Im Kofferraum verschleppt

- Berlin/Bagdad - Einen Monat nach der Freilassung der Archäologin Susanne Osthoff haben Geiselgangster im Irak zwei Ingenieure aus Leipzig in ihre Gewalt gebracht. Offenbar waren die beiden Männer erst seit drei Tagen in der Krisenregion, als ein bewaffnetes Kommando sie am Dienstagmorgen entführte. Der Bundesnachrichtendienst befürchtet, die neue Geiselkrise könnte den Fall Osthoff an Dramatik übertreffen.

Es war kurz vor 11 Uhr, als sich mit Thomas de Maiziè`re erstmals ein Regierungsvertreter zu dem Entführungsfall äußerte: "Die bisher noch unbestätigten Meldungen scheinen sich zu bestätigen", sagte der Kanzleramtschef, der just an diesem Tag zu einem Festakt in die Berliner BND-Zentrale gekommen war (siehe unten). Bei den Opfern handele es sich um "zwei junge Leipziger", so der Minister.

Nach bestätigten Meldungen arbeiteten die Ingenieure für den Anlagenbauer "Cryotec" in Bennewitz bei Wurzen. Die Firma hat sich auf Anlagen zur Erzeugung von Sauerstoff und Stickstoff spezialisiert, die auch in Ölraffinerien benötigt werden. Aus diesem Grund waren die sächsischen Ingenieure am Wochenende nach Beidschi gekommen. Die Stadt liegt etwa 200 Kilometer nördlich von Bagdad und gilt als Unruheherd. "Mein Interesse ist, die Kollegen gesund und kurzfristig zurückzubekommen", erklärte Cryotec-Geschäftsführer Peter Bienert.

Aus Sicherheitsgründen übernachteten die deutschen Ingenieure mit Kollegen in einer irakischen Kaserne. Als sie gestern um 6.30 Uhr die Unterkunft verließen, stoppten die Kidnapper mit Waffengewalt ihr Auto, fesselten die Deutschen, schlossen sie in ihren Kofferraum und fuhren davon. Zeugen machen unterschiedliche Angaben über Anzahl und Auftreten der Täter. Vermutlich handelte es sich um sechs bis sieben uniformierte Iraker, die sich als Mitglieder der Nationalgarde verkleidet hatten. Einen Iraker und einen deutschen Kollegen, der arabisch spricht, ließen die Geiselnehmer laufen. Von den Kidnappern und ihren Opfern fehlte bis zum Abend jede Spur.

Wie zuvor im Fall der nach drei Wochen freigelassenen Geisel Osthoff richtete das Auswärtige Amt in Berlin einen Krisenstab ein. Die Identität der Entführten wurde bislang nicht bestätigt; es soll sich nach irakischen Angaben um Thomas W. und Rebiti D. handeln. Ob sie allein aus politischen Motiven entführt wurden, ist nicht bekannt. Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesnachrichtendienst (BND) rechnen in Kürze mit einer Botschaft der Geiselnehmer, die in vergleichbaren Fällen ihre Forderungen mit Gefangenen-Videos übersandten.

Die deutschen Sicherheitsbehörden stellen sich auf langwierige, komplizierte Verhandlungen ein. Die internationale Medienberichterstattung über den Fall Osthoff habe die Ausgangslage nicht erleichtert, heißt es in BND-Kreisen.

Immerhin sei mittlerweile auch im Irak bekannt, dass die Bundesregierung für die Freilassung der Frau bis zu 5 Millionen Dollar Lösegeld gezahlt habe - ein Anreiz für Nachahmungstäter.

Zudem berichteten auch arabische Medien über den Vorwurf, deutsche Agenten hätten das US-Bombardement auf Bagdad unterstützt. Vor diesem Hintergrund seien gezielte Angriffe islamistischer Terroristen auf deutsche Staatsbürger im Irak noch wahrscheinlicher geworden.

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