„Wenn wir es nicht schaffen“

Verheerende Wirkung der Corona-Mutation: Merkel macht schlimme Inzidenz-Prognose - Experten geben ihr recht

  • vonCornelia Schramm
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In Großbritannien und Südafrika grassieren sie schon - jetzt sind die neuen Corona-Mutationen auch in Deutschland angekommen. Merkel skizziert ein schlimmes Szenario für Ostern - Experten geben ihr Recht.

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel rechnet bis Ostern mit einer Explosion der Corona-Inzidenz.
  • Diese schlimme Prognose könnte wirklich bittere Realität werden, bestätigen sie jetzt auch Experten.
  • Die Bedrohung, die von den Coronavirus-Mutationen aus Großbritannien und Südafrika ausgeht, ist offenbar enorm.

Berlin - Die Corona-Mutation, die unter der Bezeichnung B.1.1.7 bekannt ist, hält derzeit Wissenschaftler wie Politiker in Atem. Nachdem die Mutation anfänglich vor allem in Großbritannien aufgetreten war, droht sie nun auch das Infektionsgeschehen in Kontinentaleuropa zu bestimmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich deshalb mehr als besorgt. „Wenn wir es nicht schaffen, dieses britische Virus abzuhalten, dann haben wir bis Ostern eine zehnfache Inzidenz“, erklärte die Kanzlerin kürzlich. Eine Verzehnfachung der Inzidenz würde in manchen Landkreisen, die aktuell bei 300 liegen, einer Inzidenz von gut 3000 entsprechen.

Welch verheerende Wirkung die neue Virus-Mutation „B.1.1.7.“ haben könnte, zeigt sich bereits an der aktuellen Lage in Großbritannien. Bis zu 60.000 Neuinfektionen verzeichnet das Land täglich, wobei die Zahl der in Krankenhäuser eingewiesenen Covid-19-Erkrankten derzeit viel höher ist als zu ihrem bisherigen Höhepunkt in der ersten Welle im Frühling 2020. In der Hauptstadt London liegt die 7-Tage-Inzidenz inzwischen bei über 1000. Einer von 30 Einwohnern habe derzeit Covid-19, berichtete Bürgermeister Sadiq Khan kürzlich über die „absolute Krisensituation“ - das Virus sei „außer Kontrolle“ und die Kliniken stünden vor dem Kollaps. Auch im Nachbarland Irland ist die Mutation auf dem Vormarsch, haben sich die Fallzahlen hier doch zuletzt verzehnfacht.

In Deutschland hat man es bisher unter anderem in Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg bereits „vereinzelt“ mit der britischen Mutation zu tun. Zudem wurde am Dienstag in NRW auch eine Mutation aus Südafrika nachgewiesen, die ebenfalls infektiöser als die bisherige Variante sein soll. Zwar gelten sie beide als potenziell ansteckender, aber nicht zwingend als Motor für schwerere Krankheitsverläufe. Auch die derzeit verwendeten Impfstoffe sollen wirksam gegen sie sein. Was Experten aber Sorge bereitet ist, dass sie für schnell steigende Infektionszahlen sorgen und somit das Gesundheitssystem völlig überlasten könnten.

Virus-Mutation aus Großbritannien könnte Deutschland zu Ostern heftig treffen

Zwar ist der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, noch nicht vollends von der stärkeren Durchsetzungsfähigkeit des Virus überzeugt, hält jedoch die Daten, die aus Großbritannien und Südafrika kommen, für „erstaunlich“: Statt einem R-Faktor von eins könnte die neue Mutation einen R-Faktor von 1,5 haben. So plädiert auch Drosten dafür, nicht tatenlos zuzusehen, wie sie sich immer weiter ausbreiten und die Intensivstationen sich rasant füllen. Im NDR-Podcast erklärte er: „Wenn das so sein sollte, dass die Verhältnisse so 1,5 zu 1 sind, also von neuem Virus zu altem Virus, dann haben wir ein richtiges Problem.“ Dann müsse Deutschland selbst bei den aktuellen Maßnahmen nochmals nachschärfen, so Drosten.

Christian Drosten hält eine nachmalige Verschärfung der Corona-Beschlüsse für sinnvoll, sollte sich die Virus-Mutation als so infektiös wie angenommen herausstellen. (Archivbild)

Doch während schon weiterhin über das nochmalige Verschärfen der Maßnahmen im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie diskutiert wird, fragt man sich, wie wahrscheinlich die schockierende Rechnung der Kanzlerin wirklich ist. Die Statistikerin Katherina Schüller hat für focus.de die möglichen Auswirkungen der weitaus ansteckenderen Corona-Mutation auf das Infektionsgeschehen in Deutschland untersucht.

„Wir haben momentan einen R-Wert von etwa 1,1 und eine 7-Tage-Inzidenz von 164; die neue Virusvariante ist 40 bis 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form. Das sind die zentralen Eingangsgrößen für das Modell“, erklärte Schüller. Entscheidend für eine Prognose ist darüber hinaus auch der Anteil von B.1.1.7-Infektionen unter den allgemeinen Coronainfektionen in Deutschland. Dieser könne jedoch nur geschätzt werden.

Corona-Mutation in Deutschland: Merkels Prognose zu verzehnfachtem Inzidenzwert bis April möglich

Mit diesen einschränkenden Faktoren kommt Schüller bei ihrer Hochrechnung je nach Modell auf einen Inzidenzwert der zu Ostern zwischen 500 und 3500 liegen könnte. Der davon genommene Mittelwert läge dann bei 1500 bis 2000. Das entspräche in etwa der von Angela Merkel befürchteten Verzehnfachung des momentanen Inzidenzwertes.

RKI: „Totaler Lockdown“ ab Februar offenbar bereits im Gespräch

Die Warnungen der Experten bleiben von den Politikern nicht ungehört. So forderte etwa die Grünen-Chefin Annalena Baerbock bereits am Montag eine Ausweitung der Homeoffice-Modelle, staatlich finanzierte FFP2-Masken sowie die Zulassung von Schnelltest zur Selbstanwendung. „Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Zahlen nicht explodieren und die Krankenhäuser nicht kollabieren“, erklärte sie. Zudem dürfe beim Impfen kein einziger Tag mehr verloren gehen.

Sowohl das Robert-Koch-Institut (RKI) als auch Merkel selbst diskutieren aktuell über weitere Verschärfungen. Die Kanzlerin hat das Treffen mit den Ministerpräsidenten am Freitag auf den 19. Januar vorverlegt. Der Regierungssprecher Steffen Seibert sagte zudem, es gebe die Notwendigkeit, Kontakte weiter zu reduzieren. So könnten Bund und Länder kommenden Dienstag etwa einen „totalen Lockdown“ beschließen, in dem nicht nur Geschäfte, Kulturstätten, Kitas und Schulen geschlossen bleiben, sondern auch ganztägige Ausgangssperren erlassen werden könnten.

„Wir sollten uns die Frage stellen, ob letztlich nicht ein kompletter Lockdown von zwei bis drei Wochen besser ist als eine endlose Hängepartie“, sagte Unionfraktionsvize Thorsten Frei dem Spiegel, während auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer für einen „ganz harten Lockdown von zwei bis drei Wochen“ plädierte. Mit Ausnahmen von Arztbesuchen, Einkaufen oder Notfällen dürfte man in Deutschland dann die eigene Wohnung nicht mehr verlassen und maximal eine haushaltsfremde Person treffen. (cos) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka

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