Stacheldraht auf einem Zaun vor einer Mauer
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Selten wird über die Bedingungen hinter den Klinikmauern des Maßregelvollzugs gesprochen. (Symbolbild)

Recherche deckt auf

Teils katastrophale Zustände in forensischen Kliniken

In Kliniken für psychisch kranke Menschen gibt es zu wenig Platz, zu wenige Pflegekräfte und viel Gewalt. Das zeigen Recherchen von BuzzFeed News.

Von Carolin Haentjes und Antonia Märzhäuser

Es ist eine abgeschottete Welt, von der kaum etwas nach außen dringt: Der Maßregelvollzug, also die Unterbringung von psychisch kranken und suchtkranken Menschen in forensischen Kliniken. Selten wird über die Bedingungen hinter den Klinikmauern gesprochen. 

Doch eine monatelange Recherche von BuzzFeed News Deutschland* zeigt jetzt: Mehr als 13.000 Menschen in Deutschland sind den Recherchen zufolge aktuell in 78 Maßregelvollzugskliniken untergebracht – mehr als jemals zuvor. In neun Bundesländern sind die Kliniken überfüllt, in zwei weiteren ist die Kapazitätsgrenze erreicht. Das geht aus Anfragen an alle 16 Bundesländer hervor. 

Ärzte und Therapeuten berichten, dass Behandlungen häufig ausfallen und von nicht ausreichend qualifiziertem Personal durchgeführt werden. Patienten werden in Isolierzimmer einquartiert, die eigentlich für Notfälle frei bleiben sollten, Zimmer werden überbelegt. Häufig kommt es zu Gewalt und Zwangsmaßnahmen. Angestellte berichten, dass sie gefährliche Situationen nicht deeskalieren können, weil das Personal fehlt.

Einige Bundesländer haben es geschafft, die psychiatrische Unterbringung vergleichsweise gut zu organisieren, in anderen droht die Lage zu eskalieren. Besonders heikel sieht es etwa in Nordrhein-Westfalen aus: Hier gibt es rund 1000 Planbetten zu wenig. In Niedersachsen warten 120 Personen auf einen Platz im Maßregelvollzug, die meisten von ihnen in Freiheit. Aus Sicht des niedersächsischen Richterbundes „birgt das erhebliche Gefahren für die Gesellschaft“, heißt es auf Anfrage – weil die psychisch kranken oder suchtkranken Personen weiter in Freiheit blieben und dort weitere Straftaten begehen könnten. 

Mehrere Bundesländer klagen auf Anfrage über die Überbelegung. Aus dem Justizministerium Sachsen-Anhalt heißt es, die dauerhaft hohe Belegungssituation habe sich im Jahr 2020 extrem verschärft, NRW schreibt von „Kapazitätsengpässen“, Bayern von einem „starken Belegungsdruck“. Bürokratischer Fachjargon für: Wir haben ein Problem.

„Es wurden phasenweise Zimmer, welche für eine Person vorgesehen sind, mit zwei Personen belegt. Bei stark angespannter Belegungssituation wurden zeitlich begrenzt Besucher- und Krisenzimmer belegt“, schreibt das Ministerium aus Brandenburg. In Rheinland-Pfalz kamen immer wieder drei Patienten in Zimmer, die für zwei Personen vorgesehen sind. Und in Bremen schliefen Patienten in Reservebetten, Beobachtungszimmern oder auf anderen Stationen. 

Doch es fehlt nicht nur an Betten, es fehlt vor allem auch an Pflegekräften. „Je restriktiver die Bedingungen, desto häufiger knallt es“, sagt Gisela Neunhöffer von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Durch die Belastung steigen dann auch Krankenstände.“ Wie viel Fachpersonal fehlt, ist nicht bekannt. In den meisten Bundesländern gibt es nicht einmal klare Regeln dafür, wie viel Personal für wie viele Patienten zuständig sein sollte.

Diese Recherche ist mit einem Stipendium des netzwerk recherche gefördert worden. Eine ausführliche Version dieser Recherche zu den Zuständen in forensischen Kliniken lesen Sie auf BuzzFeed News*. Das Recherche-Team erreichen Sie unter recherche@buzzfeed.de*BuzzFeed News ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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