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Frauen bei einer Aktion unter dem Motto "Stoppt Genitalverstümmelung" in Berlin (Archivfoto)

"Desert Flower Centers" in Berlin

Klinik hilft Frauen mit Genitalverstümmelung

Berlin - Tausende Mädchen täglich werden bei einer sogenannten rituellen Beschneidung verstümmelt - ein traumatisches Erlebnis, an dem Überlebende ihr Leben lang leiden. Eine Klinik in Berlin bietet nun ganzheitlich Hilfe.

Bestsellerautorin und Ex-Model Waris Dirie („Wüstenblume“) ist das wohl bekannteste Opfer der Genitalverstümmelung: Die Nomadentochter aus Somalia wurde als Mädchen beschnitten. Das Trauma verarbeitete sie nicht nur in dem Roman, sondern auch durch ihren Einsatz im Kampf gegen Genitalverstümmelung bei Frauen. Am Mittwoch wollte Dirie in Berlin als Schirmherrin bei der Eröffnung des „Desert Flower Centers“ am Krankenhaus Waldfriede dabei sein. Es ist die erste Klinik europaweit, die betroffenen Frauen eine chirurgische und psychologische Rundumbetreuung anbietet.

„Die erste Patientin wurde bereits versorgt, am Donnerstag stehen drei weitere Eingriffe an“, berichtete Chefarzt Roland Scherer, Experte für Darm- und Beckenbodenchirurgie. „Für die Zukunft rechnen wir mit 50 bis 100 Patientinnen pro Jahr.“ Bezahlt werden die Operationen von den Krankenkassen oder im Bedarfsfall - falls kein Versicherungsschutz besteht - über eine Stiftung. Die rekonstruierenden Eingriffe sind unterschiedlich aufwendig, denn die Beschneidungen fallen unterschiedlich radikal aus - vom Abschneiden der Klitoris über das zusätzliche Entfernen der Schamlippen bis hin zum fast vollständigen Vernähen des Genitalbereichs.

Nach den meist mit Rasierklingen, Messern oder Glasscherben durchgeführten Eingriffen komme es oft zu chronischen Entzündungen im Genitalbereich, Inkontinenz und Fistelproblemen, weil Enddarm und Scheide durchstoßen wurden, berichtet Scherer. Schmerzen und Unfruchtbarkeit seien oft die Folge, aber auch erhöhte Kindersterblichkeit, denn viele Babys blieben im durch Narben und Nähte verengten Geburtskanal stecken.

Die WHO geht davon aus, dass derzeit weltweit rund 140 Millionen Mädchen und Frauen verstümmelt leben, vor allem in Afrika. Etwa jede Vierte stirbt an den direkten oder langfristigen Folgen des Eingriffs. In Deutschland leben schätzungsweise 50 000 Opfer. Etwa 6000 afrikanische Mädchen sind von dem Eingriff - etwa während eines Ferienaufenthalts in der Heimat - bedroht.

Katharina Kunze von der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes wollte ebenfalls zur Eröffnung des Centers kommen. „Für Frauen, die körperliche und psychische Probleme haben, ist das absolut zu begrüßen.“ Aber nicht jede betroffene Frau brauche eine solche Operation. „Die meisten brauchen vor allem Verständnis für ihre Lage. Ärzte, vor allem Gynäkologen, sollten besser informiert sein und nicht verwundert reagieren. Viele Betroffene werden sozial ausgegrenzt.“

Auch die Wahl-Berlinerin Hadja Kaba (57) hat das schmerzhafte Ritual hinter sich: Im Alter von sieben Jahren wurde sie in Guinea traditionell beschnitten - auf eigenen Wunsch. „Ich wollte dazu gehören.“ Heute ist die mehrfache Mutter und Gründerin des Vereins Mama Afrika Vorkämpferin gegen die Genitalverstümmelung. „Das Thema ist nach wie vor tabu. Es wird von Müttern an Töchter weitergegeben, man spricht nicht laut darüber.“

Noch wichtiger als Operationsmöglichkeiten in Europa ist ihr deshalb Aufklärung in Afrika. „Wir müssen dort reden, reden, reden.“ Auf Initiative des Vereins solle in ihrer Heimatstadt Kankan ein Kindergarten entstehen, sagt Kaba. „Ein erster Schritt für die Bildung der Kinder und als Anlaufstelle für Eltern.“ Auch regelmäßige Infoveranstaltungen gegen Mädchenbeschneidung solle es dort geben.

Stichwort: Genitalverstümmelung bei Frauen

Bei der Genitalverstümmelung von Mädchen oder Frauen (FGM, Female Genital Mutilation) werden die äußeren Geschlechtsorgane teilweise oder ganz entfernt. Dies tun rituelle Beschneiderinnen mit Messern, Rasierklingen oder Glasscherben, meist unter unhygienischen Bedingungen und ohne Narkose. Etwa 15 Prozent der Frauen wird der Genitalbereich bis auf eine winzige Öffnung zugenäht. Zum ersten Geschlechtsverkehr oder zur Entbindung muss diese Naht dann wieder geöffnet werden. Die FGM kommt traditionellerweise in 28 Ländern Afrikas, im Süden der Arabischen Halbinsel und einigen Ländern Asiens vor.

dpa

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