Umgestürzte Bäume und Totholz liegen am Wegesrand.
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Umgestürzte Bäume und Totholz in einem Mischwaldbestand liegen am Rand eines Waldweges. Der Zustand der deutschen Wälder ist alarmierend. (Archivbild)

„Gegen den Klimawandel gibt es keine Impfung“

Waldsterben in Deutschland: Experte warnt vor „Problem, das viel größer ist als Pandemie“

  • Veronika Arnold
    vonVeronika Arnold
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„Gegen den Klimawandel gibt es keine Impfung“, warnt ein Waldexperte und sieht Deutschland vor Problemen, die viel größer werden könnten, als die Corona-Pandemie.

Berlin - Um den deutschen Wald ist es so schlecht bestellt wie seit Jahrzehnten nicht. Die Lage ist bitterernst. So fasste auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner die Lage im Waldzustandsberichts 2020 kürzlich zusammen und bilanzierte: „Unsere Wälder sind krank“. Im vergangenen Jahr starben in Deutschland so viele Bäume wie noch nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984. Ganze 138.000 Hektar Wald gingen demnach verloren.

Deutsche Wälder bedroht: „Tote Bäume, soweit das Auge reicht“

Grund für die enormen Schäden sind Stürme, Dürre und Schädlinge - allen voran der Borkenkäfer. In Regionen wie dem Harz in Sachsen-Anhalt gebe es „tote Bäume, soweit das Auge reicht“, sagte Klöckner. Aber insgesamt sei ganz Deutschland von dem Phänomen betroffen. Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, sieht uns sogar auf ein Problem zusteuern, das sich gar größer erweisen könnte, als die Corona-Pandemie.

Waldexperte schlägt Alarm und warnt vor „Problem, das viel größer ist als Pandemie“

In einem Beitrag für focus.de beschreibt der Waldexperte die extremen Folgen, die der desaströse Zustand des Waldes für die Umwelt hat. Vor allem der Klimawandel und die veränderten Wetterbedingungen bereiten Ibisch Sorgen. „Wir haben weltweit die heißeste Dekade hinter uns, die es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gegeben hat. Wir haben eine historische Dürre erlebt, in weiten Teilen Deutschlands sind die Böden außergewöhnlich stark ausgetrocknet“, schreibt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Umweltstiftung. Trotz vermehrter Niederschläge hätten sich die Gewässer in Deutschland nicht von den Defiziten der vergangenen Jahre erholen können. „Grundwasserpegel sinken“, so Ibisch. Und das wird Folgen haben.

„Und schon kehren nach dem Winter die Sorgen zurück, dass sich da noch etwas erhebt im Hintergrund, was viel größer ist als diese historische Pandemie, die uns im Griff hat.

Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Waldsterben in Deutschland droht: Experte warnt vor Kipppunkt mit extremen Folgen

Im Zusammenspiel mit weiteren Stressfaktoren wie Krankheiten und Insekten sieht der Experte die deutschen Wälder vor einem Kipppunkt, der ein Waldsterben zur Folge haben könnte. Vertraute Landschaften könnten so für immer ihr Gesicht verändern. „Monokulturen brechen flächig zusammen. Die Fichte ist eine vielen Menschen wohlbekannte Baumart, ein forstlicher Brotbaum mit großer wirtschaftlicher Bedeutung, der innerhalb weniger Jahre in weiten Teilen Deutschlands aus der Landschaft verschwindet“, prophezeit Ibisch.

„Es ist kein Ausreißer-Jahr. Es wird immer trockener“, erklärte auch Nicole Wellbrock, Expertin beim Thünen-Institut für Waldökosysteme. In den Jahren 2019 und 2020 sei die Sterberate der Bäume im Vergleich zu den Vorjahren „deutlich höher geworden“, sagte Wellbrock. Vor allem ältere Bäume über 60 Jahre seien vom Absterben bedroht.

Klimawandel setzt Wäldern zu - Extreme Folgen auch für Tierwelt

Auch für die Tierwelt bleiben diese Entwicklungen nach Ansicht von Professor Ibisch nicht ohne Folgen. „Die Populationen von immer mehr Tierarten kollabieren. Viele Insekten-, Spinnen- oder Vogelpopulationen befinden sich im freien Fall“, so seine deutlichen Worte.

Waldexperte mit eindringlichem Appell: „Gegen den Klimawandel gibt es keine Impfung“

Angesichts der vermeintlichen Entschleunigung im Zusammenhang mit der weltweiten Corona-Pandemie appelliert der Experte an die Menschen. Nicht nur sie seien ein Jahr nach Beginn der Corona-Krise erschöpft - auch die Ökosysteme müssten auftanken und bräuchten eine Verschnaufpause. „Gegen den Klimawandel gibt es keine Impfung und gegen Konsum oder Bauwut von uns Menschen auch nicht. Nur unser Einsehen kann helfen. Wir müssen innehalten. Es geht ums Ganze, die Natur, von der wir ein Teil sind, unser Leben“, so sein eindringlicher Appell. (va/dpa)

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