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Blick auf das Schloss-Hotel Wilhelminenberg in Wien. Heute wirbt das Wiener Schloss-Hotel Wilhelminenberg mit Romantik-Flair. Doch dort, wo zahlreiche Verliebte ihre Hochzeit feiern, misshandelten und missbrauchten jahrzehntelang Erzieher und Andere tausende Kinder mit unbeschreiblicher Brutalität.

Missbrauch und Gewalt über Jahrzehnte

Die Kinderheim-Hölle von Wien

Wien - In einem Wiener Kinderheim waren extreme Gewalt und sexueller Missbrauch jahrzehntelang Alltag. Dies stellt ein neuer Bericht fest. Das Besondere: Alle haben davon gewusst und nichts getan.

Heute wirbt das Wiener Schloss-Hotel Wilhelminenberg mit Romantik-Flair und zahlreichen „Kraft- und Energieorten“. Doch dort, wo zahlreiche Verliebte ihre Hochzeit feiern, misshandelten und missbrauchten jahrzehntelang Erzieher und Andere tausende Kinder mit unbeschreiblicher Brutalität.

In einem geschlossenen System von seelischer wie körperlicher Gewalt waren die isolierten Kinder der Willkür ihrer Peiniger ausgeliefert. Obwohl die Zustände bekannt waren, griffen weder Politiker noch Stadtverwaltung ein - zu diesem Urteil kommt nun eine Expertenkommission, die die Geschichte des Wiener Kinderheims von 1948 bis zu Schließung 1977 aufarbeitete.

Österreichische Medien hatten die Berichte von Opfern im Herbst 2011 aufgegriffen und so die Aufarbeitung ausgelöst. Zuvor hatte es eine öffentliche Debatte über immer mehr entdeckte Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche gegeben.

Es sind Erzählungen aus der Hölle, die sich die städtische Expertenkommission unter der Leitung der Juristin Barbara Helige in ihren 140 Interviews mit ehemaligen Zöglingen anhören müssen: „Wir sollten noch dankbar sein, dass wir zu essen bekommen und nicht vergast wurden wie die Juden, wir seien ja nichts wert, wir seien lauter kleine Huren und Kinder von Alkoholikern“, zitiert der Bericht ein damaliges Heimkind.

Prügel mussten ohne Gegenwehr ertragen werden,Erzieher vergewaltigten kleine Mädchen im Beisein anderer, auch wurden die Kinder an Fremde zum Missbrauch vermittelt. Zudem wurde den Kleinen weder gesagt, was mit ihren Angehörigen passiert ist, noch, wie lange sie im Heim bleiben müssen.

„Diese Dichte, diese Massivität, mit der das berichtet wurde, diese unglaubliche und bestürzende Selbstverständlichkeit mit der geschlagen wurde - und zwar laufend und wirklich gewalttätig - die hat etwas sehr, sehr Erschütterndes“, sagte Helige am Mittwoch.

Ihr Bericht spricht auch von „massiven sexuellen Missbräuchen“. Der Stadtverwaltung und den Politikern seien die Zustände spätestens seit den 1960er Jahren in vollem Ausmaß bekanntgewesen: Es habe massive Beschwerden gegeben, von Eltern, Jugendämtern und auch Erziehern. „Und es ist nichts passiert“, so die Juristin.

Als ersten Schritt fordert die Kommission eine Entschuldigung der Stadt bei den Betroffenen. Um die strafrechtliche Dimension soll sich dann die Staatsanwaltschaft kümmern, an die der 344-seitige Bericht nun geht.

Doch die Experten haben wenig Hoffnung, dass wirklich Gewalttäter zur Verantwortung gezogen werden: Aufgrund der eingeschränkten Datenlage und teils unkonkreten Erinnerungen sei die zweifelsfreie Ermittlung der Identität von Personen, die den Missbrauch begehen hätten können, kaum möglich, sagte die Juristin.

Nach ORF-Informationen zerstörte die Stadt nach Schließung der Anstalt alle Akten und half auch heute nur zögerlich. „Das die Wilhelminenkommission überhaupt einen Bericht zustande gebracht hat, ist wohl nur der Hartnäckigkeit der Mitglieder zuzuschreiben“, formuliert es ein Reporter.

Das Heim sei ein besonderes Beispiel, aber kein Einzelfall, sagte der bei der Präsentation anwesende Jugendstadtrat Christian Oxonitsch: „Wir haben immer gesagt, als Stadt Wien übernehmen wir die Verantwortung.“

Nach Angaben der Stadt stehen 31,5 Millionen Euro für Entschädigungszahlungen an Opfer von Wiener Kinderheimen zur Verfügung. 21,1 Millionen Euro seien bereits ausbezahlt worden, sagte eine Sprecherin. Insgesamt hätten sich bisher 1713 Geschädigte gemeldet.

Die Opposition warf der Stadt und der damals wie heute regierenden sozialdemokratischen SPÖ am Mittwoch erneut Vertuschung vor. Die Tatsache, dass heute die Namen der damals politisch Verantwortlichen nicht genannt worden seien, zeige, dass sich die Sozialdemokraten offenbar mit ihrer Vergangenheitsbewältigung immer noch schwertäten, beschwerte sich die konservative ÖVP. Und das heutige Schlosshotel Wilhelminenberg nennt die Historie des Hauses vor 1988 noch heute schlicht eine „bewegte Geschichte“.

dpa

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