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Noch fröhlich und entspannt: Die Chapmans bei ihrer Abreise in der Türkei.

Sie waren ausgerüstet für ein Jahr

Gepäck-Chaos: Paar wartet 3 Wochen auf seine Koffer

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Berlin - Es ist das wohl größte Gepäck-Chaos aller Zeiten: Nach Sturm Niklas verschwanden tausende Koffer vom Flughafen Berlin "Tegel". Eine Katastrophe für die Chapmans, die ihr gesamtes Hab und Gut dabei hatten.

Als Kim und Steve Chapman nach einem Jahr fernab der Heimat endlich im Flieger von Berlin nach Kanada sitzen, macht sich ihr Gepäck auf zu anderen Abenteuern. München. Berlin. Köln. Oder doch Übersee? So genau weiß das niemand. Auf irgendeinem Gepäckband kreisen vier Riesen-Hockey-Taschen und eine Golf-Ausrüstung im Wert von 6.000 Dollar herum, bevor sie in einem Lager gehortet werden, weil sie niemand holt. Klamotten, Schuhe, Schmuck - Gepäck für ein Jahr. Spurlos verschwunden. "Es ist alles einfach nur unbegreiflich", sagt Kim Chapman. Die 51-Jährige und ihr Mann können nicht verstehen, was da im fernen Deutschland passiert ist. Und die Fluggesellschaft "Air Berlin" gibt sich ziemlich hilflos.

Denn das hier ist alles andere als die übliche "Gepäck verloren"-Geschichte. Es dürfte das wohl größte Gepäck-Chaos in der deutschen Flughafen-Geschichte dahinter stecken. Am 31. März 2015 tobt Sturmtief Niklas über Deutschland. Am Berliner Flughafen "Tegel" gibt es die strengsten Auflagen für Unwetter in ganz Deutschland und es tritt an diesem Orkan-Tag eine Regel in Kraft, die bisher noch nie angewendet wurde: Die Verantwortlichen stoppen die Gepäckaufbereitung frühzeitig, da die Gefahr zu groß ist, dass herumfliegende Koffer die Arbeiter verletzen. Das Absurde: Die Flugzeuge sind trotzdem geflogen. Ohne das Gepäck abzuladen.

"Zumindest die Passagiere sollten weiterreisen können", erklärt ein Air-Berlin-Sprecher gegenüber unserer Online-Redaktion. Damit war das Riesen-Durcheinander programmiert. 6.000 Gepäckstücke, deren Besitzer sich auf die Reise nach sonstwohin machten, blieben im Berliner Flughafen. Und dazu die ganzen Koffer IN den Maschinen, obwohl die Reisenden, denen sie gehörten, in Berlin ausstiegen. Das Flugzeug der Chapmans kam aus Antalya, landete in Berlin und flog dann weiter nach München. Möglicherweise mit dem Gepäck der Chapmans.

Steve Chapman coachte das türkische Nationalteam

Das Koffer-Chaos in Berlin hat viele erwischt, die Chapmans hatten aber besonderes Pech: "Wir waren ja nicht im Urlaub, sondern mit unserem ganzen Hab und Gut unterwegs", erzählt Kim Chapman. Ihr Ehemann hatte als Golflehrer das Angebot bekommen, die türkische Golf-Nationalmannschaft ein Jahr lang zu coachen. Steve Chapman hatte seine wertvolle Golf-Ausrüstung dabei. So lange die verschwunden ist, kann er seiner Arbeit nicht nachgehen. Einiges haben sie jetzt nachgekauft, sagen sie. Immerhin können sie ja nicht wochenlang mit der Kleidung herumlaufen, die sie beim Abflug getragen haben. Schätzungsweise 10.000 Dollar kostet sie die ganze Sache. Die Zahlungsbelege sammeln sie eifrig - Air Berlin hat bereits versichert, ihnen bei den Kosten entgegenzukommen, berichtet Kim Chapman.

Drei Wochen lang wartet die Kanadierin auf die Nachricht, dass sie und ihr Mann ihr Gepäck endlich wieder bekommen. Jeden Tag postet sie auf Facebook Sätze wie "Immer noch keine Spur von unseren Sachen." Auch über die Korrespondenz mit Air Berlin hält sie ihre Freunde auf dem Laufenden. Ihr Mann schreibt in einer Mail: "Ich kann auch persönlich nach Berlin kommen und beim Suchen helfen. Immerhin dürfte es nicht so viele Golfausrüstungen in dieser Dimension geben." Wenn es nur so leicht wäre.

"Ich steige nie wieder ohne mein Gepäck in ein Flugzeug"

Laut Air Berlin war der Plan nach dem Stopp der Gepäckaufbereitung, dass die Reisenden per Hand Formulare ausfüllen mit der Nummer ihres Gepäcks, die sie beim Einchecken erhalten haben, einer näheren Beschreibung und den Kontaktdaten. Irgendwas ist bei den Chapmans - wie bei vielen anderen - ordentlich schief gelaufen, sie haben keine "Claim"-Nummer bekommen, die ihnen ihr Gepäck zugeordnet hätte. "Die Frau am Schalter war aber auch furchtbar im Stress", erklärt die 51-jährige Kanadierin. Immerhin hatte sie tausende Daten zu verwalten.

"Es hat allein eine Woche gedauert, bis wir die Angaben der Reisenden in ein Programm eingespeist hatten", berichtet der Air Berlin-Sprecher. Davor konnte man keinen einzigen Koffer zurückschicken. Weiteres Problem: Viele Reisende waren unter den angegebenen Adressen schon gar nicht mehr zu erreichen. Knapp drei Wochen nach dem Sturm sind immer noch 450 Koffer übrig. Das Flughafenmanagement steht mittlerweile unter heftiger Kritik, eine Sprecherin des Bodendienstleisters GlobeGround Berlin hat laut Berliner Morgenpost angekündigt, dass das System überarbeitet werde.

Für die Chapmans ist das nur ein kleiner Trost nach all den Unannehmlichkeiten. Immerhin: Ziemlich genau drei Wochen nach ihrem Rückflug in die Heimat kam dann die erlösende Nachricht. Die Koffer sind gefunden und über Chicago auf dem Weg nach Toronto. Wo sie die ganze Zeit über waren? Diese Frage konnte bisher niemand beantworten. Air Berlin hat den Chapmans nur eine kryptische Mail geschickt mit einem Abkürzungs-Wirr-Warr. Irgendwo ist von Icelandair zu lesen.

Kim Chapman versteht das alles nicht, weil es auch kein normaler Mensch verstehen kann. Aber eines hat sie gelernt: "Ich steige nie wieder ohne mein Gepäck in ein Flugzeug."

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