Ein Blick auf die Geflüchteten-Unterkunft in Kassel. Hier wurde im November 2020 ein Mann von einem Sanitäter geschlagen und die Polizei griff nicht ein. Ein Video von  em Vorfall empört.
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Ein Blick auf die Geflüchteten-Unterkunft in Kassel. Hier wurde im November 2020 ein Mann von einem Sanitäter geschlagen und die Polizei griff nicht ein. Ein Video von dem Vorfall empört.

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Sanitäter schlägt fixierten Mann: Jetzt äußert sich der Betroffene - „Ich sollte das Video löschen“

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  • Helena Gries
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    Jan-Frederik Wendt
  • Alina Schröder
  • Ulrike Pflüger-Scherb
    Ulrike Pflüger-Scherb

Ein Video aus Kassel zeigt, wie ein Sanitäter einen gefesselten Mann schlägt. Anwesende Polizisten greifen nicht ein. Jetzt äußert sich der geflüchtete Mann.

  • Ein Video aus Kassel sorgt bundesweit für Aufsehen.
  • In einer Geflüchteten-Unterkunft greift ein Sanitäter einen wehrlosen Mann an – dessen Anwalt erhebt schwere Vorwürfe.
  • Nun hat sich der aus Syrien geflüchtete Mann zu dem Video und den Vorfällen geäußert.

Update vom Sonntag, 14.03.2021, 22.24 Uhr: Wie die Bild-Zeitung am Sonntagabend (14.03.2021) berichtet, hat sich der Syrer jetzt zu den Vorfällen geäußert. Er soll vor den Geschehnissen, die in einem Video veröffentlicht wurden, betrunken in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel randaliert haben.

Am Tag zuvor sei in der Türkei seine Cousine gestorben, sagt der 32-jährige Geflüchtete gegenüber der Bild-Zeitung. „Als ich es erfuhr, habe ich mir Whisky gekauft, mich betrunken. Danach weiß ich nichts mehr.“ Er sei erst am nächsten Morgen in der Zelle wieder aufgewacht. Nachdem er wieder in der Flüchtlingsunterkunft in Kassel angekommen war, erzählte ihm der Hausmeister von den Aufzeichnungen der Überwachungskamera.

Sanitäter schlägt fixierten Mann: Syrer entschuldigt sich - „Ich hatte noch nie Ärger mit der Polizei“

Als er die Bilder zum ersten Mal sah, habe er sich erschreckt und das Video an die Polizei übermittelt. Die Beamten versprachen, das Material zu sichern, so die Bild. „Sie sagten mir, ich solle es löschen. Und bloß nicht veröffentlichen“, zitiert die Bild-Zeitung den Mann aus Syrien. Die betrunkene Randale tue ihm sehr leid: „Ich möchte mich dafür bei allen entschuldigen. Ich hätte nicht trinken sollen. Ich hatte noch nie Ärger mit der Polizei“, berichtet die Bild-Zeitung weiter.

Sanitäter schlägt fixierten Mann: Anwalt erhebt schwere Vorwürfe

Update vom Samstag, 13.03.2021, 12.02 Uhr: Die Bild-Zeitung hat am Donnerstag (11.03.2021) ein Video veröffentlicht, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Das Material zeigte einen Rettungssanitäter, der einen gefesselten Flüchtling ins Gesicht schlägt. „Das angesprochene Video macht uns fassungslos“, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums. Es sei völlig inakzeptabel eine wehrlose Person zu schlagen - unabhängig davon, wie sich die fixierte Person zuvor verhalten haben mag.

Wenn Polizisten Zeugen einer solchen Straftat würden, müssten sie sofort mit „aller Entschlossenheit“ einschreiten. Das Landespolizeipräsidium habe eine umfassende Aufklärung in die Wege geleitet. Gegen die Polizeibeamten würden disziplinarische Konsequenzen geprüft.

Nordhessens Polizeipräsident äußert sich zum Video

Auch Nordhessens Polizeipräsident Konrad Stelzenbach hat sich zu dem Video geäußert. Rettungsdienst und Polizei müssten zu jeder Zeit ihre Garantenstellung einnehmen und integer sowie rechtsstaatlich agieren.

Adnan Aykac, der Hamburger Anwalt des Flüchtlings, sagte, man habe mit Reaktionen auf das Video gerechnet. Vom Ausmaß sei er jetzt aber doch überrascht. Die Intention hinter der Veröffentlichung sei gewesen, dass man die mögliche Einstellung des Verfahrens verhindern wollte. „Beim Lesen der Akten hat sich mir der Eindruck vermittelt, dass es genau darauf hinauslaufen könnte“, sagte Aykac. „Das zeigt, dass die Justiz auf dem rechten Auge blind ist“, so Aykac.

Nach veröffentlichtem Video: Beamte berichten über Einsätze mit aggressiven Personen

Auch mehrere Beamte haben sich anonym zu dem veröffentlichen Video geäußert. Wegen der heiklen Situationen wollen sie ihre Namen nicht nennen. Laut ihrer Ansicht kommen Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrleute bei Einsätzen mit aggressiven Personen immer wieder an ihre Grenzen - vor allem, wenn sich Randalierer nicht beruhigen lassen. „Wenn du dahin fährst, ist das eine komplette Ausnahmesituation – auch wenn du ausgebildet bist“, sagt einer von ihnen.

Allerdings sind sich alle einig: Der Schlag des Sanitäters gegen den fixierten Mann war falsch. „Sowas habe ich auch noch nie erlebt“, sagt ein Polizist. Was er nachvollziehen kann, ist, unter welchem Druck die im Video zu sehenden Beteiligten gestanden haben müssen.

Sanitäter schlägt fixierten Flüchtling: Polizeipräsident zeigt sich fasssungslos

Update vom Freitag, 12.03.2021, 14.37 Uhr: Zu dem Vorfall in der Flüchtlingsunterkunft in Kassel, bei dem ein Rettungssanitäter einen geflüchteten Mann geschlagen hat, äußert sich nun der Polizeipräsident des Präsidiums Nordhessen, Konrad Stelzenbach. „Ich darf Ihnen versichern, dass mich die Abläufe vom 08.11.2020, so wie sie in der Videosequenz zu sehen sind, fassungslos und betroffen machen“, heißt es in einer Pressemitteilung am Mittag.

Gewalt gegen eine fixierte und dadurch wehrlose Person sei nicht zu tolerieren. „Ganz unabhängig davon, was zuvor vorgefallen ist“, ergänzt Stelzenbach. Persönlich will er sich für eine Aufklärung des Sachverhaltes einsetzen. Inzwischen habe die Polizei in Kassel drei Strafverfahren eingeleitet und an die Staatsanwaltschaft übergeben.

Vorfall in Kassel: Mehrere Strafverfahren eingeleitet

Ein Strafverfahren richtet sich gegen den 32-jährigen Geflüchteten, unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Aber auch gegen den Sanitäter wird ein Strafverfahren wegen Körperverletzung eingeleitet. Drei Polizeibeamte müssen unter anderem wegen Strafvereitelung im Amt ebenfalls mit Konsequenzen rechnen. Gleichzeitig wurden gegen die Beamten disziplinarrechtliche Überprüfungen eingeleitet, heißt es seitens des Polizeipräsidents.

„So unangemessen das Verhalten des 32-jährigen Störers gegenüber den Kollegen im Vorfeld auch gewesen sein mag: Das in dem Video offenkundig teilnahmslose Verhalten der eingesetzten Polizisten ist für mich nicht akzeptabel“, betont Stelzenbach. Die Beamten hätten am 08.11.2020 einschreiten müssen. „Wir tragen auch für Straftäter Verantwortung und keine für die Polizei noch so frustrierende Situation darf uns dazu verleiten, unserer Pflicht als Schutzleuten nicht nachzukommen. Das erwarte ich von allen Kolleginnen und Kollegen“, ergänzt Stelzenbach.

Kassel: Sanitäter schlägt geflüchteten Mann – Anwalt äußert sich

Update vom Freitag, 12.03.2021, 10.20 Uhr: Nachdem die Szenen aus der Flüchtlingsunterkunft in Kassel veröffentlicht worden sind, in denen ein Rettungssanitäter einen geflüchteten Mann schlägt, äußert sich nun auch dessen Anwalt, Adnan Aykac, zu dem Angriff. Gegenüber der Bild sagte er, dass dieser an Folter grenze. Laut Ayakc sei es außerdem „absolut skandalös“, dass die Polizei die Vorgänge in der Nacht zum 8. November 2020 verharmlose.

Auch beim Arbeiter-Samariter-Bund Kassel (ASB), bei dem der Sanitäter beschäftigt war, ist man schockiert über die Aufnahmen. Man habe den Mann direkt nach Bekanntwerden der Vorwürfe fristlos gekündigt, so der Geschäftsführer Michael Görner. Falls die Anschuldigungen zutreffend seien sollten, wäre dies mit den Werten der Hilfsorganisation unvereinbar. „Der ASB distanziert sich damit auf das Deutlichste von jeglicher Art von Gewalt“, heißt es in einer Stellungnahme.

Vorfall in Kassel: Rettungssanitäter schlägt geflüchteten Mann – Video im Internet

Erstmeldung vom Donnerstag, 11.03.2021, 19.50 Uhr: Ein Video aus einer Kasseler Flüchtlingsunterkunft sorgt seit am Donnerstag (11.03.2021) für Schlagzeilen. Dort ist in einer kurzen Szene zu sehen, wie ein Sanitäter des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Kassel in Anwesenheit zweier Polizisten einen Flüchtling ins Gesicht schlägt, der auf einer Trage fixiert ist. „Dieses Skandal-Video schockt Deutschland“, titelte die „Bild“, die die Aufnahmen online veröffentlicht hatte.

Durch den Faustschlag soll dem Mann das Jochbein gebrochen worden sein. „Sanitäter prügelt auf gefesselten Syrer ein – Polizisten schauen gleichgültig zu“, schreibt die „Bild“, der das Video nach eigenen Angaben zugespielt worden ist. Die Auseinandersetzung auf dem Video ist nach Informationen der HNA allerdings wesentlich länger als die Szene, die die Bild-Zeitung veröffentlicht hat.

In Kassel wurde ein Mann von einem Sanitäter geschlagen. Die Polizei griff nicht ein. (Symbolbild)

Sanitäter schlägt Syrer in Kassel – Mann randalierte offenbar in Unterkunft

Der Vorfall ereignete sich bereits in der Nacht zum Sonntag, 8. November 2020, in der Flüchtlingsunterkunft am Platz der Deutschen Einheit. Damals berichtete die Polizei zwar über den Vorfall, aber in der Pressemitteilung war keine Rede davon, dass der Sanitäter den Flüchtling ins Gesicht geschlagen hatte. Vielmehr stand da, dass ein betrunkener Mann in der Unterkunft randaliert und versucht habe, die Sanitäter mit einer Leiter zu attackieren. Zudem sei es zu mehreren Spuckattacken gegen die Beamten und die Rettungskräfte gekommen. Nach solch einer Spuckattacke soll der Sanitäter zugeschlagen haben.

Die Beamten, die bei dem Schlag des Sanitäters dabei waren, hätten diese Attacke in ihrem Bericht dokumentiert, sagte Polizeisprecher Matthias Mänz am Donnerstagabend. Es sei zunächst aber nicht die Intensität des Schlages bekannt gewesen, daher habe man diesen auch nicht in der Pressemitteilung erwähnt. Wie heftig der Sanitäter zugeschlagen hat, sei erst deutlich geworden, nachdem der Syrer bei der Polizei mit dem Video erschienen sei, das von der Hauskamera der Flüchtlingsunterkunft aufgenommen worden war.

Flüchtling in Kassel erstattet Anzeige bei Polizei wegen Körperverletzung

Der Mann habe auf dem Revier Anzeige gegen den Rettungssanitäter wegen Körperverletzung erstattet. Zudem habe man umgehend gegen die Polizeibeamten ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung eingeleitet, so Mänz. Es sei nun Sache der Staatsanwaltschaft festzustellen, wie das Verhalten rechtlich zu werten sei.

Nachdem die Vorwürfe gegen den Sanitäter bekannt geworden seien, habe man ihn vom Dienst freigestellt und unmittelbar seine fristlose Kündigung ausgesprochen, so ASB-Geschäftsführer Michael Görner. (Ulrike-Pflüger Scherb)

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