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Thomas Kaspar, Chefredakteur Merkur.de / tz.de.

Impfgegner, Tempolimit, Gurtpflicht

Kommentar: So lassen Sie Ihre Filterblase platzen

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München - Impfgegner, Tempolimit, Gurtpflicht - nicht die einzigen Themen, zu denen es erbitterte Diskussionen gibt. Ein Kommentar von Thomas Kaspar, Chefredakteur Merkur.de / tz.de.

Gestern habe ich lange eine Diskussion zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern verfolgt. Sie stritten über die Frage, ob der Besuch von Kindergärten nur noch mit ausgefülltem Impfpass erlaubt sein soll. Was besonders spannend war. Beide postulieren, sie hätten Recht, die Fakten. Nur die anderen hätten die falschen Quellen, würden in einer Filterblase leben.

Was mir nicht gelang, war, auf eine Über-Ebene zu wechseln und klarzumachen, dass dies ein typischer Fall für das Aushandeln sozialer Normen ist. Wir entscheiden, wann wir das Risiko so hoch einschätzen, dass die Gemeinschaft individuelle Rechte beschneiden darf (hier das Recht auf Impfverweigerung wegen der Nebenwirkungen trotz des erwiesenen Nutzens für die Mehrheit bei flächendeckender Impfung).

Wir machen das immer und überall, das ist der Kern von sozialem Zusammenleben: Wir haben Anschnallpflicht, aber kein Tempolimit. Für beides gilt wie für das Impfen, dass statistisch der Nutzen für die Gemeinschaft größer ist bei einer Regulierung. Also hat man im einen Fall die individuelle Freiheit gesetzlich eingeschränkt, im anderen nicht. Ich darf mit 230 km/h auf der Autobahn rasen, muss aber dabei angeschnallt sein. Verhandlungssache, nicht Glaubenskrieg.

Jeder hat das Recht auf seine Filterblase

Wir können für die eigene Meinung werben, Mehrheiten organisieren, versuchen, die Öffentlichkeit zu überzeugen. Mal gewinnt die eigene, mal die andere Seite, das ist das Wesen der Demokratie. Was schön wäre, wenn wir den Respekt vor der anderen Meinung nicht verlieren und ihr das Recht nicht absprechen, zu existieren. 

Meinungsfreiheit heißt im Kern nicht nur, dass ich das Recht habe, alles zu sagen, auch wenn ich anecke - sondern auch der andere, wenn er bei mir aneckt. 

Und noch essentieller: Es wäre wichtig, dass wir selbst erkennen, dass Vielfalt an Meinungen uns reicher macht an Ideen, Variationen, Lösungsmöglichkeiten und Farben. Das unterscheidet uns von Diktaturen, absolutistischen Monarchien, Autokratien und altem Management. 

Anders gesagt: Lasst doch jedem seine Filterblase. Sie wird eh nur dichter, wenn man auf sie einprügelt. Das Gemeine an diesen Hohlräumen ist ja gerade, dass es nur einen gibt, der sie zum Platzen bringen kann - man selbst. Durch Denken und Offenheit.

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