Michael Müller hält die Visualisierung der Corona-Regeln hoch.
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Die ominöse Lockdown-Grafik: Michael Müller, Regierender Bürgermeister Berlins, hält die Visualisierung der Corona-Regeln hoch.

„Sehe keine Option für Lockerungen“

Virologe entsetzt über Corona-Öffnungsplan: Experte fürchtet „Maßnahmen, noch härter als bisher“

  • Andreas Schmid
    vonAndreas Schmid
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Der beim Corona-Gipfel beschlossene Stufenplan sorgt für Kritik. Neben der Opposition gibt es auch in der Wissenschaft mahnende Worte. Ein Virologe warnt vor einem heftigen Rückfall.

Frankfurt - „Der Frühling 2021 wird anders sein als der Frühling vor einem Jahr“, versprach Angela Merkel nach dem jüngsten Corona-Gipfel am Mittwoch (3. März). Die Bundeskanzlerin nannte Impfstoffe sowie erweiterte Testkapazitäten als Prunkstück und stellte zusammen mit den 16 Länderchefs einen Stufenplan vor. Die Devise: schrittweise in Richtung „Normalität“.

Corona in Deutschland: Kritik an Stufenplan - „Inzidenzwirrwar“ und „keine klare Perspektive“

Der Öffnungsplan soll in fünf Stufen ablaufen und ist teils stark an die jeweiligen Inzidenzwerte gekoppelt. Als entscheidende Kriterien machte die Bundesregierung dabei die Inzidenzwerte 50 und 100 aus. Bei weniger als 50 Fällen pro 100.000 Einwohnern ist im Einzelhandel ab 8. März ein Kunde pro 20 Quadratmetern erlaubt, bei einer Inzidenz von 50-100 einer pro 40 Quadratmetern.

Linksfraktionschef Dietmar Bartsch kritisierte den Stufenplan in den Zeitungen der Funke Mediengruppe als „Corona-Irrgarten“ und sprach von „Inzidenz- und Lockerungswirrwarr“. Auch FDP-Chef Christian Lindner zeigte sich unzufrieden mit den Beschlüssen: „Für die Bundesregierung bleibt offenbar der Lockdown das einzig denkbare Rezept.“ Der Bundesvorsitzende sieht „keine klare Perspektive auf Öffnung“, sondern einen „in sich komplizierten und viel zu ambitioniert gestaltenden“ Stufenplan, wie er in einem auf Twitter veröffentlichten Video sagte.

Corona-Stufenplan: „In so einer Situation sehe ich eigentlich überhaupt keine Option für Lockerungen“

Teile der Wissenschaft sehen die neue Strategie derweil ebenso kritisch. So erklärte etwa Virologe Hendrik Streeck, dass nicht nur die Inzidenz in die Lockerungen miteinbezogen werden müsse, sondern auch Faktoren wie die Impfquote und die Krankenhausbelegung. Er plädierte im ZDF-Talk mit Maybrit Illner dafür, die Öffnungsmöglichkeiten an die Hygienekonzepte zu koppeln. „Die, die die besten Hygienekonzepte haben, sollen auch als Erstes öffnen.“

Sein Kollege Martin Stürmer, Virologe an der Universität Frankfurt, ist mit den neuen Beschlüssen auch unzufrieden. Er warf der Bundesregierung nicht vor, zu lasch zu lockern, sondern vielmehr vorschnell. In Deutschland waren die Infektionszahlen zuletzt wieder angestiegen. Immer mehr Fälle sind auf Corona-Mutationen zurückzuführen. „In so einer Situation sehe ich eigentlich überhaupt keine Option für Lockerungen,“ sagte Stürmer gegenüber Focus Online.

Martin Stürmer ist Laborleiter an der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Ihm gegen die Lockerungen zu schnell.

Corona-Stufenplan: Virologe warnt - „dann reichen die aktuellen Maßnahmen nicht mehr“

Der Experte befürchtet infolge der Lockerungen ein In-die-Höhe-Schnellen der Fallzahlen und Inzidenzwerte von über 100 im ganzen Land. Die Öffnungsperspektive könnte dann vorschnell zunichtegemacht werden. „Dann reichen auch die aktuellen Maßnahmen nicht mehr, dann werden die Maßnahmen noch härter als bisher. Dann müssen wir womöglich noch einmal alles komplett dicht machen.“

Auch Karl Lauterbach erachtet die Öffnungsstrategie als verfrüht. Bei „Stern-TV“ zeichnete der SPD-Gesundheitsexperte ein ähnlich düsteres Szenario: „Die Fallzahlen werden steigen, die dritte Welle kommt, dann ist man ruckzuck viel näher an einer Inzidenz von 100 als an der 50.“

Corona in Deutschland: Virologe zerlegt Stufenplan - „Zu früh. Zu riskant. Zu viele Stolperfallen“

Dass sich die Menschen nach Lockerungen sehnen, könne Stürmer als Privatperson nachvollziehen. „Aber als Virologe, aus wissenschaftlicher Sicht, kann ich nur sagen: Zu früh. Zu riskant. Und es gibt zu viele Stolperfallen.“ Mit Sorge betrachtet der Mediziner etwa die angepassten Kontaktbeschränkungen. „Überall, wo ich mehr Kontakte zulasse, erhöhe ich das Risiko.“

Statt besagtem Stufenplan hätte sich Stürmer daher vielmehr gewünscht, „ein gutes Konzept für die breite Massenimpfung“ sowie „eine vernünftige Teststrategie“ zu etablieren, wie er der Hessenschau erklärte. „Dann hätte man vielleicht noch ein paar Wochen länger in der jetzigen Situation verharren müssen, aber man hätte die Lockerungen gleichzeitig besser abgesichert. So haben wir den zweiten Schritt vor dem ersten getan.“ (as)

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