Japan: Notstand in zweitem AKW ausgerufen

Tokio - In Japan ist in einem weiteren AKW der atomare Notstand ausgerufen worden. Die Internationale Atomenergiebehörde hat in Onagawa erhöhte Radioaktivität gemessen. In Fukushima läuft seit Sonntag ein Notsystem zur Kühlung.

Nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami droht Japan eine atomare Katastrophe. Am Samstag ereignete sich in einem Block des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi nach dem Ausfall der Kühlanlage eine Explosion, am Sonntag drohte in einem anderen Block der Anlage nach Regierungsangaben eine weitere Detonation. Bei anderen Kraftwerken gibt es offenbar ebenfalls massive Probleme mit der Kühlung. Rund 160 Menschen wurden möglicherweise verstrahlt.

Block 2 des AKW Daiichi wird wieder normal gekühlt

Der Reaktor 2 des Fukushima Daiichi Atomkraftwerks wird inzwischen mit funktionierendem Notsystem gekühlt, während in die Reaktoren 1 und 3 Meerwasser eingeleitet wird. Das teilte die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA (Nuclear and Industrial Safety Agency) am Sonntag auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dapd mit. Derzeit werde Süßwasser über das normale Kernnotkühlsystem (RCIC - Reactor Core Isloation Cooling) in den Reaktor 2 eingespeist. In dem Meiler war zuvor auch der Druck angestiegen.

Die japanischen Behörden haben auch für das Atomkraftwerk Onagawa den nuklearen Notfall ausgerufen. Das teilte das Land der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien mit. Der Betreiber habe die Situation als niedrigste Stufe des nuklearen Notfalls eingeschätzt. Man habe die drei Reaktoren in dem Atomkraftwerk aber unter Kontrolle.

Die Ausrufung des nuklearen Notfalls sei eine Konsequenz daraus gewesen, dass in der Gegend um das Atomkraftwerk Onagawa Radioaktivitätswerte über dem Grenzwert gemessen wurden, teilten die japanischen Behörden der IAEA mit. Man untersuche momentan die Ursache. Experten hatten zuvor berichtet, dass die Radioaktivität in dem Gebiet auch von dem gut 150 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima stammen könnte.

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Auch zwei Tage nach dem Beben war am Sonntag das ganze Ausmaß der Katastrophe noch nicht erfasst. Die Behörden gehen mittlerweile von deutlich mehr als zehntausend Toten aus. TausendeMenschen werden noch vermisst. Viele Gegenden sind ohne Wasser. Im ganzen Land wird der Strom knapp, auch in der Hauptstadt Tokio muss die Energieversorgung deswegen zeitweise abgestellt werden. Größte Sorgen bereiten die Atomkraftwerke - besonders der Komplex Fukushima, der aus zwei Kraftwerken mit insgesamt zehn Reaktoren besteht. In Block 1 von Fukushima-Daiichi kam es am Samstag zu einer Knallgasexplosion, nachdem die Verantwortlichen Meerwasser eingeleitet hatten, um die überhitzten Brennstäbe zu kühlen und so eine möglicherweise fatale Kernschmelze zu verhindern. Am Sonntag erklärte Regierungssprecher Yukio Edano, eine ähnliche Explosion drohe im Block 3 der Anlage.

Edano relativierte zudem frühere Aussagen, wonach es möglicherweise bereits zu einer Kernschmelze gekommen sei. Keiner der Reaktoren in Fukushima-Daiichi stehe vor einer kompletten Kernschmelze, sagte er. Laut Edano überschritt die ausgetretene Radioaktivität zeitweise die zulässigen Grenzwerte, die Belastung sei bislang aber so niedrig, dass keine Gefahr für die Gesundheit der Menschen bestehe.

Bei den gleichfalls von Ausfällen des Kühlsystems betroffenen Reaktoren 1, 2 und 4 des Kernkraftwerks Fukushima Daini seien unterdessen die Vorbereitungen zum Ablassen von Dampf abgeschlossen, sagte eine Mitarbeiterin der Behörde. In den Reaktoren war der Druck angestiegen, durch das Ablassen des radioaktiv verseuchten Wasserdampfes kann ein Schaden am Reaktordruckbehälter vermieden werden. Wann dieses “controlled venting“ erfolgen soll, stand noch nicht fest.

Nach Aussage der japanischen Atomenergiebehörde waren bis zu 160 Menschen möglicherweise radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Die Stärke der Strahlendosis war zunächst unklar. Die Betroffenen wurden in Krankenhäuser gebracht. Mehr als 170.000 Menschen wurden im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk mittlerweile evakuiert.

Millionen ohne Strom und Wasser

Laut dem Fernsehsender NHK sind etwa 380.000 Menschen in Notunterkünften untergebracht, viele ohne Kontakt zu Hilfskräften und abgeschnitten von der Stromversorgung. Nach Schätzungen der Behörden sind bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mindestens 1,4 Millionen Haushalte ohne Wasser und 2,5 Millionen Haushalte ohne Strom.

In vielen Orten werden Benzin und Lebensmittel knapp. In der Stadt Iwaki gab die lokale Polizei Decken und Reisbälle an die notleidende Bevölkerung aus. Weder staatliche Hilfskräfte noch das Militär waren dort zu sehen.

Am Rande der Stadt Sendai brennt seit Freitag eine Raffinerie. Auch am Sonntag stiegen noch immer 30 Meter hohe Flammen aus der Anlage auf.

dpa/dapd

Rubriklistenbild: © dpa

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