Katastrophe in Kattowitz: Sirenen verstummt - nur noch Leichenwagen

- Warschau/Kattowitz - Die ganze Nacht zum Sonntag hindurch standen Dutzende von Rettungswagen mit rotierenden Blaulichtern um die Ruinen der Messehalle im oberschlesischen Kattowitz. Immer wieder zwängten sich Notärzte und Sanitäter durch die eilig im Stahlgewirr frei geschweißten Lücken. Doch auch wenn in den ersten fünf Stunden nach der Katastrophe 141 Verletzte in die Krankenhäuser in Kattowitz, dem benachbarten Chorzow und umliegenden Städten gebracht wurden, verstummten die Sirenen am späten Abend. Nur noch Leichenwagen verließen das Messegelände.

Marian Pacud gehörte zu denen, die Glück hatten. Sein Gesicht war blutverschmiert von einer geplatzten Augenbraue, doch als er in die Kameras des polnischen Nachrichtensenders TVN 24 blickte, war ihm noch das Erstaunen darüber anzusehen, dass er die Katastrophe überlebt hat. "Ich hörte ein Geräusch und schaute nach oben, und da kam die Decke auch schon herunter", schilderte er. Pacud trieb Frau und Tochter zur Eile an, sie konnten sich noch aus der einstürzenden Halle retten, doch er selbst wurde von etwas getroffen und verlor das Bewusstsein. "Als ich wieder zu mir kam, war ich verschüttet, aber ich konnte die Hand herausstrecken und rief: Zieht mich raus, zieht mich raus! Und dann hat mich irgendwer aus den Trümmern gezogen", sagte er, noch ganz unter dem Eindruck des Geschehens.

"Alles geschah innerhalb von Sekunden", schilderte eine Überlebende, die mit Kopfverletzungen in einem Kattowitzer Krankenhaus lag. "Ich hörte Schreie und begann zu laufen. Die Halle ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen." Helfer und Überlebende bezeichneten die Szenen am Unglücksort als Albtraum. "Das war die Hölle", sagte ein Mann, der erst am Abend aus den Trümmern der verbogenen und geborstenen Stahlkonstruktion geborgen wurde, mit zitternder Stimme.

Bis Sonntagnachmittag wurden 66 Leichen geborgen. Das Unglück während einer internationalen Brieftaubenausstellung ist die schlimmste derartige Katastrophe im polnischen Bauwesen. Und es ist ein Unglück, dass sich gewissermaßen ankündigte, wenn die ersten Mutmaßungen stimmen. Denn es wird vermutet, dass das Dach der Messehalle unter dem Druck der Schneemassen nachgab und einstürzte. Die Kälte könnte zudem die Stahlkonstruktion angegriffen haben. Ähnliche Vorfälle gab es in Polen in den vergangenen Tagen extremer Kälte wiederholt, doch stets wurden die betroffenen Gebäude rechtzeitig geräumt.

Die Verantwortlichen der Messefirma versichern, das Dach sei regelmäßig von Schnee geräumt worden, doch Gäste eines nahe gelegenen Hotels berichteten, nur ein Drittel des Daches sei vom Schnee befreit worden. Alles hätte noch viel schlimmer enden können, glaubt Daniel Dudzik vom slowakischen Brieftaubenzüchterverband. "In den Mittagsstunden waren 12 000 bis 15 000 Menschen in der Halle, dann wäre die Zahl der Opfer noch größer gewesen."

Anders als die Menschen haben viele Brieftauben das Unglück offenbar unbeschadet überstanden. Fernsehbilder zeigten gurrende Tauben, die auf den Trümmern saßen. In Kattowitz und in der ganzen Bergbauregion, in der Solidarität traditionell zählt, löste das Unglück eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Dutzende spendeten Blut, andere brachten Decken und heiße Getränke zu den Absperrungen am Unglücksort.

An den Rathäusern des polnischen Kohlereviers hängen die rotweißen polnischen Fahnen mit einem Trauerflor. Mit Grubenunglücken haben die Oberschlesier traurige Erfahrung gesammelt. Dass diese Katastrophe ausgerechnet im Zusammenhang mit dem bei den Kumpels so beliebten Brieftaubensport steht, können viele von ihnen nicht fassen.

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