Mindestens 66 Tote nach Hallenunglück in Kattowitz

- Warschau/Kattowitz - Beim Einsturz des Daches einer Messehalle im oberschlesischen Kattowitz sind mindestens 66 Menschen getötet worden, darunter ein Deutscher. Auch unter den Verletzten der Tragödie vom Samstagabend, deren Zahl zuletzt mit 141 angegeben wurde, befänden sich vier Deutsche, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Sonntag auf Anfrage.

Eine noch unbekannte Zahl von Opfern war am Sonntag zunächst immer noch unter den Trümmern verschüttet. Ihre Überlebenschancen seien "nahe bei Null", sagte Einsatzleiter Janusz Skulich von der oberschlesischen Feuerwehr.

Über die genaue Ursache des Unglücks gab es am Sonntag zunächst keine Angaben. Möglicherweise sei das Dach aber unter der Schneelast eingebrochen, hieß es. In der Halle hatte eine internationale Brieftaubenschau stattgefunden. Zum Zeitpunkt des Unglücks sollen 500 bis 1000 Menschen in der Halle gewesen sein.

Die Katastrophe erinnert an die Tragödie im oberbayerischen Bad Reichenhall am 2. Januar. Als dort das schneebedeckte Dach der Eissporthalle einbrach, kamen 15 Menschen ums Leben. Bei dem toten Deutschen in Kattowitz handelt es sich vermutlich um einen bayerischen Taubenzüchter. Ein Bekannter des Züchters sagte der dpa, der Mann sei unter den Trümmern eingeklemmt gewesen und schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht worden. Dort sei er seinen Verletzungen erlegen. Unter den Toten und Verletzten sind nach Angaben eines Behördensprechers insgesamt 13 Ausländer. Es handele sich neben dem Deutschen um Tschechen, Belgier, einen Slowaken und einen Niederländer, sagte Krzysztof Mejer, Sprecher der oberschlesischen Regionalverwaltung der polnischen Nachrichtenagentur PAP.

Trotz des fieberhaften Einsatzes hunderter Helfer sieht der Krisenstab in Kattowitz kaum noch Chancen, Opfer lebend zu finden. "Wir gehen bis zuletzt so vor, als ob wir Lebende bergen, aber die Wahrscheinlichkeit liegt bei Null", sagte Skulich am Sonntag vor Journalisten. "Seit zehn Uhr abends haben wir keine lebenden Opfer mehr gefunden", sagte er. Die Einsatzkräfte hätten alle ihnen zur Verfügung stehenden technischen Mittel ausgeschöpft, nun müssten Fachleute mit Spezialgerät die Trümmer räumen. Das könne bis zu einem Monat dauern. Zahlreiche Opfer seien noch nicht identifiziert. "Die Zahl der Opfer wird noch steigen", fügte Skulich hinzu. "Die ganze Zeit gibt es neue Berichte über Tote, und wir konnten noch nicht an alle Orte vordringen, an denen noch Menschen sind."

Vor allem in der Hallenmitte, wo das Dach am Samstag um 17.15 direkt auf den Boden der Messehalle stürzte, dürfte so gut wie niemand überlebt haben. Spürhunde suchten nach Überlebenden, konnten aber niemanden finden. Bei Temperaturen von minus 15 Grad wurden die Rettungsarbeiten zum Wettlauf gegen die Zeit. Die Retter konnten in den ersten Stunden kein schweres Gerät einsetzen, da dies die Überlebenschancen der unter den Stahlbalken in der Falle sitzenden Menschen gefährden könnte. Auch Heißluft konnte nicht zu den Eingeschlossenen geblasen werden, da die Rettungskräfte befürchteten, dies könne zu weiteren Einstürzen führen.

"Eine solche Katastrophe hat es in Polen noch nicht gegeben", sagte Andrzej Urbanski, der Leiter der polnischen Präsidentenkanzlei, in der Nacht zum Sonntag vor Journalisten in Kattowitz. Der 57-jährige Tscheche Lubomir Hapl gehörte zu den Überlebenden des Unglücks. Er schilderte der Prager Nachrichtenagentur CTK den Augenblick der Tragödie. "Wir wollten gerade aus der Halle nach Hause gehen, als wir die Schreie hörten. Ich sah, wie Menschen zu laufen begannen. Mir war in diesem Moment nicht klar, was eigentlich los ist. Dann aber bemerkte ich, dass das Dach runterkam. Es kam wirklich wie eine Lawine runter. Über mir war es noch in Ordnung. Ich rannte, zur nächsten Tür waren es etwa 30 Meter. Irgendetwas rammte mich zu Boden. Erst nach einer Weile kam ich hoch und hetzte mit anderen Leuten raus. Erst dort, auf einer Bank, bemerkte ich das Blut. Jetzt habe ich nur einen Gedanken im Kopf: Was wäre wenn? Ich habe doch eine Frau und eine kleine Tochter im ersten Schuljahr."

Polens Staatspräsident Lech Kaczynski ordnete Staatstrauer an. In der Kathedrale der Bergbaumetropole fand eine Messe für die Opfer der Tragödie statt, an der auch Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz teilnahm. Er hatte sich schon in der Nacht vor Ort über den Rettungseinsatz informiert und unbürokratische Hilfe versprochen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Opfern und Verletzten des schweren Unglücks ihr "tief empfundenes Beileid" aus. "Mit Bestürzung habe ich von dem Einsturz des Daches einer Messehalle in Kattowitz erfahren", schrieb Merkel am Sonntag in einem Beileidstelegramm an Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz. Auch der russische Präsident Wladimir Putin und der französische Präsident Jacques Chirac haben ihrem polnischen Amtskollegen ihr Beileid ausgesprochen. Papst Benedikt XVI. betete am Sonntag für die Opfer des Halleneinsturzes. Das polnische Fernsehen zeigte das Oberhaupt der katholischen Kirche, als es sich in polnischer Sprache an die auf dem Petersplatz versammelten Pilger wandte und an die Opfer der Tragödie erinnerte.

Auf der internationalen Messe "Taube 2006", die bis Sonntag dauern sollte, stellten nach Veranstalterangaben auch Brieftaubenzüchter aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden und der Ukraine aus. Die Messe hat jedes Jahr mehr als 12 000 Besucher. Die eingestürzte Halle ist mit einer Länge von 150 Metern die größte auf dem Kattowitzer Messegelände.

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