Fische schützen und gleichzeitig sicherstellen, dass die Bauern rund um den See auch im August noch ihre Kulturen bewässern können“, sagt Pierlucio Ceresa, Geschäftsführer des Gemeindeverbands Garda.

Der um 30 Kubikmeter pro Sekunde erhöhte Abfluss bringe dem Fluss Po seiner Meinung nach nichts, meint Ceresa: „Der Fluss bräuchte im jetzigen Zeitpunkt mindestens 500 zusätzliche Kubikmeter pro Sekunde. Das Einzige, was wir mit dieser Maßnahme erreichen, besteht darin, dass nach dem Po auch noch der Gardasee krank wird.“

Typisch für den Gardasee: ein Weinberg bei Riva del Garda.
Typisch für den Gardasee: ein Weinberg bei Riva del Garda. © IMAGO / Cavan Images

Parmesan D.O.P.: Wird die Pasta-Beilage bald richtig teuer?

Und auch der Deutschen liebste Beilage zu Spaghetti Bolognese ist durch die Trockenheit in Gefahr: der Parmesan mit Gütesiegel D.O.P.. Denn: Bei unzureichender Hydration sind Viehbestände für die Produktion der Spezialität nicht mehr geeignet, die Milch hat dann nicht mehr die hochwertige Qualität für die Herstellung des Parmesans. Sie erfüllt die Kriterien des D.O.P.-Siegels nicht mehr.

Milchbauer Simone Minelli erklärt dem US-amerikanischen TV-Sender CNN, dass dazu zwischen 100 und 150 Liter Wasser pro Tag und Kuh nötig sind. Doch Wasser fehle nicht nur auf den Feldern beim Anbau des Futters, sondern bereits in den Trink-Wannen der Kühe. Manche Landwirte überlegen demnach, ihr Vieh zu reduzieren. Wird Parmesan richtig teuer. (pm)

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