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Litwinenko: «Die Bastarde haben mich erwischt»

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- London/Helsinki - Der russische Ex-Spion Alexander Litwinenko ist in London durch eine hohe Konzentration der radioaktiven Substanz Polonium 210 vergiftet worden. Das bestätigten britische Behörden am Freitag. Scotland Yard verstärkte die Fahndung nach den unbekannten Tätern und durchsuchte dabei auch mehrere Gebäude sowie die Wohnung Litwinenkos.

Dabei fanden Spezialisten Spuren des radioaktiven Materials. Russlands Präsident Wladimir Putin, den Litwinenko auf dem Sterbebett für seinen Tod verantwortlich gemacht hatte, wies alle Anschuldigungen zurück und sprach von einer «Provokation». Die Gesundheitsbehörde sprach von einem beispiellosen Fall in Großbritannien.

Der 43-Jährige war nach Behördenangaben vor drei Wochen mit Polonium 210 vergiftet worden und starb daran am Donnerstagabend. Er habe die Substanz entweder mit der Nahrung aufgenommen, inhaliert oder sie sei über eine Wunde in seinen Körper eingedrungen. Ermittler gehen davon aus, dass ihm ein bislang noch unbekannter Täter das Polonium am 1. November heimlich verabreichte.

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An dem Tag hatte er mehrere Treffen, darunter mit zwei anderen Russen. Fahnder von Scotland Yard entdeckten am Freitag Spuren des Strahlungsmaterials unter anderem in der Wohnung Litwinenkos sowie in einem Sushi-Restaurant und einem Hotel, in dem sich Litwinenko aufgehalten hatte.

Der Ex-Agent hatte wenige Tage vor seinem Tod in einer Botschaft, die erst am Freitag veröffentlicht wurde, Putin scharf angegriffen: «Sie mögen Erfolg damit haben, einen Mann zum Schweigen zu bringen, doch die Protestschreie aus der ganzen Welt werden Ihnen, Herr Putin, bis ans Lebensende in den Ohren klingen», erklärte Litwinenko. Der einstige Agent des Sowjetgeheimdienstes KGB sowie dessen Nachfolger FSB war nach dem Versagen innerer Organe gestorben. Die Mediziner am University College Hospital, in dem Litwinenko behandelt worden war, wussten nach eigenen Angaben bis zuletzt nicht, welche Substanz für seinen rasanten körperlichen Verfall gesorgt hatte. Erste Vermutungen, es handle sich um radioaktives Thallium, waren wieder revidiert worden.

In seiner Erklärung, die Litwinenko nach Angaben der Familie am vergangenen Dienstag diktierte, warf er Putin vor, sich als «genauso barbarisch und unbarmherzig erwiesen» zu haben, wie die meisten seiner Kritiker dies behauptet hätten. Er fügte hinzu: «Gott möge Ihnen vergeben, für das, was Sie mir und dem geliebten Russland und seinem Volk angetan haben.» Freunde und Verwandte Litwinenkos hatten Moskau bereits zuvor öffentlich beschuldigt, die Vergiftung des Regimekritikers befohlen zu haben. «Dieses Regime ist eine tödliche Gefahr für die Welt», sagte Litwinenkos Vater Walter in London.

Der russische Präsident erklärte am Rande einer EU-Konferenz in Helsinki: «Ich bedauere den Tod und spreche der Familie mein Bedauern aus.» Putin fügte hinzu: «Leider werden tragische Ereignisse wie dieser Tod für Provokationen ausgenutzt.» Er hoffe, dass «die britischen Behörden nichts tun, um politische Skandale anzuheizen». Russland sei bereit, «bei Ermittlungen der britischen Behörden jede nur mögliche Hilfe zu leisten». Putin sagte, auch in vielen anderen europäischen Ländern gebe es politische Morde, die bisher nicht geklärt worden seien. «Schauen wir doch nur mal die Lage der Mafia innerhalb der EU an», sagte er.

Nach britischen Medienberichten gehen die Ermittler unter anderem Hinweisen darauf nach, dass Litwinenko am 1. November dadurch vergiftet wurde, dass ihm die radioaktive Substanz in ein Getränk gemischt wurde. Er hatte an dem Tag nach Angaben eines Freundes mit zwei Russen in einem Hotel Tee getrunken. Einer der Männer soll ein früherer KGB-Mitarbeiter gewesen sein.

Litwinenko lebte seit 2000 in London im Exil. Vor kurzem hatte er die britische Staatsbürgerschaft bekommen. Er hatte zuerst 1998 Schlagzeilen gemacht, als er behauptete, vom FSB, dessen Chef damals Putin war, den Befehl zur Ermordung des russischen Milliardärs Boris Beresowski bekommen zu haben. Später behauptete er, es sei der FSB gewesen, der 1999 mehrere Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland verübt habe, um einen Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Krieg zu haben. Zuletzt beschäftigte sich Litwinenko mit Recherchen zur Ermordung der regimekritischen russischen Journalistin Anna Politkowskaja. Sie war am 7. Oktober in Moskau erschossen worden.

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