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Die Marine nimmt Kurs auf Beirut

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- Warnemünde - Halbe Fahrt voraus, Kurs Nordnordwest: Bei Windstärke 6 pflügt die Fregatte "Sachsen" durch die raue Ostsee. Der Regen peitscht gegen die schweren Geschütze auf dem Hauptdeck. Routiniert versehen die Matrosen ihren Dienst. Eigentlich war auf See nur ein gewöhnliches Manöver geplant. Jetzt blickt die 220 Mann starke Besatzung auf die Frau auf der Brücke: Heute gibt sie den Kurs vor. Für die deutsche Marine geht es mit Volldampf in Richtung Beirut.

Merkel will Sorgfalt vor Schnelligkeit

Dass Angela Merkel der Marine gerade in dieser Woche einen Besuch abstattet, ist purer Zufall. Der Termin mit der Kanzlerin war seit Monaten geplant. Nun aber fällt er zusammen mit der umstrittenen Entscheidung über einen Einsatz deutscher Verbände vor der Küste des Libanon. Die Soldaten der Marine sollen Schmuggler und Hisbollah-Kämpfer daran hindern, das Waffenembargo und den Waffenstillstand zu brechen. Ein riskanter Einsatz, für den in den nächsten Tagen ein Mandat der Vereinten Nationen erwartet wird. Bereits in einer Woche könnte der Bundestag über den derzeit 10. Auslandseinsatz entscheiden.

Merkel ist sich der Gefahren bewusst. Intern hat sie die Maxime ausgegeben, das Risiko für die eingesetzten Soldaten so gering wie möglich zu halten. Auch sollen sich peinliche Planungsfehler wie im Kongo nicht wiederholen. "Sorgfalt vor Schnelligkeit" sei die Devise, versichert Merkel.

Nach Außen versucht die Kanzlerin, Stärke und Selbstbewusstsein zu demonstrieren, was nicht immer gelingen mag. Als sie am frühen Morgen im Hafen von Warnemünde in U33 einsteigt, eines der modernsten U-Boote der Bundeswehr, bietet ein Offizier seine Hilfe an. "Danke, ich mach das schon selber", sagt Merkel. Im nächsten Moment hängt sie an der Leiter der Luke wie ein erschöpfter Bergsteiger während eines Gewitters. Nach einer längeren Schrecksekunde ringt sich die Regierungschefin für die Kameras ein Lächeln ab. "Noch ein letzter Blick, dann verschwind ich hier." Sagt's und taucht ab in den Rumpf.

Wie oft hatte man ihr in den vergangenen Wochen vorgehalten, sie tauche weg, sobald Präsenz gefragt sei. Innenpolitisch unter Druck geraten, scheint Merkel nun sichtlich bemüht, Führung zu zeigen. An Bord der Fregatte lässt sie sich bis ins Detail die Einsatzmöglichkeiten und die Technik erklären, sie sucht das Gespräch mit der Mannschaft und den Offizieren. Später auf der Brücke: Während der Wind ihre Frisur zersaust, steht die CDU-Kapitänin neben dem Ruder und winkt tapfer dem vorbeifahrenden Tender "Ammersee" zu. Als vier "Tornado"-Düsenjäger mit infernalischem Lärm in nur 50 Meter Höhe über das Schiff donnern, geht ein Teil der Besatzung instinktiv in Deckung. Merkel und die Militärs sind die Einzigen, die sich nicht die Ohren zuhalten.

Kritische Fragen stoßen auf taube Ohren

Auf taube Ohren stoßen dann auch die kritischen Fragen nach dem Risiko des Libanon-Einsatzes. Während Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) die Mission eindeutig als "Kampfeinsatz" bezeichnet hat, spricht Merkel weiterhin nur von einem "robusten Mandat", offenbar in der Absicht, die Unruhe im Parlament nicht weiter zu vergrößern. Doch auch ein Großteil der Bevölkerung lehnt den Einsatz ab. "Wir werden Schritt für Schritt eine höhere Akzeptanz bekommen", erklärt die Kanzlerin und erinnert an das Interesse Deutschlands, Israel zu schützen und den Nahen Osten zu stabilisieren. "Diese Region ist von uns nicht so weit entfernt."

Das Verteidigungsministerium stellt sich darauf ein, in den nächsten Wochen einen größeren Verband mit mehr als 1200 Soldaten ins östliche Mittelmeer zu schicken. In Frage kommen auch Schnellboote, U-Boote, Minensucher und Versorgungsschiffe sowie Aufklärungsjets der Luftwaffe. "Die Küste ist immerhin 220 Kilometer lang. Wenn Waffenschmuggel unterbunden werden soll, reicht dazu nicht nur eine Fregatte", meint Jung. Ob bei der Überwachung der Küste auch mit Kampfhandlungen zu rechnen ist, darüber schweigt sich der Minister ebenso aus wie die Generalität. "Die Intensität wird der Lage entsprechen", sagt Marine-Inspekteur Wolfgang Nolting zur Wahl der Mittel. Man werde stets abwägen "zwischen verantwortbarem Handeln und dem Schutz unserer Männer".

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