Gefragter Experte in der Corona-Pandemie: Karl Lauterbach (re.) bei Markus Lanz im ZDF.
+
Gefragter Experte in der Corona-Pandemie: Karl Lauterbach (re.) bei Markus Lanz im ZDF.

„Man geht jetzt davon aus“

Diesmal mit Mutation: Lauterbach warnt bei Lanz vor dritter Corona-Welle - und nennt dafür entscheidende Werte

  • Patrick Mayer
    vonPatrick Mayer
    schließen

Coronavirus-Pandemie: Wie konnte es zu dem Impf-Schlamassel kommen? Karl Lauterbach liefert eine Erklärung - inklusive Kritik an der EU. Und nicht nur das.

München/Mainz - Wie konnte es nur zum Corona-Impf-Schlamassel in Deutschland kommen? SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach lieferte in der Sendung Markus Lanz (ZDF) nun eine stichhaltige Argumentation.

Mit dieser deckte er gleichzeitig das vielleicht größte Versäumnis von Europäischer Union (EU) und Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf: Sie haben offenbar bei ihren Planungen der Impf-Kampagne die Produktionsstätten für die benötigten Impfstoffe zu sehr außer Acht gelassen.

Corona-Impfungen in Deutschland: Karl Lauterbach rechnet mit Bedarf bis 2022

Lauterbach ist schließlich mittlerweile als schonungsloser Analytiker und Pragmatiker in der Corona-Krise bekannt. Und so zitierte Lanz den Rheinländer zu Beginn der ZDF-Sendung mit den Worten: „Wir schaffen bis Mitte 2021 vielleicht nur 20 Prozent der Bevölkerung zu impfen. Bis wir alle geimpft sind, wird wohl 2022 werden.“ Mit dem Hinweis, dass Lauterbach diese Sätze bereits im August 2020 gesagt habe.

Und Lauterbach? Legte nach. „Ich war nicht der Einzige, der das gesagt hat. Da waren auch andere Wissenschaftler, die sich damit beschäftigt haben, was wie bestellt worden ist. Die Europäische Union hat für die beschleunigte Produktion nichts ausgegeben. Daher war klar, dass am Anfang nicht so viel produziert werden kann und, dass wir am Anfang Knappheit haben“, sagte er.

„Bei den Amerikanern“ seien dagegen „drei Biontech-Werke sehr früh sehr schnell ausgebaut worden“, erklärte er weiter und, dass „die Amerikaner auf die Bevölkerung bezogen mindestens das sieben- oder achtfache ausgegeben“ hätten, um die Impfstoff-Produktion hochzufahren.

Coronavirus-Impfstoffe in Deutschland: Karl Lauterbach - Vorwürfe gegen EU und Bundesregierung

Scharfe Kritik an Organisation von Europäischer Union (EU) und Bundesregierung? „Um fair zu sein, will ich es mal so ausdrücken: Die EU würde die Art und Weise, wie der Impfstoff eingekauft worden ist, so nicht wiederholen“, meinte Lauterbach: „Man hätte von allen Impfstoffen viel kaufen müssen, weil Impfstoffe im Vergleich zur Pandemie gar nichts kosten. Der gesamte Impfstoff, den wir jetzt gekauft haben, ist weniger wert als zwei oder drei Tage Lockdown in der gesamten Gastronomie. Die Impfstoffe sind sehr preiswert im Vergleich zum Lockdown.“

Die Impfstoffe sind sehr preiswert im Vergleich zum Lockdown.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach

Die USA hätten von jedem Impfstoff so viel gekauft, „dass, wenn nur einer erfolgreich ist, sie auch von diesem genug haben“, erzählte er weiter, die EU habe dagegen den Pharma-Unternehmen in Europa vermittelt: „Für die Fabriken seid ihr selber zuständig. Wenn ich den Preis nach oben deckele und eine extra schnelle Produktion haben will, muss ich dafür extra bezahlen. Und die EU war nicht bereit, das zu tun. Die Amerikaner aber haben das gemacht.“

Markant: Während es um die Planung der Impstoff-Kampagne ging, hatte Deutschland gerade die Ratspräsidentschaft der EU inne.

Dritte Corona-Welle in Deutschland? Karl Lauterbach - Inzidenz von 25 und R-Wert von 0,7 entscheidend

Damit nicht genug: Lauterbach rechnete zudem vor, wie sowohl eine dritte Corona-Welle verhindert als auch die Coronavirus-Mutationen besiegt werden könnten. So brauche es eine bundesweite 7-Tage-Inzidenz von 25. Aktuell liege Deutschland bei „ungefähr 90. Im Moment gehen wir ungefähr zehn pro Woche runter“.

Sein Mutmacher: Die Mutationen seien nicht unbesiegbar, Dänemark und England hätten das gezeigt. Doch „dann müsste der R-Wert bei 0,7 liegen. 0,7 ist etwa die goldene Trefferzone. Da sinkt die alte Variante und die neuen Mutationen können nicht wachsen. Wir sind leider um 0,1 bis 0,15 zu hoch“, erzählte Lauterbach bei Markus Lanz (ZDF).

Coronavirus-Mutationen in Deutschland: Karl Lauterbach erwartet Anteil an Infektionen von 30 Prozent

Die Mutationen der britischen Variante B.1.1.7 und der südafrikanischen Variante B.1.351 würden sich aktuell stärker ausbreiten, „man geht jetzt davon aus, dass etwa zehn bis 15 Prozent der Neuinfektionen schon aus diesen Quellen kommen“, erklärte er weiter: „Das heißt, wir sind in einem Lockdown, der die alte Variante runterdrückt, doch gleichzeitig steigen die gefährlicheren Varianten. Und ab Mitte Februar dürfte der Anteil der neuen Varianten bei etwa 30 Prozent liegen. Ab 30 Prozent würde die Gesamtinzidenz wieder steigen, obwohl die alte Variante zurückgeht.“

Lauterbach rät mit Blick auf den harten Corona-Lockdown deshalb: „Jetzt noch ein bisschen nachschärfen. Was wir am 14. Februar machen, wird von großer Bedeutung sein.“ (pm)

Auch interessant

Kommentare