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Kardinal Paul Josef Cordes (80) ist dienstältester deutscher Kurienkardinal und enger Mitarbeiter dreier Päpste.

Kritik an Marx

Papst-Vertrauter: Das läuft schief in der deutschen Kirche

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München - Kardinal Paul Josef Cordes (80), enger Mitarbeiter dreier Päpste, spricht im Interview über eine mögliche Revolution unter Papst Franziskus. Und übt Kritik am Münchner Kardinal Reinhard Marx.

Das Buch von Kardinal Paul Josef Cordes „Drei Päpste – Mein Leben“ ist im Herder-Verlag erschienen (336 Seiten, 19,99 Euro)

Paul Josef Kardinal Cordes (80), dienstältester deutscher Kurienkardinal, arbeitete mit drei Päpsten eng zusammen: Johannes Paul II. berief ihn 1980 zum Vizepräsidenten des Päpstlichen Rates für die Laien in Rom. 1995 wurde der gebürtige Sauerländer Erzbischof und Präsident des Päpstlichen Rates „Cor Unum“. Dieser Päpstliche Rat hat unter anderem die Aufgabe, die humanitären Hilfsaktionen des Heiligen Stuhls in Krisen- und Katastrophengebieten auf der ganzen Welt zu organisieren und durchzuführen. Zudem koordiniert er die globalen caritativen Aktivitäten der katholischen Kirche und der ihr zugehörigen Institutionen und Organisationen. Papst Benedikt XVI. berief Erzbischof Paul Josef Cordes Ende 2007 ins Kardinalskollegium. Auch nach seinem altersbedingten Rücktritt im Jahr 2010 gehörte Kardinal Cordes vor zwei Jahren zu den sechs deutschen Kardinälen, die im Konklave den neuen Papst wählten. Franziskus schickte den Sauerländer im Sommer 2013 auch als Delegaten zum Nationalen Eucharistischen Kongress nach Köln. Aktuell hat Paul Josef Kardinal Cordes seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „Drei Päpste – Mein Leben“ herausgebracht. Am Rande der christlichen Vortragsreihe „Domspatz Soirée“ im Münchner Kirchenzentrum St. Philipp Neri, wo Kardinal Cordes das Buch vorstellte, sprach er mit unserer Onlineredaktion über den Zustand der Kirche in Deutschland – und übt Kritik an einer aktuellen Aussage des Münchner Kardinals Reinhard Marx.

Eminenz, vielleicht können Sie uns als Deutscher und als Kardinal im Herz der Weltkirche eine merkwürdige Entwicklung erklären: In Deutschland gehen aktuell nur noch 10,8 Prozent der Katholiken regelmäßig in den Gottesdienst. 2013 traten fast 200.000 Deutsche aus der katholischen Kirche aus. Weltweit scheint die Kirche hingegen zu boomen. So hat die Zahl der Katholiken weltweit zuletzt um 15 Millionen Menschen innerhalb eines Jahres zugenommen. Was läuft bei der Kirche in Deutschland eigentlich schief?

Zunächst sind wir in Deutschland sehr viel stärker von der sogenannten Säkularisierung betroffen. Das heißt, dass der Mensch fälschlicherweise den Eindruck hat, er kann sein Leben selbst bestimmen. In vielen anderen Ländern ist die materielle Not und die Unsicherheit des Lebens größer, sodass schon aus diesem Grunde Gott eine wichtigere Rolle spielt. Dann läuft die Kirche Gefahr, sich in der Gesellschaft verstärkt mit weltlichen Mitteln zu organisieren, sodass bei vielen Leuten der Eindruck entsteht, die Kirche sei wie ein multinationales Wirtschaftsunternehmen. Aber das bringt den Glauben nicht mehr rüber.

Was kann die Kirche gegen den Eindruck eines glaubensfernen Apparates unternehmen?

Zum Glück haben auch in Deutschland mehrere weltweit tätige Initiativen der Glaubensvertiefung Fuß gefasst. Das ist sehr hoffnungsvoll, weil dort nach überwundener Säkularisierung und nach überwundener Überorganisation des Apparats, der Einzelne und die Gemeinschaft Freude am Glauben finden, die auch ansteckt. Verschiedene dieser Organisationen sind auch in Deutschland abseits des Kirchenapparates auf einem guten Weg.

Kardinal Cordes: Deutsche Kirche braucht neue geistliche Impulse

Welche Organisationen meinen Sie konkret?

Für Deutschland würde ich zunächst die Schönstattbewegung nennen, die auch hierzulande entstanden ist. Dann spielt das Neokatechumenat eine immer wichtigere Rolle. Mittlerweile wurden von dieser Bewegung, der weltweit rund eine Million Menschen angehören, rund hundert Priesterseminare gegründet. Hier haben wir es mit einem ganz kraftvollen neuen Aufbruch des Glaubens zu tun. Darüber hinaus will ich auch die Charismatische Erneuerung und die Charismatischen Gebetskreise nennen, die eigentlich aus den USA kommen. Dann darf ich auch die Emmanuel-Bewegung und Comunione e Liberazione nicht vergessen. Diese Gruppen haben die Versuchung der Säkularisierung schon hinter sich. Sie werden ein bisschen vom Ausland genährt und auch personell gefüttert. Ich würde mir wünschen, dass die strukturierte Kirche Deutschlands sieht, wie nötig wir diese Leute brauchen.

Das von Ihnen als vorbildhaft dargestellte Neokatechumenat wird in Deutschland zuweilen auch sehr kritisch gesehen. Stichwort: Fundamentalismus!

Ach, wissen Sie: Die neuen geistlichen Impulse stören – auch die etablierten Kirchenstrukturen. Und man sucht dann Gründe, sie loszuwerden. Dann findet man natürlich immer ein Haar in der Suppe. Ein Christenfeind findet immer einen Christen, an dem es etwas auszusetzen gibt. Und natürlich gibt es auch im Neokatechumenat Leute, die nicht dem christlichen Ideal entsprechen. Keine Frage! Aber für mich sind diese Leute die Hoffnung für eine vitale Kirche, die wieder Freude am Glauben ausstrahlt und neue Menschen für den Glauben gewinnen kann. Was bei einer verwalteten Kirche ja nicht der Fall ist.

Kardinal Cordes: Von Papst Franziskus erwarte ich keine Revolution

Ihre Erinnerungen tragen den Titel „Drei Päpste. Mein Leben im Vatikan“. Sprechen wir über den aktuellen Papst Franziskus. In Deutschland wird er in den Medien oft mit dem Begriff „Revolution“ in Verbindung gebracht. Wieviel Revolution in der Kirche dürfen wir von ihm erwarten? Kippt unter Franziskus der Zölibat? Oder kommt das Frauenpriestertum?

Das Wort „Revolution“ ist natürlich eine polemisch überzogene Etikettierung. Natürlich suchen die Medien immer markige Begriffe. Das gehört nun mal dazu. Aber: Kardinal Bergoglio war schon als Erzbischof von Buenos Aires ein ganz biederer Kämpfer für die Wahrheit und für die Gerechtigkeit. Ein Mitbruder, der aus Paderborn stammt, schilderte mir, mit welcher Hingabe er dort vor Ort bei den Menschen der Seelsorge nachging. Ihn interessiert der Glaube und Jesus Christus. Der will keine Politik machen in der Welt und in der Kirche. Die von Ihnen genannten Stichworte werden ja nicht von den Insidern des Glaubens hervorgebracht, sondern von denen, die draußen sind gefordert. Von daher erwarte ich bei diesen Themen überhaupt nichts von Papst Franziskus.

Ein Thema, das in Deutschland heiß diskutiert wird, ist die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion. Auf der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz hat der DBK-Vorsitzende Kardinal Marx einen Sonderweg angedeutet und betont: "Wir sind keine Filiale von Rom." Man werde, wenn das Papstwort nicht den eigenen progressiven Vorstellungen entspreche, einen eigenen Hirtenbrief zur Ehe- und Familienpastoral verfassen. Dürfen die deutschen Bischöfe so einen Sonderweg überhaupt gehen?

Kurze Antwort: Nein!

Und die lange Antwort?

Zunächst einmal: In seinen Äußerungen stellte der DBK-Vorsitzende Marx fest, in der Weltkirche richte man „eine gewisse Erwartung“ an Deutschland. Das wundert mich schon. Bei einer Umfrage der seriösen Bertelsmann-Stiftung kam heraus, dass nur noch 16,2 Prozent der westdeutschen Katholiken an den allmächtigen Gott als ein personales Gegenüber glauben. Für 84 Prozent der Katholiken ist Gott eine Vorsehung ohne Gesicht oder ein anonymes Schicksal oder irgendeine Urkraft. Oder sie leugnen ihn schlicht. Eigentlich haben wir also keinen Grund, uns gegenüber den Kirchen anderer Länder mit unserem Glauben hervorzutun.

Wie bewerten Sie nun die Äußerung, wonach die deutsche Kirche keine „Filiale von Rom“ sei?

Als Sozialethiker mag sich Kardinal Marx in der Abhängigkeit der Filialen von Großunternehmen auskennen. Im Kontext Kirche passen solche Aussagen eher an den Stammtisch.

Dennoch sieht sich Kardinal Marx zuständig für die Pastoral seines Kulturkreises.

Was das angeht: Bei Fragen einer Neuauflage des „Gotteslobes“ oder Entscheidungen über den Verlauf des Wallfahrtsweges nach Altötting steht dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz solche Kompetenz unbenommen zu. Anders sieht es bei der Debatte um die Probleme der wiederverheirateten Geschiedenen aus. Diese Materie ist an die Mitte der Theologie gebunden. Da kann auch ein Kardinal nicht im Handstreich die Pastoral von der Lehre trennen. Es sei denn, er wolle sich hinwegsetzen über den verpflichtenden Glaubenssinn der Worte Jesu und der verpflichtenden Aussagen des Konzils von Trient.

Keine Grundlage für "Sonderweg" deutscher Bischöfe

Also gibt es keine theologische Grundlage für einen „Sonderweg“ der deutschen Bischöfe in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen?

Die Vatikanische Konstitution über die „Göttliche Offenbarung“ lässt keinen Zweifel daran, dass sich der Glaube der katholischen Kirche allein aus der Heiligen Schrift und der kirchlichen Lehre speist. Unabhängig von dieser eindeutigen Weisung wäre es paradox, wollte man einer kleinen Gruppe von Gliedern der Kirche, die in einer geistlich bedauernswerten, aber doch objektiv irregulären Situation lebt, die Funktion einer Glaubensquelle zu sprechen.

Ist Ihrer Meinung nach die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen gar keine Frage von extremer Wichtigkeit?

Den Großteil praktizierender Glieder der Kirche betrifft dieses Problem nicht direkt. Möchten die im Herbst in Rom versammelten Hirten auch diesen Männern und Frauen Weisung geben, wie ihre Ehe sie immer tiefer im Glauben an Jesus Christus verwurzeln kann, damit sie so für viele Zeitgenossen zu Zeugen von Gottes Macht im Leben der Menschen werden. Vielleicht fällt den Synodenvätern sogar ein, denen ihre Hochachtung auszusprechen, die aus Treue gegenüber dem einmal gegebenen Eheversprechen keine neue Bindung eingegangen sind. Auch sie gibt es.

Das Buch von Kardinal Paul Josef Cordes „Drei Päpste – Mein Leben“ ist im Herder-Verlag erschienen (336 Seiten, 19,99 Euro)

fro

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