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Missbrauchskomplex Wermelskirchen übersteigt bisher bekannte Fälle – Ermittler: „Unvorstellbare Brutalität“

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Polizeipräsident von Köln
Der Kölner Polizeipräsident Falk Schnabel zeigt sich entsetzt über das Ausmaß an Brutalität im Missbrauchskomplex Wermelskirchen. © Oliver Berg/dpa

Der Kindermissbrauchsskandal von Wermelskirchen übersteigt bisher bekannte Fälle. Das jüngste Opfer war einen Monat alt - einige Opfer erfuhren erst durch Ermittlungen von den Taten.

Köln - „Bitte ersparen sie mir Schilderungen dessen, was ich gesehen habe“, sagte der in einem neuen Kindermissbrauchsskandal ermittelnde Oberstaatsanwalt Joachim Roth sichtlich gequält. „Das, was ich gesehen habe, hat mich bis ins Mark erschüttert.“ Am Montag hatten erfahrene Kinderpornographie-Ermittler aus NRW vor der Presse über den neuen Missbrauchskomplex „Wermelskirchen“ berichtet. Er erreiche eine neue Dimension der Grausamkeit.

Der Hauptbeschuldigte ist demnach ein 44-Jähriger aus dem nordrhein-westfälischen Wermelskirchen. Er sei kinderlos und verheiratet, sowie Angestellter. Seinen Opfern habe er sich nähern können, weil er im Internet seine Dienste als Babysitter anbot. Mit Dutzenden weiteren Männern habe er zudem kinderpornografische Bilder und Videos „unvorstellbarer Brutalität“ getauscht.

„Ich bin erschüttert und fassungslos. Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit gegenüber kleinen Kindern, ihren Schmerzen und ihren Schreien ist mir noch nicht begegnet“, sagte Kölns Polizeipräsident Falk Schnabel auf der Pressekonferenz.

Kindesmissbrauchsskandal von Wermelskirchen: 32 Terabyte Daten beschlagnahmt

Die Taten liegen schon einige Jahre zurück. Die auf den Datenträgern gefundenen Videos reichen demnach zurück bis ins Jahr 1993. Die dem Mann nun zur Last gelegten 18 Fälle sollen sich zwischen 2005 und 2019 ereignet haben. Einige Opfer seien völlig überrascht gewesen von der Nachricht der Polizei, dass sie vor Jahren im Kleinkindalter Opfer schwersten Missbrauchs geworden seien. Ihnen sei Hilfe angeboten worden.

Seit November 2021 werde gegen den Mann ermittelt. Im Dezember wurde er festgenommen. Die Ermittler beschlagnahmten zahlreiche Datenträger. Insgesamt wurden 32 Terabyte an Daten beschlagnahmt. Ein Terabyte ergebe ausgedruckt auf Papier einen Stapel von rund 25 Kilometern Höhe, erklärten die Ermittler zu den Dimensionen des Falls. Vieles davon habe bislang noch nicht ausgewertet werden können - die Zahl der Opfer und der Fälle könne sich daher noch erhöhen. Allein die Sicherung der Daten habe 17 Tage gedauert.

„Es bedarf noch einer sehr langen Zeit, bis wir den Komplex abgearbeitet haben werden“, sagte Staatsanwalt Ulrich Bremer. Zudem sei davon auszugehen, dass die Dimensionen die des Missbrauchskomplexes von Bergisch Gladbach sprengten. Im Kern habe der 44-Jährige die Taten eingeräumt.

Kindermissbrauchsskandal Wermelskirchen: Ermittlungen gegen 73 Verdächtige aus 14 Bundesländern

Es werde geprüft, ob noch weitere Kinder Opfer des Manns geworden sein könnten. Bei ihm seien Listen mit Hinweisen auf weitere Verdächtige gefunden worden. Darin seien auch ihre Neigungen festgehalten worden. Dadurch wurden die Ermittlungen ausgeweitet. Die Verdächtigen seien nicht untereinander vernetzt gewesen. Der 44-Jährige habe individuelle Kontakte zu anderen Verdächtigen gepflegt. Daher sei es falsch, von einem „Pädophilenring“ zu sprechen.

Am Freitag waren die Ermittlungen in dem neuen Missbrauchskomplex in Nordrhein-Westfalen gegen insgesamt 73 Verdächtige in 14 Bundesländern öffentlich geworden. Die Verdächtigen sollen Kinderpornografie besessen und getauscht haben. Teilweise sollen sie Kinder auch selbst missbraucht haben.

„Wir können jetzt schon sagen, dass dieser Missbrauchskomplex in vielerlei Hinsicht eine neue entsetzliche Dimension hat, die mich tief erschüttert“, sagte Landesinnenminister Herbert Reul (CDU). Die Video seien teils über eine halbe Stunde lang. „Dementsprechend lang ist das Leid der Kinder“, sagte er.

Kindermissbrauchsskandal Wermelskirchen: Täter soll Kontakt zu Hauptverdächtigem aus Münster-Skandal gehabt haben

„Wir kriegen euch - vielleicht nicht heute, aber eines Tages stehen wir vor eurer Tür“, sagte Reul in Richtung der Täter. Der 44-Jährige aus Wermelskirchen habe Kontakte zum Hauptverdächtigen im Missbrauchskomplex Münster gepflegt. In einem Videochat habe der 44-Jährige einem Missbrauch zugesehen und Anweisungen gegeben.

In Nordrhein-Westfalen wurden in den vergangenen Jahren immer wieder große Missbrauchsprozesse geführt. Zuletzt wurden die Hauptbeschuldigten im Komplex Münster zu langen Haftstrafen verurteilt. Zuvor lösten bereits der jahrelang unentdeckt gebliebene Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde und der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach bundesweit Entsetzen aus. (dpa/AFP/kat)

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