Regierungstruppen beschießen Misrata weiter mit Raketen

Tripolis - In der libyschen Stadt Misrata ist es trotz des von Machthaber Muammar al Gaddafi angekündigten Rückzugs seiner Soldaten auch am Sonntag wieder zu Gefechten gekommen.

Dutzende Raketen der Regierungstruppen hätten die Stadt getroffen, sagte ein Anwohner. Die Rebellen hätten dennoch weite Teile der Stadt unter ihre Kontrolle bringen können, einschließlich der zuletzt heftig umkämpften Tripolis Straße sowie eines Krankenhauses, in dem sich die Gaddafi-treuen Truppen verschanzt gehalten hätten.

Nach Angaben eines Kämpfers der Rebellen diente das eingenommene Krankenhausgelände bis zu 400 Soldaten der Regierungstruppen bis zuletzt als Stützpunkt. Die Männer versuchten nun, sich unauffällig unter die Bevölkerung zu mischen. “Sie ziehen ganz normale Sportbekleidung an“, sagte der Aufständische, “sie geben vor, Zivilisten zu sein“.

Das libysche Regime hatte am Freitag angekündigt, sich aus Misrata zurückziehen zu wollen. Dennoch ist es seitdem immer wieder zu Gefechten gekommen. Nach Angaben des Arztes Chaled Abu Falgah, Leiter des medizinischen Komitees der Stadt, wurden am Samstag und am Sonntag insgesamt 28 Menschen getötet und 85 weitere verletzt. “Die letzten 24 Stunden waren mit die härtesten und traurigsten in den letzten 65 Tagen“, sagte Falgah.

Der stellvertretende libysche Außenminister Chaled Kaim hatte am Sonntagmorgen gesagt, Stammesführer sollten mit den Rebellen über eine Niederlegung der Waffen verhandeln. Hierfür sei ein Zeitraum von 48 Stunden angesetzt. Sollten die Verhandlungen aber scheitern, könnten die Stammesführer bewaffnete Anhänger in die Stadt schicken. Zwischenzeitlich würden die libyschen Streitkräfte ihre Operationen einstellen, sagte Kaim.

Flüchtlingsschiff erreicht Bengasi

Mehr als 1.400 Flüchtlinge aus Misrata trafen am Sonntag an Bord zweier Schiffe in der libyschen Rebellenhochburg Bengasi ein. Bei den Evakuierten handelte es sich nach Angaben des Roten Kreuzes vor allem um ausländische Arbeiter. Manche von ihnen hätten vier bis fünf Wochen in notdürftigen Lagern am Hafen der heftig umkämpften Stadt im Westen des Landes verbracht, sagte Javier Cepero vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes.

Derzeit seien noch zwischen 2.000 und 3.000 Menschen im Hafengebiet Misratas und warteten auf ihre Evakuierung, sagte Cepero. Das libysche Rote Kreuz versuche die Menschen mit Lebensmitteln und Medizin zu versorgen. Aufgrund der Kämpfe sei dies aber schwierig.

Insgesamt sind in den zwei Monaten seit Beginn der Belagerung der Stadt mehrere hundert Menschen bei Angriffen mit Panzern und Raketen oder durch Gewehrfeuer von Heckenschützen getötet worden. Erst Ende der vergangenen Woche konnten die Rebellen ein achtstöckiges Hochhaus in der Innenstadt von Misrata zurückerobern, von dem aus Gaddafi-treue Soldaten gezielt auf Menschen geschossen hatten.

Drohne zerstört Raketenwerfer

Unterdessen teilte die NATO mit, dass beim ersten Angriff einer Drohne vom Typ Predator am Samstag in der Gegend von Misrata ein Raketenwerfer zerstört wurde, mit dem Gaddafis Soldaten auf Zivilpersonen geschossen hätten. Im Osten des Landes seien bei Luftangriffen der NATO am Samstag mehr als zwei Dutzend Kleintransporter und Pkw der Regierung zerstört worden, sagte ein Bataillonskommandeur der Rebellen, Oberst Hamid Hassi.

In Washington forderte der republikanische Senator Lindsay Graham am Sonntag ein konsequenteres Vorgehen der internationalen Truppen in Libyen, auch gegen Gaddafi persönlich: “Schlagt der Schlange den Kopf ab, geht nach Tripolis, bombardiert Gaddafis engsten Kreis, ihre Standorte, ihre militärischen Befehlszentralen“, sagte Graham. Um Gaddafi loszuwerden, müsse sein enges Umfeld zerschlagen werden und sich gegen ihn wenden. Dazu bedürfe es ausdauernder Luftangriffe.

ap

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