1. Startseite
  2. Welt

Schlussplädoyers im Depp-Heard-Prozess – Die wichtige Rolle der Laienrichter

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Magdalena von Zumbusch

Kommentare

Die Öffentlichkeit hat sich offenbar auf Depps Seite geschlagen: Dabei ist eine völlig eindeutige Beweislage nicht gegeben - wie oft in Fällen häuslicher Gewalt.

Fairfax - Am Bezirksgericht von Fairfax County im US-Staat Virginia verklagt Johnny Depp seine Ex-Frau Amber Heard auf 50 Millionen Dollar Schadensersatz. Sie hat Gegenklage über 100 Millionen Euro erhoben. Anlass der Klage war ein Artikel in der Washington Post, in dem sie, ohne Depps Namen zu nennen, nur wenige Monate nach Ende der Beziehung über Erfahrungen von häuslicher Gewalt schrieb.

Depp wendet sich gegen die angeblichen erfundenen Aussagen von Heard, die seinen Ruf und seine Karriere als Schauspieler stark geschädigt hätten: Infolge des veröffentlichten Artikels habe er seine Rollen in den Filmen „Fluch der Karibik 5“ und „Phantastische Tierwesen“ verloren.

Prozess Johnny Depps gegen Amber Heard: Öffentliche Meinung völlig überzeugt von Depps Unschuld

Es gab noch wenige Gerichtsverfahren im Bereich der Persönlichkeitsrechtsverletzung - ja wohl überhaupt - die medial so intensiv verfolgt wurden wie der aktuell laufende Schadensersatzprozess zwischen den Schauspielern Depp und Heard: Die vielen intimen Details lieferten dem Publikum bei den endlosen Verhandlungen Unterhaltungswert. Durch seine riesige Fanbasis hatte Depp von Anfang an einen entscheidenden Vorteil gegenüber Heard, deren Bekanntheitsgrad mit dem über Jahrzehnte aufgebauten Superstar-Status ihres Ex-Manns nicht mithalten kann.

Die völlige Gewissheit der Öffentlichkeit von Johnny Depps Unschuld und Amber Heards Lügen schlägt einem auf sozialen Medien entgegen und überrascht angesichts der im Prozess bisher dargelegten Beweislage. Wirklich sicher offen gelegt hat der Prozess bislang nur eine toxische Beziehung, in der Heard sich extrem verletzend verhalten hat, genauso wie Depp.

Tonbandaufnahmen beweisen, dass Amber Heard sich verbal unangenehm verhalten hat und legen sehr nahe, dass sie auch physisch gewalttätig wurde gegen ihren Mann, was sie im Prozess auch nie ausdrücklich bestritt. Tonbandaufnahmen und Text-Nachrichten von Depp beweisen, dass auch er sich verbal oft nicht unter Kontrolle hatte: „Wertlose Nutte“ und „hässliche Fotze“ nannte er sie beispielsweise, im Jahr vor der Hochzeit, wie den Aufnahmen des Prozesses zu entnehmen ist.

Auch der Guardian hat diese Aussagen zitiert in einem Beitrag zu den verbalen Entgleisungen Depps: Das britische Gericht, das 2020 ein Urteil gegen Depp in seinem 2018 gestarteten Prozess gegen die britische Boulevard-Zeitung The Sun fällte, habe ihm gleich eine tief verwurzelten misogyne Einstellung vorgeworfen, denn auch über weitere Ex-Partnerinnen, insbesondere Vanessa Paradis, seien extreme Äußerungen dokumentiert.

„Ertränken wir sie, bevor wir sie verbrennen. Danach werde ich ihre verbrannte Leiche vögeln, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich tot ist“, schrieb er ebenfalls noch vor der Hochzeit an seinen Freund Paul Bettany. Anders als die nachgewiesene verbale Gewalt sind der Vergewaltigungsvorwurf Heards, ebenso wie ihre sonstigen Vorwürfe zu physischer Gewalt zwar weiterhin nur durch ihre eigenen Aussagen gestützt, konnten aber auch nicht mit letzter Gewissheit widerlegt werden.

Video: Verbale Verletzungen - „Warum sind wir immer so kurz vor dem Abgrund, wenn wir streiten?“

Depp-Prozess beweist nur eines sicher: Toxische Beziehung zwischen den beiden Parteien

Der Fall zeigt sehr eindrücklich, wie zerstörerisch sich die Dynamiken einer Hassliebe auswirken können. Das Publikum ist dabei jedoch nicht in erster Linie bestürzt über die Folgen einer ungesunden Beziehung, sondern sieht in Johnny Depp klar das Opfer. Depp hat es offensichtlich geschafft, die Öffentlichkeit durch die Sympathie und Zuneigung, die ihm sicher sind in seiner riesigen Fangemeinde, in sehr großen Teilen auf seine Seite zu ziehen. Möglicherweise haben auch sein ruhigeres Auftreten im Prozess und eine bessere Öffentlichkeitsarbeit seines PR-Teams geholfen. Auch dass sich Heard teils zu Aussagen und Anschuldigungen hat hinreißen lassen, die als falsch nachgewiesen werden konnten, wurde von der Öffentlichkeit geradezu gefeiert und befeuerte seine Unterstützer. Dann sprachen einige Umstände tatsächlich nicht für Heard, wie etwa zu Ende des Prozesses noch die Aussage einer ehemaligen Freundin der Schauspielerin, die im Wesentlichen gegen sie aussagte.

Nun steht das Urteil bevor, in einer Stimmung, die nicht aufgeheizter gegen Heard sein könnte. Und diese öffentliche Meinung könnte sich auf das Urteil durchaus auswirken, denn: Es entscheidet nach US-Recht über sämtliche Tatsachenfragen eine Jury aus Laienrichtern. Alleine die Rechtsfragen werden durch die Richterin Penny Azcarate entschieden.

Das heißt: Ob den Aussagen Depps oder Heards Glauben geschenkt wird und welche Zeugenaussagen wie gewertet werden, wird – alleine – durch die Laienrichter als Repräsentanten des Volkes entschieden. Die gesamte inhaltliche Bewertung der Prozessaussagen und - zusammenhänge ist nämlich „Tatsachenfrage“. Eine rechtliche Fragen ist etwa, ob die Aussage in der Washington Post hinreichend deutlich auf Depp Bezug nahm, um im Sinne des Gesetzes „ursächlich“ für eine Rufschädigung zu sein.

Juristisch durch den „Sun“-Prozess bereits bewiesen, dass Depp gewalttätig war?

Es stellt sich noch die Frage, ob das nun entscheidende Gericht in Virginia an das Ergebnis des bereits 2020 entschiedenen Verfahrens zwischen Depp und der Zeitung The Sun gebunden sein könnte. Damals hatte Depp den Chefredakteur und Herausgeber der Boulevardzeitung The Sun wegen Verleumdung verklagt, nachdem Depp in einem Sun-Artikel als „Frauenschläger“ bezeichnet wurde. Als Depps Klage 2018 in London vor Gericht kam, lag die Beweislast dafür, dass die Aussage über Depp richtig war, bei der Zeitung. 

The Sun gewann das Verfahren. Das britische Gericht kam zu der Einschätzung, dass nach Abwägung der Wahrscheinlichkeit die Anschuldigungen bewiesen seien. Dieses Urteil ist allerdings für das US-Gericht in Virginia, das nun entscheidet, nicht bindend. Erstens war in dem damaligen Prozess eine eine Abwägung der Wahrscheinlichkeiten ausreichend. Je nach Prozessrechtsordnung (die in einzelnen Rechtsgebieten anders aussieht, aber auch je nach Land unterschiedlich ausgestaltet ist) kann eine „überwiegende Wahrscheinlichkeit“ für einen Beweis ausreichen oder aber eine Tatsache zur Überzeugung des Gerichts völlig sicher feststehen müssen.

Im damaligen Verfahren wurde also nur eine überwiegende Wahrscheinlichkeit festgestellt. Außerdem könnte ein Gericht in den USA selbst bei völliger Sicherheit des britischen Gerichts anders entscheiden, da US-Gerichte nicht an Ergebnisse der Gerichte einer anderen Rechtsordnung, hier also der britischen, gebunden sind.

Video: Paar-Therapeutin spricht von gegenseitiger physischer Gewalt

Prozess gegen Amber Heard: US-Verfassung garantiert Recht auf „volksnahes“ Verfahren vor Laiengericht

Die Laienjury des Bezirksgerichts von Fairfax County hat nun also in der Klage von Depp über drei Fälle von angeblicher Rufschädigung seitens Heard zu entscheiden: Einer für die Druckausgabe des Artikels, einer für die Onlineausgabe und einer für den Zeitpunkt, zu dem Heard den Artikel getwittert hat, berichtet die juristische Plattform Legal Tribune Online (lto.de). Die Jury solle feststellen, dass die im Zeitungsartikel von Heard getätigten Aussagen „categorically and demonstrably false“, also kategorisch und nachweisbar falsch, gewesen seien. Außerdem werde beantragt festzustellen, dass Heard die Aussagen in dem Zeitungsartikel mit „actual malice“, also im Bewusstsein der Falschheit ihrer Aussagen, getätigt habe. 

Nach dem siebten Artikel der US-Verfassung ist das Recht garantiert, seine Klage vor einem Geschworenengericht zu verhandeln. Voraussetzung dafür sei nur, dass der Streitwert über 20.000 Dollar liege und die Verhandlung vor einem Geschworenengericht von Seiten einer Partei gefordert wird, berichtet lto.de.: Dies war im Fall Depp gegen Heard der Fall.

Geschworene fällen als Jury die Entscheidung einstimmig und überlassen dem Richter die Verhandlungsleitung. In der Regel besteht eine Jury aus sechs bis zwölf rechtlichen Laien, die durch ein Losverfahren aus dem Wähler- und Steuerzahlerregister ausgewählt werden: Dabei habe jede Seite der Prozessbeteiligten die Möglichkeit, eine bestimmte Anzahl an Geschworenen ohne triftigen Grund abzulehnen, so lto.de zur Zusammensetzung eines Laiengerichts.

Johnny Depp und Amber Heard stehen nun wegen einer Verleumdungsklage vor Gericht, da Depp Gewalttaten vorgeworfen wurden
Johnny Depp und Amber Heard lernten sich durch die Dreharbeiten des Film „The Rum Diary“ kennen. (Archivfoto) © Joel Ryan/dpa

Für Johnny Depp günstig: Laienrichter unter Umständen beeinflussbarer durch die „öffentliche Meinung“

Im Prozess Depp gegen Heard bestehe die Jury aus sieben Geschworenen und vier Stellvertretern, die am 11. April 2022 im Gericht in Fairfax, Virginia ausgewählt wurden, berichtet lto.de. Während Rechtsfragen wie gesagt von der Richterin Penny Azcarate entschieden werden, bleibt die Feststellung aller entscheidungsrelevanten Tatsachen der Jury überlassen.

Grundsätzlich kann eine Entscheidung durch juristische Laien über tatsächliche Fragen ebenso gut wie durch Juristen gefällt werden. Anders als über Rechtsfragen, kann über die Frage, welcher Partei und welchen Zeugen Glauben geschenkt und welches Geschehen dementsprechend zugrunde gelegt wird, ein Jurist nicht unbedingt gerechter entscheiden.

Um Aussagen einzuschätzen und Zeugenaussagen auf Widersprüche zu prüfen, reichen normaler Instinkt und Logik, könnte man argumentieren. Aber am Ende formt die jahrelange juristische Praxis (weniger als wohl die juristische Ausbildung) möglicherweise doch einen neutraleren Richter als es der Durchschnittsbürger wäre. Dass sich ein Laienrichter, der wenigen oder sogar noch keinem Verfahren beigesessen hat, leichter beeinflussen lässt von einer starken öffentlichen Meinung, scheint zumindest nicht fernliegend.

Auch interessant

Kommentare