+
Kardinal Marx

Interview mit Erzbischof von München

Kardinal Marx: "Der Tod ist nicht das letzte Wort"

  • schließen

München - Tod, Auferstehung, ewiges Leben? Bewegt die Menschen nicht eher, wie sie hier auf Erden gut leben können? Wir sprachen mit Kardinal Marx über das Leben, den Tod, Ostern und die Kirche.

Welche Botschaft wollen Sie den Menschen zu Ostern mit auf den Weg geben?

Kardinal Marx: Die Botschaft lautet: Das Leben, das uns geschenkt ist, ist stärker als der Tod, die Liebe ist stärker als der Hass, es gibt Hoffnung in dieser Welt. Ich bin seit 35 Jahren Priester und predige am Osterfest und weiß, diese Botschaft ist vielleicht nicht neu. Aber sie ist spannend und positiv, und als Prediger erfüllt mich die Aufgabe mit Freude, das Große, Befreiende und Ermutigende des Evangeliums immer wieder neu zu verkündigen.

Marx: "Reden von den "leeren Kirchen" stimmt so nicht"

Bewegt das die Menschen wirklich?

Kardinal Marx im Gespräch mit Merkur-Redakteurin Claudia Möllers.

Kardinal Marx: Ostern sind weniger Menschen in der Kirche als Weihnachten, obwohl Ostern doch das wichtigste Fest der Kirche ist. Die großen Feste des Kirchenjahres gehören zusammen. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie viele Menschen auch in unserer Zeit Wert auf Rituale legen, die ihrem Leben eine Struktur geben. Gerade geprägte Zeiten im Jahreskreis wie die Fastenzeit bedeuten den Menschen immer noch sehr viel, auch wenn wir zugleich beobachten, dass sich die Bindung an die Kirche in den vergangenen 50 Jahren verändert hat. Dabei bin ich gar nicht so pessimistisch. Ich erlebe immer wieder, dass gerade junge Familien im Laufe des Jahres Anknüpfungspunkte finden, um die Bedeutung kirchlichen Lebens gemeinsam zu erfahren. Am Palmsonntag war der Dom auch in diesem Jahr sehr voll, viele junge Leute waren da wegen des Weltjugendtags. Aber das war auch in den Pfarreien so. Das ständige Reden von den „leeren Kirchen“ stimmt so nicht.

Die Auferstehung von den Toten zu glauben – ist das nicht eine Zumutung?

Kardinal Marx: Ich würde es andersherum angehen. Glauben wir, dass der Tod das letzte Wort ist? Können und wollen wir uns vorstellen, dass mit dem Tod alles vorbei ist und dass dann eben auch die Toten von Auschwitz, die Opfer von Krieg und Gewalt oder Menschen, die in jungem Alter an Krebs sterben, einfach nur Pech gehabt haben? Dass es für sie keine Zukunft und Hoffnung gibt? Dass im Leiden und Sterben in dieser Welt kein Hoffnungsschimmer aufleuchtet?

"Jesus sagt nicht einfach: So kommst du in den Himmel"

Was ist die Antwort?

Kardinal Marx: Es gibt diese Hoffnung, wenn wir auf den Gekreuzigten schauen. Es existiert keine andere Botschaft, die eine stärkere Hoffnung geben kann. Doch Ostern folgt nicht einfach einer Happy-End-Philosophie, sondern es nimmt das Leiden, die Angst, den Tod ganz ernst. Im Leiden Jesu, in seinem Sterben wird das Leid der ganzen Welt sichtbar. Wir schauen hier nicht weg, und können trotzdem in der Tiefe dieser Angst und Not sagen: Es gibt eine Hoffnung. Deshalb sollte man im Osterjubel auch die Klage der Leidenden nicht überhören.

Aufgabe der Kirche ist es, den Gläubigen zu zeigen, wie man in den Himmel kommt.

Kardinal Marx: Heute hat man den Eindruck, die Menschen interessiert mehr, dass sie auf Erden gutes Leben haben. Jesus sagt nicht einfach: So kommst du in den Himmel. Er spricht zwar vom Reich Gottes, aber er sagt deutlich: Das ist jetzt schon angebrochen. Also geht es darum, im Hier und Heute anders zu leben. Gott ist an mir interessiert, geht auf mich zu. In der Begegnung mit Jesus entdecken wir, dass wir, jeder von uns, Gottes große Liebe sind. Diese Erfahrung dreht unser ganzes Leben um. Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod. Sie wird nicht ausgelöscht, durch keine Macht der Welt, nicht durch Krankheit, nicht durch den Tod. Der Punkt ist also nicht, dass wir mit unseren eigenen Werken den Himmel verdienen. Und Umkehr bedeutet nicht, ich mache einen moralischen Hochsprung und dann ist Gott mir gnädig und öffnet mir die Tore zum Himmelreich, weil ich eine Leistung vollbracht habe, sondern seine Liebe dreht mich und bringt mich in die unzerstörbare Gemeinschaft mit ihm.

"Es ist eine falsche Politik, Europa mit einer Mauer zu umgeben"

Heute Abend, am Gründonnerstag, waschen Sie Flüchtlingen im Dom die Füße. Warum?

Kardinal Marx: Ich will ein Zeichen dafür setzen, dass diese Menschen unsere besondere Aufmerksamkeit und Wertschätzung brauchen. Durch die Umstände, die in manchen Ländern herrschen mit Krieg, Gewalt, Not und Ausbeutung, werden die Flüchtlingsströme weiter wachsen. Und deswegen müssen wir uns darum bemühen, dass diese Menschen, die aus äußerster Not heraus und unter Einsatz ihres Lebens hergekommen sind, bei uns menschenwürdig behandelt werden.

600.000 Menschen sollen an den Küsten Afrikas auf dem Sprung nach Europa sein. Sind sie alle so willkommen wie die Flüchtlinge im Dom?

Kardinal Marx: Wir können nicht alle Probleme der Welt lösen, das weiß ich. Aber wenn ich ganz konkret hier bei uns in Deutschland einen Menschen vor mir sehe, der Hilfe braucht, dann kann ich mich doch nicht einfach abwenden. Das löst nicht die politischen Fragen. Welcher Missbrauch wird betrieben von Schleppern, die am Leid dieser Menschen verdienen? Wie kann man die schwierigen Verhältnisse in den Herkunftsländern verbessern? Das können wir als Kirche allein nicht regeln. Aber wir dürfen uns nicht wundern: Solange die Armutsverhältnisse in diesen Ländern so sind und wir in einem reichen Land leben, werden viele Menschen ihr Glück dort suchen, wo Zukunft ist für ihre Kinder und ihre Familien. Europa muss sich überlegen: Wie kann man helfen, dass der Druck in der Heimat der Flüchtlinge nachlässt? Es ist eine falsche Politik, Europa mit einer Mauer zu umgeben und alle Menschen, die aus Not und politischer Verfolgung zu uns kommen, möglichst abzuwehren.

"Es gibt in unseren Gemeinden keine Ressentiments gegenüber Flüchtlingen"

Was kann Kirche tun?

Kardinal Marx: Die Pfarreien und die Caritas in unserem Erzbistum haben bereits Unterkünfte für 500 Flüchtlinge bereitgestellt. Mein Generalvikar hat ja die Gemeinden aufgerufen zu schauen, wo wir noch mehr Menschen unterbringen können. Die Pfarreien sind sehr offen dafür. Ich habe den Eindruck, es hat sich in den vergangenen Jahren etwas verändert in unserer Gesellschaft. Es gibt – jedenfalls kann ich das für unsere Gemeinden sagen -, keine Ressentiments gegenüber Flüchtlingen. Die Menschen nehmen etwa die Situation in Syrien wahr und sind bereit, diesen Flüchtlingen zu helfen. Dazu hat auch Papst Franziskus beigetragen.

Es gibt auch deutlich mehr Kirchenasylfälle. Ist das der richtige Weg?

Kardinal Marx: Ich weiß, Kirche ist kein rechtsfreier Raum. Darauf weist der bayerische Innenminister ja auch hin. Aber es gibt eine Tradition in unserem christlich geprägten Land, erst recht hier in Bayern, dass da, wo in Kirchenräumen Flüchtlingen Asyl gewährt wird, die Verantwortlichen der Politik sehr sorgsam vorgehen und Menschen nicht mit Gewalt herausholen. Das erfordert aber auch von den Pfarrgemeinden eine sorgsame Prüfung in jedem einzelnen Fall: Sind wirklich alle anderen Mittel erschöpft – etwa der Weg über die Härtefallkommission? Ich bitte schon darum, dass alle Möglichkeiten genutzt werden und das Kirchenasyl nur in äußerster Not in Erwägung gezogen wird. Wenn man das zu schnell oder flächendeckend praktizieren würde, müsste die staatliche Seite anders reagieren.

Prävention, Aufklärung und Anerkennung des Leids der Opfer nach Missbrauchsskandal vorbildlich

Sie haben nicht nur die vielen Zusatzaufgaben in Rom, Sie sind jetzt auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Welche Aufgabe genießt absoluten Vorrang?

Kardinal Marx: Ich bin noch nicht soweit, dass ich alles miteinander ins Gleichgewicht gebracht habe. Ich hoffe, alle Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen, vor allem die als Erzbischof von München und Freising. Darauf will ich größten Wert legen, das ist meine Hauptaufgabe (klopft nachdrücklich mit der Faust auf den Tisch). Es wird sicher in den nächsten ein, zwei Jahren noch etwas ruckeln. Ich bitte um Verständnis, dass ich vielleicht etwas zurückhaltender bin bei der Zusage von Terminen. Aber ich möchte den Gläubigen sagen: Zuerst bin ich euer Bischof, da will ich mich bemühen, möglichst oft in eurer Mitte zu sein.

Die Kirche bei den Menschen wieder glaubwürdiger zu machen nach Missbrauchsskandal, Finanzproblemen und der Affäre Tebartz-van Elst – was können Sie als Vorsitzender der Bischofskonferenz machen?

Kardinal Marx: Vertrauen kann man leicht verlieren; es wieder herzustellen, ist dagegen ungeheuer schwer. Das kann man nicht mit ein paar Maßnahmen oder einer Werbekampagne erreichen. Das ist ein längerer Weg, das weiß auch der Papst. Die Bischöfe können da, wo wir Glaubwürdigkeit verloren haben, versuchen gut zu reagieren. Beim Missbrauchsskandal haben wir z.B. schon viel gemacht: bei Prävention, Aufklärung und Anerkennung des Leids der Opfer. Das kann sich sehen lassen und ist vorbildhaft, wie auch manche außerhalb der Kirche zugestehen. Jetzt läuft auch das neue Forschungsprojekt an. Man könnte sagen: Versprochen – gehalten.

Finanzskandal: "Ich möchte versuchen, aus einer defensiven Haltung herauszukommen"

Und die Transparenz bei den Finanzen?

Kardinal Marx: Das ist ein schwieriges Unterfangen, weil die Kirche eine Gemeinschaft und Institution ist, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Es gibt Tausende von Vermögensträgern, Klöster, Vereine, Pfarreien, Stiftungen. Deshalb bin ich auch etwas vorsichtig. Ich will nur versprechen, was wir auch halten können – und nicht sagen: In einem Jahr legen wir alles auf den Tisch...

Was können Sie denn versprechen?

Kardinal Marx: Ich kann versprechen, dass wir im Erzbistum Schritt für Schritt vorangehen. Wir müssen transparent, nachvollziehbar die Finanzen darlegen. Aber auch zeigen, mit welchen Verpflichtungen das Vermögen verbunden ist. Wir wollen ja auch bei den Finanzen nachhaltig arbeiten und immer an die kommenden Generationen mit denken. Das Geld soll ja zum Beispiel helfen, dass wir auch in 100 Jahren noch Kirchen renovieren, Schulen unterhalten und caritativ tätig sein können. Und ich möchte versuchen, aus einer defensiven Haltung herauszukommen. Wir haben in den vergangenen Jahren Schwierigkeiten gehabt, es gab auch berechtigte Vorwürfe, die uns belastet haben. Man muss das sauber aufarbeiten, so dass die Menschen sagen: Aha, die haben das verstanden und versuchen es besser zu machen.

Marx: Eigentlicher Sinn der Kirche durch Skandale verdunkelt

Wie sieht die Offensive aus?

Kardinal Marx: Die liegt in der Botschaft des Evangeliums. Es muss deutlich werden: Was ist das Zentrum, um das sich alles dreht? Dass die Menschen Christus finden! Es ärgert mich manchmal, dass nur über die Institution Kirche gesprochen wird. Die ist nur Instrument, damit die Stimme Jesu hörbar wird. Es kann sein, dass diese Skandale und Schwierigkeiten die Aufmerksamkeit so stark auf sich ziehen, dass verdunkelt wird, was eigentlich der Sinn der Kirche ist. Und das ist besonders schlimm. Da muss man raus! Ohne die Worte des Evangeliums wäre dieses Land doch gar nicht das, was es ist und sein sollte. Für mich undenkbar! Was und wer soll denn die Stimme Jesu ersetzen in Bayern? Christus verkünden in dieser Gesellschaft, dazu gibt es Kirche.

Wie sieht Ihr persönliches Osterfest aus?

Kardinal Marx: Für einen Bischof, einen Priester sind die Gottesdienste natürlich die tragende, große Erfahrung. Es ist wirklich so: Ich fühle mich wohl, wenn ich zusammen mit den Gläubigen Gottesdienst feiern kann. Ich weiß, da gehöre ich hin, das ist mein Leben. Und hier im Bischofshaus läuft es wie in einer fast familiären Hausgemeinschaft. In der Osternacht, wenn die Schwestern, der Kaplan und ich vom Dom zurück sind, essen wir alle noch ein Osterei und trinken vielleicht ein Glas Sekt. Die Schwestern verstecken für die Ministranten am Ostersonntag überall im ganzen Haus Ostereier. Und mittags esse ich im Priesterseminar mit den Seminaristen.

Das Interview führte Claudia Möllers

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Siebenfache Eltern sterben bei Verkehrsunfall
Bad Arolsen - Ein Elternpaar mit sieben Kindern ist bei einem schweren Autounfall in Hessen ums Leben gekommen. Für die Waisen wurde eine Spendenaktion ins Leben gerufen.
Siebenfache Eltern sterben bei Verkehrsunfall
Tod von Niklas: Angeklagter bestreitet Tatbeteiligung
Der 17-jährige Niklas starb in Bonn nach einem Schlag auf die Schläfe. Die Stadt stand unter Schock. Die Staatsanwaltschaft hält den Schläger für überführt - doch der …
Tod von Niklas: Angeklagter bestreitet Tatbeteiligung
"Explornaut" Matthias Maurer: Neuer deutscher Astronaut
Das Training läuft schon länger, nun ist ein weiterer Schritt getan: Der Saarländer Matthias Maurer soll neuer Astronaut der Raumfahrtagentur Esa werden. Wann der …
"Explornaut" Matthias Maurer: Neuer deutscher Astronaut
Schätzung: Fast 300 Obdachlose seit 1991 erfroren
Obdachlose unter Brücken, in Hauseingängen, in Unterständen - viele von ihnen sind in den vergangenen Jahren in Deutschland erfroren. Die Linke wirft der Regierung vor, …
Schätzung: Fast 300 Obdachlose seit 1991 erfroren

Kommentare