Symbolfoto: In Berlin mussten 10.000 Genitalien mit Edding übermalt werden.

Wirbel um Magazin

Zeitschrift muss Genitalien mit Edding übermalen

Berlin - Seltsamer Vorgang bei einer Berliner Zeitschrift: Vor der Auslieferung mussten dort Seiten herausgerissen und Genitalien mit Edding übermalt werden.

Oliver Gehrs versteht die Welt nicht. Er ist Herausgeber des Gesellschaftsmagazins Dummy. Dieses berichtet schon seit Jahren auf etwas andere Art über die Themen des Landes. Von Kennern geschätzt, von der breiten Öffentlichkeit ignoriert. Doch das ändert sich jetzt - dank eines Riesenwirbels über drei Magazinseiten.

Denn die aktuelle Ausgabe widmet sich dem Thema "Schmerz". Und das mit teils ungewöhnlichen Bildern: Auf einem Foto ist zu sehen, wie der S/M-Künstler Bob Flanagan sein Genital an einer Schnur hochzieht. Zwei weitere Seiten zeigen teils drastische Tätowierungen von russischen Gefängnisinsassen: unbekleidete Frauen, teils mit gespreizten Beinen, zwischen denen eine Schlange züngelt oder ein künstliches Geschlechtsteil steckt. Die Bilder hat nach Dummy-Angaben ein Aufseher abgezeichnet, sie seien schon in diversen Galerien zu sehen gewesen sein.

Diese Darstellungen waren Münchner Anwälten zu heftig. Nach Angaben des Magazins hat die "Freiwillige Selbstkontrolle im Pressevertrieb" ihr Veto eingelegt. Dahinter verberge sich eine Anwaltskanzlei, "die den Presse-Grossisten Empfehlungen gibt, was man den Lesern zumuten darf und was nicht", schreibt das Magazin auf seiner Homepage. Heißt: Der Vertrieb verfügte, dass das Heft so nicht in den Verkauf darf. "Deswegen liegt nun wie immer Praline und Coupé am Kiosk, aber nicht Dummy Nr. 41 zum Thema Schmerz."

Die Entscheidung trieb skurrile Blüten: Das Gemächt des S/M-Künstlers wurde mit Edding übermalt, die beiden anderen Seiten herausgerissen. Und das bei 10.000 Heften, die in den freien Verkauf sollten, während lediglich die Abonnenten das "Original" zu sehen bekommen. "Was hier passiert, ist Zensur und kommt einem Betriebsverbot gleich", schimpft Herausgeber Gehrs gegenüber der taz.

Das Thema wurde zwar an die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften weitergeleitet. Allerdings kostet die Prüfung zu viel Zeit, weswegen sich die Macher zu der ungewöhnlichen Aktion mit dem Seitenrausreißen und dem Edding-Übermalen entschieden haben. So sollte die Ausgabe nur mit etwas Verspätung an den Kiosken liegen.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte: Die originalen Seiten zeigt das Dummy-Magazin hier auf seiner Homepage.

lsl.

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