Symbolbild Home Office und Foto der Autorin Carolin Huber
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Permanentes Home Office ist der erste Schritt raus aus dem echten Leben, findet unsere Autorin - ein Meinungsbeitrag.

Meinung zum Home Office

Kommentar zu Einsamkeit im Home Office: Derf‘s no a bissal mehr sei?

  • Carolin Huber
    vonCarolin Huber
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Das Home Office ist Gold wert, wenn es um die Bekämpfung einer Pandemie geht. Für den ständigen Alltag dagegen ist es eine ganz dumme Idee. Ein Kommentar.

Fünf Minuten vor Dienstbeginn, der Wecker klingelt. Kissen neu aufgeschüttelt, der Laptop wartet auf dem Nachttisch, so kann es direkt losgehen. Nach den ersten Mails dann im Schlafanzug zur Kaffeemaschine tapsen - Anstehen, Smalltalk und unerfreuliche Hinterlassenschaften der Kollegen exklusive. In der Mittagspause entspannt die Reste vom Vorabend in die Mikrowelle schieben und dabei eine Folge dieser neuen, unheimlich witzigen Netflix-Serie reinziehen. Strich 17.30 Uhr Feierabend machen und direkt schon zu Hause sein. Einfach traumhaft, oder?

Warum bei der Arbeit aufhören? Darf‘s noch a bissal mehr Zeit daheim sein?

Na dann: Derf‘s no a bissal mehr sei? Einkäufe nach Hause liefern lassen, Home Workout statt Fitness-Studio, Skype-Calls statt persönlicher Treffen? Oder machen wir gleich Nägel mit Köpfen und engagieren einen Avatar, der uns die anstrengende und ermüdende Interaktion mit anderen Menschen vollkommen abnimmt?

Permanentes Home Office ist der erste Schritt raus aus dem echten Leben

Für Eltern, Schichtarbeiter und Pendler ist die Möglichkeit, ab und zu im Home Office zu arbeiten, sicherlich eine Entlastung. Für alle anderen ist es in Pandemie-freien Zeiten vor allem eine Frage der Bequemlichkeit. Bei 40 Arbeitsstunden und sieben Stunden Schlaf pro Nacht verbringt ein durchschnittlicher Arbeitnehmer jede Woche mehr als ein Drittel seiner wachen Stunden in der Arbeit. Und auf Dauer kann es einem Land, in dem immer mehr Menschen in einem Single-Haushalt leben nur schaden, wenn wir uns alle in unseren vier Wänden verbarrikadieren und uns gegen die böse Welt da draußen einmummeln.

Nicht nur, dass Komfortzonen, in denen man lange genug herumlümmelt, sich zuweilen zusammenziehen wie die sprichwörtliche Schlinge um den Hals - der Sessel, der Fernseher, die Mikrowelle: Das ist eben einfach nicht das richtige Leben. Das richtige Leben spielt sich draußen ab; es ist unberechenbar, launisch und kann verdammt schmerzhaft sein. Aber gerade das macht es ja lebenswert. Wer das für einen Widerspruch hält, dem sei der Roman „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley ans Herz gelegt.

Kein Home Office der Welt ersetzt ein gutes Arbeitsklima im Büro

Nicht jeder genießt den Luxus, einer Arbeit nachzugehen, die ihn erfüllt und das auch noch in Gesellschaft von Menschen, die er so gut leiden kann, dass er sie sogar außerhalb des Büros trifft (obwohl ich jedem den Mut zusprechen würde, nach diesem Ideal wenigstens zu streben!). Aber wenn einem entweder die zu erledigenden Aufgaben oder diejenigen, mit denen man sich die Letzteren teilt, so unerträglich sind, dass man sich dauerhaft zu Hause einsperren möchte, dann wäre ein Wechsel der Arbeitsstätte vielleicht angeraten.

Ich selbst habe übrigens im Frühjahr während des ersten Corona*-Lockdowns auch aus dem Home Office gearbeitet und war am ersten Morgen danach so gar nicht davon begeistert, dass ich wieder früher aufstehen, mich ordentlich anziehen und zur U-Bahn rennen musste. Aber schon ein paar Stunden später, während ich in der Mittagspause mit den Kollegen die vielen Neuigkeiten austauschte, war mir schleierhaft, wie ich es je so lange alleine zu Hause ausgehalten hatte. *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. (huc)

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