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„Kinder gelten nicht als vulnerable Gruppe“: Mega-Inzidenz in Kitas - aber keine Quarantäne

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Von: Patrick Mayer

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Schwer von der vierten Corona-Welle getroffen: das sächsische Leipzig und der dazugehörige Landkreis.
Schwer von der vierten Corona-Welle getroffen: das sächsische Leipzig und der dazugehörige Landkreis. © IMAGO / imagebroker

Das Coronavirus verbreitet sich in Sachsen rasant in den Kitas. Im Landkreis Leipzig werden die Kinder laut einem Bericht nicht mal mehr in Quarantäne geschickt.

Dresden - Die Lage ist offensichtlich außer Kontrolle. Sachsen versinkt in der vierten Welle der Coronavirus-Pandemie gesundheitspolitisch im Chaos. Am Montag (22. November) bereitete sich das östliche Bundesland auf Triage in seinen Kliniken vor. „Wir müssen triagieren, und das werde ich diese Woche mit meinen Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken noch mal besprechen“, erklärte Landesärztekammer-Präsident Erik Bodendieck dem Sender NDR.

Coronavirus in Sachsen: Teil-Lockdown in Corona-Hotspot begonnen

Just am selben Tag hatte der Corona-Hotspot mit seinen etwas mehr als vier Millionen Einwohnern einen Teil-Lockdown wegen sehr hoher Coronavirus-Infektionszahlen begonnen. Das öffentliche Leben wurde teilweise heruntergefahren. Heißt: Bars, Clubs, Weihnachtsmärkte und andere Freizeiteinrichtungen mussten schließen, die Gastronomie darf unter der Anwendung der 2G-Regel (geimpft oder genesen) nur noch bis 20 Uhr öffnen. Zum Start in die neue Woche lag die 7-Tage-Inzidenz bei 960,7.

Eines bleibt indes uneingeschränkt geöffnet: die Kitas. Und das, obwohl sich in diesen offenbar ein hohes Infektionsgeschehen ausgebreitet hat. t-online verweist in einem Bericht exemplarisch auf die Kindertagesstätten im Landkreis Leipzig (rund 260.000 Einwohner). Demnach teilte der Landkreis mit, dass - Stand 20./21. November - 20 Kitas von Corona-Infektionen betroffen waren. Erinnert man sich nun an die erste Phase der Corona-Pandemie zurück, in der jeder einzelne Corona-Ausbruch in einer Kita für helle Aufregung sorgte, ist das schon beachtlich. In einem Landkreis wohl gemerkt. Die hohen Infektionszahlen unter den Kleinkindern, die natürlich erst im Heranwachsen sind und viel sowie unbedarft miteinander spielen, hatten sich lange angedeutet. Wie so vieles vor der vierten Welle in der Pandemie.

Corona-Infektionen bei Kinder: Hohe Ansteckungsgefahr, aber fast immer milde Verläufe

Ein Beispiel: Bereits Ende Oktober berichtete das Nachrichtenmagazin Stern, dass es gerade unter den nicht-impffähigen Kindern viele Infektionen gebe. Als Beleg wurde eine Grafik dargestellt, die, Stand 29. Oktober, die „Inzidenzen nach Altersgruppen in Kreisen und Städten abbildete“. Beim Landkreis Leipzig verteilten sich die Inzidenzen wie folgt:

Altersgruppen:7-Tage-Inzidenz:
0 bis 4 Jahre159
5 bis 14 Jahre304
15 bis 34 Jahre276
35 bis 59 Jahre236
60 bis 79 Jahre123
80+ Jahre163

Quelle: Github/semohr; RKI; Destatis, dargestellt bei stern.de, Stand 29. Oktober 2021

Bei anderen Stadt- oder Landkreisen ließen sich die Ansteckungen unter Kindern noch deutlicher nachvollziehen. Etwa in Flensburg, wo zum selben Zeitpunkt die Inzidenz bei den 0 bis 4-Jährigen bei 136 lag, bei den 5 bis 14-Jährigen bei 251, bei den 35 bis 59-Jährigen dagegen nur bei 54 - und bei den 60 bis 79-Jährigen vorübergehend sogar nur bei 0. In Bayern lag die Inzidenz bei Kindern Mitte November laut Bayerischem Rundfunk (BR) bereits bei über 1.000. Es war demnach zu diesem Zeitpunkt der höchste Wert, den das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) seit Beginn der Pandemie ermittelt hatte. Zurückzuführen war dies jedoch auf die vergleichsweise vielen Tests.

Und: Laut eines Schreibens des Robert-Koch-Instituts (RKI), das bereits am 19. August 2021 veröffentlicht wurde, „erkranken Kita- und Grundschulkinder weniger häufig und stark als Erwachsene“ an Covid-19. Das deckte sich mit späteren Beobachtungen aus dem Südwesten der Republik: Laut SWRdata machten zwischen dem 26. Oktober und dem 22. November Kinder in Baden-Württemberg 3,1 Prozent aller Hospitalisierungen und in Rheinland-Pfalz 4,1 Prozent aller Corona-Patienten im Krankenhaus aus. Das Risiko, das es dennoch gibt, umschrieb der Münchner Infektiologe Christoph Spinner Ende Oktober im BR-Podcast „Corona News“: „Sie dürfen aber nicht vergessen, dass Kinder oft mit ihren Eltern und Großeltern in einem Haushalt leben und gemeinsame Sozialkontakte haben, was den Infektionsdruck auf die erwachsene Bevölkerung erhöht.“

Kinder in der Corona-Pandemie: Kitas in Sachsen bleiben trotz vieler Coronavirus-Infektionen offen

Zurück zu Sachsen: Das sächsische Sozialministerium wird in dieser Gemengelage - 20 Kitas mit Corona-Infektionen nur im Landkreis Leipzig - mit den Worten zitiert: „Kinder und Jugendliche gelten nicht als vulnerable Gruppen und erkranken selten schwer an Covid-19.“ Darum bestehe keine Notwendigkeit, flächendeckend Kitas und Schulen zu schließen, heißt es weiter: „Angestrebt wird die Absonderung möglichst weniger Kinder und Jugendlicher, um den Regelbetrieb weitgehend aufrechtzuerhalten und die psychosozialen Auswirkungen zu minimieren.“ t-online schildert in seinem Bericht exemplarisch von der Kita „Waldknuffel“ in Markranstädt südwestlich von Leipzig.

Dort hätten sich innerhalb einer Woche fünf Erzieherinnen und Erzieher mit dem heimtückischen Coronavirus angesteckt. Dies entspreche hochgerechnet einer Inzidenz von 17.000. Das Chaos ist offenbar groß.

Im Video: Landesärztekammer zu Corona - Müssen Triage in Sachsen vorbereiten 

So habe die Kita-Leitung den Eltern in einem Brief mitgeteilt, dass das Gesundheitsamt kaum erreichbar sei. Gleichzeitig hätten sich mehrere Kinder einzig in der Einrichtung „Waldknuffel“ ebenfalls infiziert, schreibt t-online weiter. Als das Gesundheitsamt des Landkreises Leipzig schließlich erreichbar gewesen sei, habe dieses mitgeteilt: „Durch das hohe Infektionsgeschehen werden keine Kinder und Erzieher*Innen zurzeit in Quarantäne geschickt und auch keine Quarantänebescheide ausgestellt.“

Währenddessen breitet Corona offenbar nicht nur im Freistaat allgemein, sondern insbesondere in den Kitas unter den Kindern rasant aus. Quarantäne gibt es in Sachsen für die kleinsten Mitbürger deshalb aber offensichtlich nicht mehr. (pm)

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