Merkel und Beck besuchen Katholikentag

Osnabrück - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der SPD-Vorsitzende Kurt Beck sind am Donnerstag beim Katholikentag auf Tuchfühlung mit der kirchlichen Basis gegangen. Sie waren in Osnabrück, als Bundespräsident Horst Köhler in Berlin seine Bereitschaft für eine zweite Amtszeit bekanntgab.

Innerkirchlich ging es am zweiten Tag des Christentreffens unter anderem um den Umgang mit Teufelsaustreibungen. Die Veranstalter des Katholikentags reagierten betont gelassen auf die jüngst bekanntgeworden Fälle von Exorzismus im Erzbistum Paderborn.

Bundeskanzlerin Merkel bekannte sich in Osnabrück zu ihrem christlichen Glauben: «Wir haben einen Gott, wir haben Jesus, der uns gezeigt hat, wie wir leben können, das gibt auch mir Kraft.» Zuvor hatte die protestantische Pastorentochter die Mithilfe der evangelischen Kirche auf dem Katholikentag gelobt. «Das lässt uns hoffen für die Ökumene», sagte die Kanzlerin. Merkel hatte am Morgen am Fronleichnamsgottesdienst teilgenommen und anschließend ein Bad in der Menge zehntausender Katholikentagsbesucher genommen.

Erfreut reagierte sie auf die Entscheidung Köhlers, im Mai 2009 für eine zweite Amtszeit als Bundespräsident zu kandidieren: «Ich gehe davon aus, dass er eine breite Unterstützung bekommt.» Bei einer Podiumsdebatte zur Umweltpolitik machte Merkel deutlich, dass sie auf mehr US-Engagement gegen den Klimawandel setzt. Bei der Klimaschutz- Konferenz in Kopenhagen 2009 werde festgelegt, wer welche Verantwortung übernehme. «Da geht es darum, Freunde anderweitig zu gewinnen. Mal sehen, wie die neue amerikanische Administration außer den Überschriften dann auch handelt.»

Der SPD-Vorsitzende Beck machte sich in Osnabrück erneut für einen Mindestlohn stark. «Aus Arbeit beziehen wir einen großen Teil unseres Selbstwertgefühls», sagte er. Die Sorge, dass durch Mindestlöhne die Arbeitslosigkeit steigen könnte, sei unbegründet.

Das Thema Exorzismus spiele auf dem Katholikentag nur eine Nebenrolle, betonte der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper: «Ich finde, dass das ein Randphänomen in der Kirche ist. Da stehen auch Bischöfen die Haare zu Berge.» Vor wenigen Tagen hatte das Erzbistum Paderborn drei Fälle von bischöflich genehmigtem Exorzismus aus jüngerer Zeit bestätigt. In den meisten anderen Bistümern in Deutschland gibt es keine vergleichbaren Fälle, ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema betonte der Referent für Weltanschauungsfragen im Bistum Limburg, Lutz Lemhöfer, dass der Exorzismus in Polen oder Italien relativ häufig praktiziert werde, in Deutschland dagegen nur selten. Ein Grund dafür sei der Fall der Studentin Anneliese Michel, die 1976 im Bistum Würzburg nach zahlreichen Exorzismus-Sitzungen an Unterernährung gestorben war.

Der Katholikentag, zu dem bis Sonntag mehr als 60 000 Besucher erwartet werden, war am Mittwochabend mit einem Grußwort von Papst Benedikt XVI. eröffnet worden. Er rief die Katholiken dazu auf, sich aktiv am politischen Leben zu beteiligen: «Überlasst die Gestaltung der Zukunft nicht nur anderen.» Der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Périsset, hatte den Brief des Papstes vor rund 10 000 Zuhörern auf dem Osnabrücker Domplatz verlesen.

Das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum wurde am Abend bei einer christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier thematisiert. Dabei setzten der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, und der frühere Augsburger Landesrabbiner Henry Brandt ein Zeichen der Versöhnung im Streit um die vom Vatikan neugefasste Karfreitagsfürbitte. Beide betonten das geschwisterliche Verhältnis von Juden und Christen. Unter großem Applaus umarmten sich beide am Ende der Feier symbolisch auf dem Podium.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) forderte in Osnabrück mehr politische Anstrengungen für Kinder mit Migrationshintergrund: «Diesen Kindern müssen wir die Türen weit öffnen.» Ihre Leistungsfähigkeit werde später dringend gebraucht. «Wenn ich 80 bin, werden in Deutschland dreimal so viele 80-Jährige leben wie heute», sagte die 49-Jährige am Donnerstag.

Der Präsident des Deutschen Caritasverbands, Peter Neher, verlangte eine Senkung der Lohnnebenkosten für Geringverdiener. Dies sei wichtig, um mehr und bessere Arbeitsplätze im Kampf gegen Armut in Deutschland zu schaffen, sagte Neher in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa beim Katholikentag. Der neue Armutsbericht der Bundesregierung zeige, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland weiter auseinandergehe.

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