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Hausboote in schlechtem Zustand liegen am 31.03.2014 auf einem Kanal in London.

Wie lebt es sich dort?

Miete zu teuer: Ein Hausboot als Alternative

London - In der britischen Hauptstadt steigen die Wohnungspreise unaufhaltsam. Auf heruntergekommenen Hausbooten haben Geringverdiener eine Alternative gefunden.

Mehr als zehn Hausboote reihen sich aneinander. Manche sind bunt bemalt, bei einigen ist die Farbe ganz abgeblättert. Auf den Decks herrscht ein Durcheinander von allerhand Werkzeug, Folien und Schrott. Seetüchtig sind nur noch wenige, ab und zu schaukeln sie über eine Welle hinweg. Die Gezeiten der Nordsee machen sich an diesem Stück der Themse bei London noch bemerkbar.

Am Nachmittag halten die ersten Autos an einer Straße in Ufernähe. Menschen schleppen Kisten auf die Boote, andere tragen Müllsäcke von ihrem schwimmenden Zuhause. Ein Mann läuft mit einem Kleinkind auf dem Arm auf eines der Boote. Die Menschen verdienen ihren Unterhalt meist mit einfachen Arbeiten. Einem Artikel des „Guardian“ zufolge wohnen hier Straßenreiniger, Küchenhilfen und andere schlecht bezahlte Berufsgruppen. Genaue Informationen über die Lebensverhältnisse der Menschen hier haben die Behörden kaum.

Rund 10.000 Londoner leben auf den etwa 4000 bis 5000 Hausbooten in London und entgehen so den teuren Mieten an Land.

Umgerechnet rund 1200 Euro kostet die Monatsmiete für eine durchschnittliche Einzimmerwohnung in Richmond, am südwestlichen Rand Londons gelegen. Im Schnitt verdienen die Einwohner der britischen Hauptstadt jedoch nur rund 2400 Euro netto. Wer zu den Geringverdienern gehört, kann sich kaum noch eine Unterkunft leisten. Bezahlbar bleibt dagegen eine Kammer für umgerechnet 300 bis 400 Euro auf einem heruntergekommenen Hausboot, einige Kilometer von Richmond entfernt.

„Mich kostet ein ganzes Boot zehn Pfund (rund zwölf Euro) die Nacht“, sagt ein Mann um die 30. Seinen Namen möchte er nicht verraten. Zusammen mit seiner Freundin wohnt er seit mehr als zwei Jahren auf dem kleinen Boot. Ursprünglich stammt er aus dem nur wenige Kilometer entfernten Twickenham. Eine feste Arbeitsstelle hat er nicht. „Wenn ich mal Geld brauche, verdiene ich das mit Schreinereiarbeiten“, erklärt er.

Seine halblangen blonden Haare sind zerzaust und die Kleidung ist abgewetzt. Im Gegensatz zu vielen anderen wohnt er hier freiwillig, nicht aus der Not heraus. Für Aussteiger wie ihn bedeutet das Leben auf dem Hausboot Freiheit. Um hier wohnen zu können, muss er keine Selbstauskunft ausfüllen oder fürchten, von seinen Nachbarn wegen Ruhestörung angezeigt zu werden, wenn er bis in die Nacht feiert.

4000 bis 5000 Hausboote gibt es auf der Themse und anderen Gewässern Londons, wie eine Untersuchung der London Assembly aus dem vergangenen Jahr zeigt. Rund 10 000 Londoner leben das ganze Jahr über auf einem Boot. Wie viele davon finanzielle und wie viele ideelle Gründe antreiben, ist nicht bekannt.

Auf den zwei größten der Hausboote bei Teddington Lock leben jeweils etwa zehn Menschen, im Winter sind es meist weniger. Sie teilen sich eine Chemietoilette. Zentralheizung, fließendes Wasser oder gar ein Badezimmer gibt es nicht. Duschen müssen die Bewohner in der örtlichen Turnhalle.

Beim Wehr Teddington Lock endet der Zuständigkeitsbereich der Hafenbehörde. Wie eine Barriere trennt die mächtige Stauanalage die schäbigen Hausboote von den vielen schicken Booten, die flussabwärts liegen. Es ist eine Parallelgesellschaft, in der die Menschen hier leben.

Nicht einmal die Wohlfahrtsorganisation „Shelter“, die gegen schlechte Wohnbedingungen kämpft, hat genaue Informationen über die Menschen, die am Rande der Stadt auf dem Wasser leben. Und die zahlreichen Jogger und Spaziergänger die jeden Tag vorbeikommen, scheinen sich an den Anblick der heruntergekommenen Boote gewöhnt zu haben.

dpa

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