1. Startseite
  2. Welt

Nachbarin des Amokläufers: "Das war ein halbes Kind"

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Polizisten vor dem Elternhaus des Amokläufers Tim K.
Polizisten vor dem Elternhaus des Amokläufers Tim K. © dpa

Winnenden - Das Entsetzen im Heimatort des Amokläufers von Winnenden ist riesig: Die Menschen dort können nicht begreifen, dass ein Mensch aus ihrer Mitte eine so schreckliche Tat begangen und 15 Menschen getötet hat. Was für ein Mensch war Tim K. wirklich?

Lesen Sie auch:

Nach Amoklauf: Starkbieranstich abgesagt

Augenzeugin des Amoklaufs: "Jemand rief: Rennt, rennt!"

16 Tote nach Amoklauf

Wer ist der irre Amok-Killer von Winnenden? Tim K. genoss im beschaulichen Weiler zum Stein in schwäbischen Leutenbach das, was man gern als behütete Kindheit bezeichnet. Sein Vater Jörg ist Chef eines mittelständischen Unternehmens, das Verpackungsmaterial herstellt. Die Geschäfte laufen gut, die vierköpfige Familie mit Tims älterer Schwester Jasmin und Mutter Ute (sie leidet an Krebs) wohnt in einem großzügigen Haus. 

Die unendliche Trauer in Winnenden

Fotostrecke

Der Vater ist aktives Mitglied im Schützenverein SSV Leutenbach, er ist bei seinen Vereinsbrüdern beliebt, gilt jedoch sonst als Patriarch. Daheim hortete er mehr als 18 Waffen. Ein Teil von ihnen wird später bei der Durchsuchung im Zimmer des Amokläufers gefunden.

Video

Das undadierte Foto zeigt Tim K. vor einigen Jahren.
Tim K. © ap

Tim selbst spielt schon als kleiner Bub Tischtennis im TSV Leutenbach, ist dort recht erfolgreich und heimst bei Wettkämpfen den einen oder anderen Pokal ein. Er besucht die Albertville-Realschule, beendet sie im vergangenen Jahr erfolgreich mit der Mittleren Reife. Alles klingt nach heiler Welt. Doch wo zeigte sie erste Risse, was beschäftigte Tim so sehr, dass ein solch grenzenloser Hass in ihm keimte, der jetzt aufbrach und 16 Menschen das Leben kostete?

Bilder vom Amoklauf

Fotostrecke

Tim entwickelte sich zunächst zu einem normalen Teenager, mit normalen Problemen. Er ist groß, erst schlaksig – in letzter Zeit soll er jedoch erheblich zugenommen haben; ein eher unauffälliger dunkelhaariger Typ mit Brille und kleinem Bärtchen. Alle drei bis vier Monate begleitet er seinen Vater ins Vereinslokal, wo Tim dann stets eine Cola trinkt, wie die Wirtin erzählt. Die 58-Jährige findet warme Worte für den Teenager. „Ganz lieb“ sei er gewesen und „nicht auffällig“. Nein, Mitglied im Schützenverein wie der Vater sei Tim nicht gewesen, habe dort auch nicht trainiert.

Tim spielte gerne den Türsteher

Der 17-Jährige liebt schwarze Klamotten und Horrorvideos. Eine ehemalige Mitschülerin beschreibt ihn der tz als ruhigen Einzelgänger. Eine andere erzählt, Tim habe während seiner Schulzeit gern als Pausenaufsicht und Türsteher darüber gewacht, dass auch ja alle Schüler in den Pausenhof gehen. „Aber er war eigentlich recht nett.“

Aus seinem Elternhaus, einem Neubau, der an den Fenstern graue Fensterläden aus Metall hat, tragen Polizisten am Mittwochnachmittag Kisten aus dem Haus, vorbei an einer blauen Säule im Vorbau und einem kleinen Teich mit teuren Koi-Karpfen im Vorgarten. In den Kisten steckt Beweismaterial zu einer der dramatischsten Gewalttaten in Baden-Württemberg. Das Haus liegt in einer Sackgasse. In dem 3000 Seelen zählenden Ortsteil Weiler zum Stein ist das Entsetzen groß. Ratlos stehen die Nachbarn an der Straße und beobachten die Arbeit der Ermittler.

"Das war ja noch ein halbes Kind"

"Das war ein ruhiger, sehr zurückhaltender Junge. Bei dem hat man nichts Schlimmes gemerkt", sagt ein Jugendlicher aus dem Ort über den Täter. Dieser sei zwar immer wieder von Gleichaltrigen geärgert worden, habe das aber runtergeschluckt. Die Inhaberin eines kleinen Lebensmittelladens direkt gegenüber von dem durchsuchten Haus nickt betroffen: "Das ist ganz komisch, wenn das in der Nachbarschaft passiert. Man kriegt ein richtig mulmiges Gefühl." Die Kunden, die an diesem Mittwoch den kleinen Raum betreten, schütteln die Köpfe. Das Entsetzen steht ihnen noch ins Gesicht geschrieben. Keiner von ihnen könne sich die Tat erklären, erzählen sie.

Bilder von Amokläufen an Schulen

Fotostrecke

"Gegen halb elf ist der erste Streifenwagen vorgefahren", erzählt die Inhaberin, also rund eine Stunde nachdem der Amoklauf in der rund ein Kilometer entfernten Schule begonnen hatte. Manchmal hätten die Eltern des Amokläufers bei ihr Pakete abgegeben. Sie könne aber über deren Charakter kaum etwas sagen, "unauffällig" seien sie gewesen. Eine ältere Nachbarin ergänzt, dass die Familie schon lange im Ort lebe, einige Häuser im Umkreis besitze und durch den Verkauf von Streuobstwiesen zu "einigem Geld" gekommen sei. Den Mord findet sie unglaublich und über den Täter sagt sie: "Das war ja noch ein halbes Kind."

Am späten Nachmittag ziehen schließlich die rund 30 Ermittler aus dem Haus ab. Zu diesem Zeitpunkt sitzen die Eltern bereits seit Stunden bei der Vernehmung.

Auch interessant

Kommentare