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Malala.

Jüngste Friedensnobelpreis-Trägerin der Geschichte

Malala: So tapfer ist sie

München - Ein gezielter Kopfschuss sollte sie töten, doch Malala überlebte. Jetzt, nach der Verleihung des Friedensnobelpreises, wird sie erneut von den Taliban bedroht – und erneut lässt sie sich nicht einschüchtern. Sie kämpft für das Recht auf Bildung: damit jedes Kind zur Schule gehen darf.

Malala hätte aufspringen können, hätte jubeln können und aus dem Klassenzimmer stürmen. Doch sie blieb sitzen – bis die Chemiestunde vorbei war. Gerade hatten sie ihr gesagt: Malala, du hast den Friedensnobelpreis bekommen! Doch Malala Yousafzai ist eine gewissenhafte Schülerin, eine, die sehr genau weiß, dass es ein Privileg ist, in die Schule gehen zu dürfen – und dass sie selbst dieses Privileg beinahe mit dem Leben bezahlt hätte. Und so kam es, dass Malala am vergangenen Freitag ein bisschen später als erwartet vor die Mikrofone trat und der Weltpresse verkündete: „Der Preis ist eine Ermutigung für mich, weiterzumachen. Ich widme ihn allen Kindern, die keine Stimme haben, die aber gehört werden müssen. Ich möchte, dass jedes Kind in die Schule geht.“

Malalas Geschichte ist die Geschichte eines 17-jährigen Teenagers. Eines Teenagers, der Justin Bieber hört, Miley Cyrus auch ganz gut findet – und die Film- und Buchserie „Twilight“ liebt. Einerseits.

Andererseits ist es die Geschichte eines Teenagers, der weltweit bekannt ist und bereits eine Biografie geschrieben hat, in der unter anderem steht: „Manchmal glaube ich, es ist leichter, ein Vampir in ,Twilight’ zu sein als ein Mädchen im Swat-Tal!“ Swat ist ein Distrikt in der pakistanischen Provinz Khyber – Malala war hier einst zuhause. Heute lebt sie mit ihrer Familie, den Eltern und zwei jüngeren Brüdern, im britischen Birmingham. Den Vampir-Satz meint sie durchaus ernst. Sie weiß, wozu die Taliban fähig sind, sie hat es am eigenen Leib erfahren: Vor zwei Jahren, am 9. Oktober 2012, schoss ihr ein fanatischer Aktivist in den Kopf – sie überlebte nur knapp. Malala war damals auf dem Nachhauseweg von der Schule, saß zwischen zwei Klassenkameradinnen in einem Kleinbus. Plötzlich wurde der Bus angehalten, ein Mann kam rein und fragte: „Wer ist Malala?“ Ein paar Mädchen drehten sich zu ihr um – der Mann schoss Malala mit einem Colt 45 sofort ins Gesicht. Die Kugel drang durch ihre linke Augenhöhle und blieb rund vierzig Zentimeter unterhalb der linken Schulter stecken. Überall Blut. Malala fiel in Ohnmacht.

Die Taliban wollten Malala ermorden, sie wollten öffentlich ihre Macht demonstrieren, wollten zeigen, was es bedeutet, wenn ein Mädchen es wagt, trotz Verbots zum Unterricht zu gehen – Schülerinnen sind für sie „unislamisch“. Und die Schülerin Malala war ihnen schon lange ein Dorn im Auge, denn sie sagte schon damals Sätze wie: „Einem Mädchen ist nicht vorherbestimmt, eine Sklavin zu sein. Es sollte eine Identität haben und anerkannt werden. Mit den gleichen Rechten wie ein Junge.“ Ein Affront für die Islamisten, aber Malala wollte nicht locker lassen, wollte kämpfen.

Bis heute trachten die Taliban nach ihrem Leben: Nur wenige Stunden nach der Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis erhielt sie via Internet eine Drohung. Eine Splittergruppe schrieb über den Kurznachrichtendienst „Twitter“: „Charaktere wie Malala sollten wissen, dass wir nicht von der Propaganda Ungläubiger abgeschreckt werden. Wir haben scharfe und gewetzte Messer für die Feinde des Islam vorbereitet.“ Malala ist ein Feind.

Sie selbst lässt sich von solchen Worten aber nicht beeindrucken. Wenn man sie zum Beispiel fragt, ob sie nicht um ihre eigene Sicherheit fürchte, dann lacht sie – und antwortet: „Darüber mache ich mir keine Gedanken!“ Sie will nicht nur das Mädchen sein, „das von den Taliban niedergeschossen wurde“. Sie will als junge Frau wahrgenommen werden, die ihren Weg fortsetzt – jetzt fernab der Heimat. „Ich bin immer noch die gleiche Malala“, sagt sie dann oft. „Meine Träume und Hoffnungen sind die gleichen.“

Und doch hat sich seit jenem 9. Oktober 2012 vieles verändert. Malala musste Pakistan verlassen, das Swat-Tal, „den schönsten Ort überhaupt“, wie sie in einem „Stern“-Interview sagt: „Das Swat-Tal ist ein Himmelreich aus Bergen. Aus klaren Flüssen, Feldern voll mit Früchten. Der Ruf der Terroristen schadet diesem Ort.“ Es ist gefährlich dort – vor allem für eine junge Frau wie Malala: die verhasste Kinderrechtsaktivistin. Malala vermisst ihr Zuhause. In Pakistan, sagt sie, seien die Nachbarn wie Geschwister. „Sie kommen zu dir nach Hause und du zu ihnen. In Großbritannien herrscht nicht dieser Sinn für Gemeinschaft.“ Und sie vermisst auch ihre beste Freundin Moniba. „Ich glaube, es ist sehr wichtig, einen Menschen zu haben, der für dich da ist, wenn du traurig bist.“

Irgendwann will Malala zurück, will, dass in Pakistan Frieden einkehrt – es gebe dort so viel mehr als „nur Terrorismus“. Als sie am Freitag als jüngste Nobelpreisträgerin überhaupt geehrt wurde, berichteten alle pakistanischen Medien über Malala. Das gibt ihr Hoffnung.

Seit dem Anschlag ist sie auf dem linken Ohr taub, und das wird auch für immer so bleiben. In ihrer Schädeldecke steckt eine Titanplatte – genau dort, wo einst die Kugel eingedrungen war. Die Nerven von Malalas linker Gesichtshälfte sind noch zum Teil gelähmt. Am Anfang konnte sie nicht mal lächeln. Ihre Mutter weinte, als sie das sah, sie sagte: „Die Taliban haben dir dein Lächeln genommen.“ Doch inzwischen lacht Malala wieder.

Barbara Nazarewska

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