In Weilheim meldet sich eine Kundin mit fünf Richtigen.

Nach Panne bei der Ziehung

Bayerns Lotto-Chef: Keine Chance für Klagen

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München – Es ist ein Stück Fernseh- und Lottogeschichte. Millionen verfolgen im ZDF am Mittwochabend die Ziehung von Glückszahlen, die Minuten später für ungültig erklärt werden. Doch Klagen haben wohl keine Chance:

Es ist das Ritual am frühen Mittwochabend: 2,33 Millionen Zuschauer sitzen um 18.50 Uhr vor dem Fernseher, als der große Glasball sich zu drehen beginnt. Die weißen Kugeln rollen hinein, wie immer. Doch was niemand sieht: Bei der live übertragenen Ausspielung rollen zwei Kugeln – die mit den Nummern 46 und 47 – nicht in die Trommel, sondern bleiben oben, auf dem sogenannten Schlitten hängen. 3 - 8 - 11 - 26 - 32 - 40, verkündet Lottofee Heike Maurer routiniert, dann die Zusatzzahl 9. In hunderttausenden deutschen Wohnzimmern freuen sich Menschen über kleinere und größere Gewinne, andere zerreißen ihre wertlosen Zettel.

Im Fernsehen läuft längst die „heute“-Sendung, als im Lotto-Studio Panik ausbricht. Erst beim Abbau der Ziehungsmaschine wird der Fehler bemerkt. Heike Maurer hat schon den Mantel an, als sie wieder zurückgerufen wird. „Ich dachte, es wäre ein Aprilscherz“, sagt sie am Tag danach. Die Lottogesellschaft erklärt die Zahlen umgehend für ungültig. Eine zweite Ausspielung folgt um 19.24 Uhr. Diesmal heißen die Zahlen: 16 - 21 - 23 - 29 - 31 - 38, Zusatzzahl 24. Es hat beim Lotto schon Pannen gegeben – aber nichts Vergleichbares, seit die Deutschen ihre Kreuzchen auf den Lotto-Zettel kritzeln.

In diesen historischen Minuten hat Erwin Horak, Chef von Lotto Bayern, sein Handy aus. Später schaut er sich noch das Champions-League-Spiel von Borussia Dortmund im spanischen Malaga an. Als er nach dem Spiel wieder erreichbar ist, geht die Hektik los. Telefonate, Besprechungen mit Mitarbeitern – und die Suche nach der Antwort auf die Frage: Was war da eigentlich los?

Warum hat niemand den Fehler bemerkt?

Der Ziehungsleiter vom ausrichtenden Lotto Rheinland-Pfalz, Dirk Martin, spricht von einem „technischen Defekt, der so nie vorgekommen ist und so auch nicht abzusehen war“. Das will einiges heißen, nicht nur weil es das Mittwochslotto schon seit mehr als 30 Jahren gibt. Nein, auch das Prozedere selbst ist eigentlich eine Wissenschaft für sich. Alles ist genau reglementiert, regelmäßig prüft der TÜV die Geräte. Nur einmal – im Jahr 2002 – war es schon mal zu einer kleineren Panne gekommen. Damals wurde eine Ausspielung wegen eines Defekts an der Trommel unterbrochen, das Gerät hatte einfach gestreikt, obwohl es vorher mit einem Probezug getestet worden war. Also schoben die Verantwortlichen kurzerhand ein Ersatzgerät vom Nebenraum ins Studio, und die Ziehung wurde fortgesetzt.

Solche Ersatzgeräte stehen nach Angaben von Lotto Rheinland-Pfalz immer bereit. Die Kugeln wiederum würden Woche für Woche von Koblenz, dem Sitz der Lottogesellschaft, nach Mainz gefahren. „Die Woche über sind sie in einem verplombten Koffer in einem Tresor“, sagte Sprecher Clemens Buch. Vor jeder Ziehung gibt es eine Probeziehung – so auch am Mittwochabend. Da sei alles problemlos verlaufen. Kurios: Auch für die spätere Ersatzziehung wird noch einmal eine Probe gemacht. Sie verläuft genauso problemlos wie die vierte Ziehung – nur bei der einen entscheidenden blieben die Kugeln im Schlitten hängen.

In den nächsten Tagen wird nun das Gerät von der Herstellerfirma unter die Lupe genommen. Die Samstagsziehung sei nicht gefährdet, sagt Buch. Die Zahlen fürs Samstagslotto würden mit einem anderen, wenn auch baugleichen Gerät ermittelt. Bis nächsten Mittwoch dürfte die Überprüfung abgeschlossen sein. Konsequenzen dürfte der Fall so oder so haben. Dem bayerischen Lotto-Chef Horak zufolge wird überprüft, ob der Standort der Aufsichtsperson und des Ziehungsleiters im Studio ideal ist – oder „ob es Optimierungsbedarf gibt“.

Keine Chance für Klagen

Den Tippern von dieser Woche hilft das nicht mehr. Ob tatsächlich jemand zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen bei der ungültigen Ziehung sechs Richtige hatte, ist auch am Donnerstagnachmittag noch nicht klar. Einer meldet sich bei Lotto in Bremen per E-Mail und behauptete zumindest genau das. Einen Tippschein legt er zunächst aber nicht vor. Auch in Bayern gibt es lange Gesichter: In der Weilheimer Lottoannahmestelle im „Reisebüro Simader“ berichtet eine Kundin von fünf Richtigen in der ersten Ziehung.

Die sind nun nichts wert. „Das sind juristisch gesehen keine Gewinner“, erklärt der bayerische Lotto-Chef Horak. Die Zahlen gelten nicht ab dem Moment, in dem sie in das kleine Fach kullern – sondern erst, wenn der zuständige Ziehleiter und die amtliche Aufsichtsperson, das ist eine Art Notar, sie für gültig erklären. Und das ist nach der ersten Ziehung am Mittwochabend gar nicht erst geschehen. Auch der Frankfurter Anwalt Sotirios Georgikeas, Experte für Glücksspielrecht, gibt Klagen keine Chance: „Bei solchen Pannen wird keine Haftung übernommen. Wenn danach eine korrekte Ziehung erfolgt, zählt ausschließlich diese.“

Horaks Mitarbeiter müssen das am Donnerstag öfter erklären. Zunächst einmal werden am Morgen die Betreiber der Annahmestellen informiert. Nur zur Sicherheit, schließlich ist nicht nur unsere Zeitung in der Fernausgabe zunächst einmal mit den falschen Zahlen erschienen. Aber der große Ansturm bleibt aus. „Etwa 40 Kunden haben sich gemeldet“, sagt Horak. Persönlich, per E-Mail oder über die Telefon-Hotline. „Teilweise sind die Leute auch richtig sauer“, sagt Horak. Man könne nicht mehr tun, als sich zu entschuldigen. Ähnliches berichten die Lottozentralen in anderen Bundesländern. „Beim Geld hört der Humor leider auf“, berichtet der Sprecher von Rheinland-Pfalz, Clemens Buch. Bis zum Mittag haben schon 100 Spieler angerufen, um ihrem Frust Luft zu machen. „Das geht bis zu wüsten Beschimpfungen – alle entlassen und als Straßenkehrer einstellen“, sagt er. Buch ist an diesem Tag sicher Deutschlands meistgefragter Pressesprecher. Er hat sich den Humor bewahrt.

Auch die Nachrichtenagenturen gehen der Panne mit einem Augenzwinkern auf den Grund. Die Deutsche Presseagentur will zum Beispiel wissen: Was passiert, wenn nach der Panne vom Mittwoch ein vermeintlicher Gewinner flugs nach der ersten Ziehung den Job gekündigt hat? „Eine Kündigung braucht eine besondere Form, nämlich die Schriftform“, sagt Rechtsanwalt Alexander Rilling aus Stuttgart. Es müsse ein unterschriebener Brief vorliegen. „Wer also nur zum Chef rennt in der Spätschicht, nachdem er die Übertragung gesehen hat, und sagt ,Ich kündige!‘, der hat nicht wirksam gekündigt.“ Wäre das auch geklärt.

Übrigens: Nicht nur Gewinner der ersten Ziehung zogen am Donnerstag eine Niete. In Niedersachsen meldete die Lottozentrale am Donnerstag diverse Anrufe von Gewinnern der zweiten Ziehung – sie hatten jedoch nach der ersten ihre Spielzettel zerrissen. Auch hier ist nichts zu machen: Laut Spielregeln müssen Tippscheine komplett vorgelegt werden, um den Gewinn zu kassieren.

Mike Schier und Carina Lechner

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