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Bergretter üben die Bergung eines Verschütteten nahe dem Kärntner Bergdorf Mallnitz (Foto vom 19.12.2009).

Die Kehrseite des Pulverglücks - Bergretter im Einsatz

Mallnitz - Wo das Abenteuer lockt, lauert auch die Gefahr: Auch diesen Winter wagen sich immer mehr Skiläufer auf Geländetouren abseits der gebahnten Pisten. Die Bergretter setzen ihr Lebens aufs Spiel.

Die Zeit drängt. Im Eiltempo stochern die Männer der Bergrettung aus dem Kärntner Bergdorf Mallnitz mit ihren drei Meter langen Lawinensonden in den Schnee. Plötzlich ein Widerstand, weich wie ein Kissen. “Da liegt er!“ Jetzt heißt es schaufeln bis zur Erschöpfung, um den Verschütteten aus dem Schnee zu befreien. Die Schweiß rinnt, der Atem der Retter geht schneller - Schwerstarbeit. Nach weniger als einer Minute kommt der Kopf zum Vorschein.

“Gut gemacht“, sagt Bergführer Viktor Steiner zu seinen Leuten. Es war nur eine Übung. Eine von unzähligen, die tausende Bergrettungsleute im Alpenraum absolvieren, um auch in dieser Wintersaison im Falle eines Falles gewappnet zu sein.

Die Auslagen in den Wintersportabteilungen der Sportgeschäfte sprechen eine deutliche Sprache. Die Skier sind doppelt so breit wie noch vor ein paar Jahren, Helme liegen da neben Rückenprotektoren und Lawinenschaufeln. Die Sportartikel-Industrie hat im Fahrwasser des sommerlichen Outdoor-Booms auch für den Winter eine neue Zielgruppe entdeckt. Die Kernaussage ihrer PR-Strategen: Weg von der gesicherten Piste, rein ins Gelände, in den staubenden Tiefschnee. Freiheit und Abenteuer statt Skischule.

Das propagierte Winterglück mit strahlendem Sonnenschein und stiebendem “Champagne Powder“ hat eine Schattenseite: Lawinen! Der Weiße Tod ereilt jedes Jahr zig Skifahrer, die den ultimativen Kick in unberührten Steilhängen suchen - oder einfach nur Pech haben und zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Der Lawinenwarndienst des österreichischen Bundeslandes Tirol sprach im vergangenen Winter von “beinahe täglichen Lawinenereignissen mit Personenbeteiligung“. Hinzu kommen andere alpine Gefahren: Absturz, Steinschlag, Gletscherspalten.

Allein Lawinen töten in Österreich jedes Jahr 20 bis 30 Menschen, meistens junge Männer. “Zu steiler Hang bei zu schlechten Bedingungen“, lautet oft die Analyse danach. Tausende Bergretter sind im Alpenraum jeden Tag in Alarmbereitschaft, um verunglückten Ski- Abenteurern im Notfall zu helfen - oder schlechtestenfalls ihre Leichen zu bergen. Sie setzen ihr eigenes Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel. Vor einem Jahr starben im Südtiroler Fassatal in Italien vier Bergretter, als sie zwei verschüttete Touristen aus einer Lawine holen wollten und selbst unter die Schneemassen gerieten.

Viktor Steiner ist ein Kerl wie ein Baum. Scheinbar ebenso kräftig, fast genauso schweigsam. Steiner ist einer von gut 30 Aktiven des Bergrettungsdienstes in Mallnitz, einem 800-Seelen-Dorf am Alpenhauptkamm. Jedes Jahr sind er und seine Kollegen gefragt, wenn orientierungslose Snowboarder im ungesicherten Gelände um Hilfe rufen, wenn sich Skibergsteiger überschätzt haben - oder wenn das für Laien unberechenbare Wetter im Hochgebirge plötzlich umschlägt.

Der Ankogel ist eine Majestät unter den Bergen Österreichs. Das eindrucksvolle Gebilde aus Urgestein ragt 3252 Meter hoch in den Himmel über Mallnitz. Unterhalb des Gipfelkreuzes tummeln sich die Wintersportler auf den Pisten. Die wagemutigeren unter ihnen geben sich mit den maschinell planierten Schneebändern längst nicht mehr zufrieden. Sie wollen ins Gelände, den Reiz des Tiefschnees spüren, die Leichtigkeit des Schwingens im Pulver erleben, ihre eigene Spur in die unberührte weiße Natur ziehen.

Doch der Pulvertraum ist tückisch. Immer häufiger heißt es: Alarm für die Bergretter! Wie im vergangenen Winter in Mallnitz: Zwei Studenten aus Villach suchen das Tiefschnee-Abenteuer und landen in einer gefährlichen Falle. Wegen der schlechten Sicht merken die beiden viel zu spät, dass sie schnurstracks auf einen Lawinengraben zusteuern. In den Sommermonaten schießt ein tosender Wasserfall über den Felsabbruch mehr als 100 Meter zu Tal. Knapp davor kommen beide zum Stehen. Es gibt kein Weiterkommen, aber auch kein Zurück - tiefer, grundloser Schnee und Felsabbrüche machen es unmöglich.

“Über ihr iPhone haben sie ihre GPS-Koordinaten an einen Freund weitergeben, der hat die Alpinpolizei informiert“, schildert Steiner die dramatische Situation am Nachmittag des 6. Februar 2010. Dann ist er selbst gefragt: Die Bergretter schaffen es - der Technik sei Dank - die genaue Position der beiden Wintersportler am Computer zu ermitteln und in die GPS-Geräte der Suchmannschaft einzugeben. Doch ein großer Trost ist das Ergebnis nicht: “Sie saßen mitten im Hauptlawinengraben fest“, berichtet Steiner.

Der Lawinenlagebericht für Kärnten hatte bei Schneefall und heftigem Wind die Warnstufe 3-4 ausgerufen - erhebliche, stellenweise sogar große Lawinengefahr. Von steilem Gelände mit mehr als 30 Grad Hangneigung sollte man sich da tunlichst fernhalten. Der Graben hat bis zu 40 Grad Gefälle.

“Eine kleine Lawine hätte ausgereicht und wir wären aus dem Graben nicht mehr herausgekommen“, analysiert Steiner im Nachhinein. Wenn aber Menschenleben in Gefahr sind, schätzt man sein eigenes Risiko anders ein. Mit seinem Bergführer-Kollegen Alois Krenn und weiteren sechs Bergrettern macht sich Steiner als Voraustrupp auf den Weg. Mit Steigeisen an den Füßen wählen sie den Weg über einen eisigen alten Jägersteig - das erscheint ihnen noch am sichersten. Der Rest der Mannschaft und die Alpinpolizei sichern für den Rückzug die steilen und vereisten Passagen mit Geländerseilen, die Feuerwehr leuchtet die Aufstiegsroute aus.

Tatsächlich sind die Retter noch rechtzeitig zur Stelle. “Wir holten die beiden so schnell wie möglich aus dem Graben“, sagt Steiner. Am Seil zwischen zwei Bergrettern gesichert, werden die Erschöpften ins Tal geführt. Zwei Menschenleben mehr, die Steiner in seinen vielen Jahren als Aktiver gerettet hat. Sechs Stunden nach dem Alarm ist er wieder bei seiner Frau Ulrike und seinen beiden Töchtern.

Ein Held will der 47-Jährige aber ganz und gar nicht sein. “Helden sind meistens schon tot“, sagt er. Vor zwei Jahren hat ihm das Bundesland Kärnten die Lebensretter-Medaille zuerkannt. Damals hatte er einen abgestürzten Arzt aus Wien bei einem schwierigen Einsatz aus einer vereisten Steilwand zum rettenden Bergeseil geholt - ohne Seil, ohne Sicherung, nur mit Steigeisen an den Füßen und dem Eispickel in der Hand. “Da geht man alleine, da wird man nicht hingeschickt“, sagt Steiner.

Damit solche Einsätze möglichst die Ausnahme bleiben, verwenden die Bergrettungsdienste, Alpenvereine und Wintersportorte immer mehr Energie auf Vorbeugung. Die Angebote geführter Freeride-Touren mit Ortskundigen werden häufiger, Lawinenkurse der Alpenvereine sind gut gebucht. Eine der Kernaussagen dort: Wer nach einer Viertelstunde nicht aus der Lawine gerettet ist, stirbt! Fast immer sind die Tourenbegleiter der Lawinenopfer gefragt - die professionellen Bergretter kommen in den meisten Fällen zu spät. “Wir brauchen realistisch betrachtet mindestens 30 Minuten“, sagt Ulley Rolley, Bergrettungsärztin in Mallnitz. “Dann ist es meistens zu spät.“

Auch Karl Gabl vom österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit stellte in einer Untersuchung fest: “Auffällig ist die hohe Zahl von tödlich verunglückten Alleingängern. Jeder fünfte Lawinentote im Winter 2007/2008 war ein Einzelgänger.“ Zeit ist Leben bei der Suche nach Lawinenopfern. Das ist der Grund warum die Bergretter selbst längst in Fleisch und Blut übergegangene Abläufe immer wieder trainieren und auch noch die letzten zeitfressenden Unzulänglichkeiten auszumerzen versuchen.

Wie beatmet man ein Lawinenopfer mit Herzstillstand? Wie verlaufen die Feldlinien des Lawinensenders? Aus welcher Richtung schaufelt man den Verschütteten frei, ohne dabei seine Atemhöhle zu zerstören? Seiltechniken, Knoten, der Umgang mit dem Recco-Suchgerät, Schneedeckenaufbau und Wetterkunde. Den Bergrettern stellen sich dauernd Fragen über Fragen. Die richtigen Antworten darauf geben den Wintersportlern Sicherheit. Die Helme und Protektoren in den Schaufenstern versprechen diese nur.

dpa

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