"Kidnapping ist an der Tagesordnung"

- Der Terrorismus-Experte Guido Steinberg arbeitete für das Bundeskanzleramt, bevor er zur Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) wechselte. Kürzlich veröffentlichte er das Buch "Der nahe und der ferne Feind - die Netzwerke des islamistischen Terrorismus" (Beck-Verlag, München).

Welches Motiv steckt hinter der erneuten Entführung im Irak? Bislang soll es weder ein Bekennerschreiben, noch eine Lösegeldforderung geben.

Steinberg: Es ist zu früh, definitive Aussagen über das Motiv zu machen. Für einen politischen Hintergrund spricht der Ort der Entführung: Beidschi ist seit 2003 bereits eine Hochburg der Aufständischen und ein wichtiges Zentrum der irakischen Ölindustrie, die gezielt bekämpft wird. Doch es gibt auch einige Hinweise, dass es sich um einen kriminellen Hintergrund handeln könnte. Immerhin ereignete sich die Tat kurz nach den Meldungen über eine Lösegeldzahlung der deutschen Regierung im Fall Osthoff.

Die Berichte über die Lösegeld-Millionen könnten Nachahmungstäter auf den Plan gerufen haben?

Steinberg: Das kann man nicht ausschließen. In der Regel verbreiten sich Nachrichten über Lösegeldzahlungen sehr schnell. Im Irak spielt dieser Aspekt aber eher eine untergeordnete Rolle. In diesem Land musste auch vorher schon jeder Ausländer, der sich frei bewegte, damit rechnen, entführt zu werden.

Der Bundesnachrichtendienst spricht von einer Entführungsindustrie. Wie sind die Kidnapper organisiert?

Steinberg: Über die politisch motivierten Gruppen, die irakischen Aufständischen, ist im Detail sehr wenig bekannt, außer, dass sie sich mitunter über Entführungen finanzieren. Ein Großteil der Entführungen ist aber der Organisierten Kriminalität zuzuordnen. Im Irak ist Kidnapping weiterhin an der Tagesordnung.

Stimmt es, dass Geiseln zwischen den Gruppen regelrecht weiterverschachert werden?

Steinberg: Das ist in der Vergangenheit in einigen Fällen geschehen. Meist aber handelt es sich bei den Opfern um vermögende irakische Privatleute oder ihre Angehörigen, die gezielt verschleppt und nach Zahlung eines Lösegeldes freigelassen werden. Politische Entführungen oder der Weiterverkauf von Geiseln sind die Ausnahme.

Dem BND wurde vorgeworfen, mit zwei seiner Agenten in die US-Luftangriffe auf Bagdad verstrickt gewesen zu sein. Hat die Debatte auch in der arabischen Welt eine Rolle gespielt?

Steinberg: Die Diskussion wurde in der arabischen Welt selbstverständlich wahrgenommen. In den letzten Jahren ist das Interesse an Deutschland deutlich gestiegen. Wir müssen davon ausgehen, dass jede interessante Nachricht sehr schnell ihren Weg in die arabischen Medien findet. Dies hat positive, aber auch negative Seiten.

Auch interessant

Kommentare