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UN-Generalsekretär Guterres nennt Weltklimabericht „Dokument der Schande“ – doch es gibt auch Hoffnung

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Der Weltklimarat legte am 4. April einen Bericht vor, wie der menschengemachte Klimawandel gestoppt werden kann.
Bergbaumaschinen arbeiten im Braunkohletagebau Garzweiler, im Hintergrund Windräder. (Symbolbild) © picture alliance/dpa | Federico Gambarini

Die Zeit zum Handeln sei gekommen, heißt es in einem vergangene Woche veröffentlichten Bericht des Weltklimarats (IPCC). UN-Generalsekretär Guterres erhebt Vorwürfe gegen Politik und Wirtschaft.

Genf - Nur eine rasche und drastische Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes kann die Erderwärmung nach Einschätzung des Weltklimarats noch auf maximal 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzen. Vor 2025 müssten die weltweiten Treibhausgasemissionen sinken, statt zu steigen, schlussfolgert der sechste Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC). Der Welt bleiben also noch rund 30 Monate, die Zeit rennt. UN-Generalsekretär Antonio Guterres erhob aufgrund des IPCC-Berichts schwere Vorwürfe gegen Wirtschaft und Politik.

Klima: Rund 30 Monate Zeit um menschengemachte Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen

Im Durchschnitt lag der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen zwischen 2010 und 2019 so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Allerdings habe sich die Wachstumsrate verlangsamt, heißt es im Bericht. Aber ohne unverzügliche Verringerungen der Emissionen sei das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen. Dazu gehört etwa im Energiesektor, erheblich weniger fossile Energieträger zu nutzen, den Verkehr und andere Sektoren weitgehend zu elektrifizieren, die Energieeffizienz zu verbessern und alternative Kraftstoffe wie Wasserstoff zu nutzen. Bis 2050 müsse die Nutzung von Kohle komplett eingestellt und die von Erdgas und Erdöl deutlich verringert werden, mahnen die IPCC-Experten. Wie der aktuelle Ukraine-Konflikt zeigt, könnte Deutschland durch einen Umstieg auf erneuerbare Energien nicht nur die Umwelt schützen, sondern auch seine Abhängigkeit von Russland bei Kohle, Öl und Gas reduzieren.

Für den aktuellen Bericht des Weltklimarates hatten Hunderte Wissenschaftler aus 65 Ländern in den vergangenen Jahren Zehntausende Studien ausgewertet. Im nun veröffentlichten sechsten Sachstandsbericht stellten die Autoren fest: „Seit dem Fünften Sachstandsbericht (veröffentlicht 2014, Anm. d. Red.) gibt es stärkere Belege für beobachtete Veränderungen von Extremen wie Hitzewellen, Starkniederschlägen, Dürren und tropischen Wirbelstürmen sowie insbesondere für deren Zuordnung zum Einfluss des Menschen.“ Viele der Veränderungen seien unumkehrbar, vor allem die Veränderungen des Ozeans, von Eisschilden und des globalen Meeresspiegels. Es sei eindeutig, dass der Einfluss des Menschen die Erde und Ozeane erwärmt habe, die jüngsten Veränderungen seien seit vielen Jahrhunderten bis Jahrtausenden beispiellos.

Kaiserpinguine springen von einer Eiskante in der Antarktis ins Meer.
Kaiserpinguine springen von einer Eiskante in der Antarktis ins Meer. © picture alliance/dpa/XinHua | Liu Shiping

IPCC-Vorsitzender Hoesung Lee macht Hoffnung: „Wir haben die Werkzeuge und das Wissen“

„Wir sind an einem Scheideweg. Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, können eine lebenswerte Zukunft sichern“, erklärte der IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee die IPCC-Ergebnisse. Doch er machte auch Hoffnung: „Wir haben die Werkzeuge und das Wissen, um die Erwärmung zu begrenzen.“ Es seien mittlerweile effektive Klimaschutzmaßnahmen, gesetzliche Regulierungen und Marktmechanismen bekannt, betonte Lee. „Wenn diese entsprechend skaliert und breiter angewendet werden, können sie tiefgreifende Einsparungen von Emissionen unterstützen und Innovationen ankurbeln.“

Weltklimabericht: Vier Gründe, die Hoffnung machen

UN-Generalsekretär spricht von „Dokument der Schande“ – Greta Thunberg warnt vor „falschem Optimismus“

Trotz vereinzelt positiver Entwicklungen, macht der Bericht des Weltklimarates klar, dass die Zeit zu Handeln jetzt ist und ruft zu mehr Tempo beim Klimaschutz auf. Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg warnte zudem vor falschem Optimismus. „Wenn ihr den neuen IPCC-Bericht lest, behaltet im Hinterkopf, dass die Wissenschaft vorsichtig ist und dass das hier in den Verhandlungen von Ländern verwässert worden ist“, schrieb die 19-Jährige auf Twitter. Vor der Veröffentlichung des Teilberichts zur Begrenzung des Klimawandels hatten die Forscherinnen und Forscher rund zwei Wochen lang mit Staatenvertretern um finale Formulierungen gerungen. Thunberg kritisierte, manchen scheine es eher darum zu gehen, den Verursachern des Klimawandels falsche Hoffnung zu geben anstatt „die unverblümte Wahrheit auszusprechen, die uns eine Chance zum Handeln geben würde“.

UN-Generalsekretär Guterres sieht die Politik und Wirtschaft in der Verantwortung. Auf den veröffentlichten Bericht des Weltklimarats bezogen sagte er: „Es ist ein Dokument der Schande, ein Katalog der leeren Versprechen, die die Weichen klar in Richtung einer unbewohnbaren Erde stellen“, so Guterres in einer Videobotschaft. „Sie ersticken unseren Planeten“, sagte der UN-Generalsekretär über Regierungen und Firmen, die für hohe Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind.

Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer wunderte sich über die zu geringe mediale Berichterstattung zum Thema. „Der bahnbrechende Bericht, der aufzeigt, wie unwahrscheinlich es ist, dass wir als Menschheit noch halbwegs gesammelt aus der Klimakrise rauskommen und erklärt, was wir tun müssen, damit das doch noch passiert, kriegt keine Minute in der Tagesschau“, schrieb sie auf Twitter und fügte hinzu: „Es macht sprachlos.“

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