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Dominik Hinzmann betreute seit Mittwoch die Angehörigen der Opfer.

Nach Germanwings-Absturz

Münchner Helfer: "Es sieht unvorstellbar schlimm aus"

München - Seit Mittwoch hat Dominik Hinzmann Angehörige der Opfer des Germanwings-Absturzes nahe der Absturzstelle betreut. Im Interview berichtet der 37-Jährige von vielen Momenten, die "an die Nieren gehen".

Es ist ein Interview in zwei Etappen. Am späten Donnerstagabend findet Dominik Hinzmann Zeit, um mit unserer Zeitung zu sprechen, muss dann aber das Gespräch abrupt beenden, weil er in Seyne-les-Alpes gebraucht wird. Hinzmann hat das von der Bundesregierung angeforderte Kriseninterventionsteam (KIT) München geleitet, das nahe der Absturzstelle der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen seit Mittwoch die Angehörigen der Opfer betreute.

Am Freitagvormittag nach der Ankunft am Münchner Flughafen können wir das Interview fortsetzen. Hinzmann ist normalerweise Arzt am Klinikum rechts der Isar, aber schon seit 1999 ehrenamtlicher Helfer beim KIT. Der 37-Jährige ist erfahren, er war schon 2004 nach der Tsunami-Katastrophe in Thailand oder nach dem Amoklauf in Erfurt 2002 im Einsatz. Zusammen mit ihm bildeten Martin Irlinger, Ingo Russnak sowie der Notfallseelsorger Hermann Saur das vierköpfige KIT-Team in Seyne-les-Alpes.

Herr Hinzmann, Sie haben schon viele Extremsituationen erlebt. War dieser Einsatz nochmal extremer?

Vergleiche verbieten sich bei derart tragischen Ereignissen. Ich kann aber ganz offen sagen: Obwohl unser Team schon viel erlebt hat, haben wir emotionale Momente erlebt, die an die Nieren gingen.

Wie gehen Sie auf die Hinterbliebenen zu?

Schon am Mittwoch bei der Ankunft am Flughafen in Marseille haben wir versucht, mit Angehörigen ins Gespräch zu kommen. Man klärt die Menschen über die Abläufe am Unglücksort auf, man erläutert ihnen, dass körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit ganz normal sind. In Seyne-les-Alpes haben wir kleine Wanderungen gemacht. An einem Aussichtspunkt wurde extra ein Gedenkstein aufgestellt. Man schweigt gemeinsam, die Angehörigen haben Blumen niedergelegt. Von dort aus sieht man auch das Gebirgsmassiv, wo das Flugzeug abgestürzt ist, jedoch nicht die Absturzstelle. Das war auch besser so. An der Gegend um den Absturzort sieht es unvorstellbar schlimm aus.

Was geht in den Hinterbliebenen vor?

Im ersten Moment herrscht Fassungslosigkeit, wie ein Schockzustand. Es gibt nichts Greifbares. Viele haben ja gehofft, persönlich Abschied nehmen zu können.

Was dann nicht möglich war . . .

Nein, wir mussten die Angehörigen frühzeitig auf die Wahrheit vorbereiten. Dass es womöglich Wochen dauern wird, bis die Leichen geborgen werden.

Das persönliche Abschiednehmen von den Liebsten ist vermutlich aber sehr wichtig?

Ja. Mein Kollege Martin Irlinger hat dann die Idee gehabt, dass die Angehörigen einen Stein aus dem Gebirge als persönliche Erinnerung an den Verstorbenen mitnehmen sollen. Viele Hinterbliebene haben das angenommen.

Wie können Sie in der Trauerbewältigung überhaupt helfen?

Es gibt kein Patentrezept. Oft sind es kleine Signale: Einfach nur das Taschentuch reichen oder ein Trost spendendes Wort. Ich beurteile oft aus meiner Erfahrung heraus, was im individuellen Fall zu tun ist.

Stoßen Sie nicht manchmal dennoch an Ihre Grenzen?

Sicher. Wir können nur beistehen. Wir stehen in gewisser Weise vor einer ohnmächtigen Situation. Was kann ich jemandem sagen, der seine Tochter verloren hat?

Hilfsbereitschaft der Einheimischen war "einfach gigantisch"

Am Donnerstag wurde die Absturzursache bekannt. Hat das die Lage noch einmal dramatisch verändert?

Es war ein weiteres Schockerlebnis. Aber auch das muss jeder persönlich verarbeiten. Bis Mittwoch waren ja nur etwa 20 Angehörige vor Ort. Erst am Donnerstag sind mit Sondermaschinen aus Düsseldorf und Barcelona weitere 200 bis 300 Angehörige angekommen. Die wurden gleich am Flughafen über die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft aufgeklärt, dass vermutlich der Co-Pilot das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hat. Diese schockierende Nachricht ließ sich aber einigermaßen gut auffangen.

Die Hilfsbereitschaft der Einheimischen soll sehr groß gewesen sein.

Einfach gigantisch. Es gab viele freiwillige Helfer und viele Menschen, die ein Quartier zur Verfügung gestellt haben. Die Bewohner haben auf die außergewöhnliche Situation mit enormer Empathie und Mitgefühl reagiert. Auch die französischen Einsatzkräfte haben eine wahnsinnig gute Arbeit geleistet. Wir haben eine unglaublich gute Logistik und Struktur vor Ort vorgefunden.

Wo waren Sie selbst untergebracht und wo die vielen Angehörigen der Opfer?

Wir haben in einer Jugendherberge in der näheren Umgebung geschlafen. Die Unterbringung der Angehörigen war unterschiedlich: teils in Privatunterkünften, teils in Hotels und Pensionen, teils in Turnhallen.

Der Einsatz des ersten Kriseninterventionsteams ist beendet. Wie geht es jetzt weiter?

Auf Bitten der Bundesregierung ist am Freitagabend ein neues Team angereist, wieder mit vier Leuten. Diese sind aber vorrangig am von Lufthansa und Germanwings eingerichteten Familiy Center am Flughafen Marseille tätig. In Seyne-les-Alpes ist kein großer Betreuungsbedarf mehr gegeben, weil die meisten Angehörigen bereits abgereist sind. Wir haben in der Nacht von Donnerstag auf Freitag eine Sondermaschine mit Angehörigen von Marseille nach Düsseldorf begleitet. An Bord sind wir auf Spezialfälle eingegangen. Wir haben Menschen klargemacht, wie wichtig die Abgabe einer DNA-Probe zur Identifizierung der Hinterbliebenen ist – dass eine Speichelprobe keine Schikane oder böser Wille ist. Ansonsten verlief der Rückflug ruhig.

Sie selbst waren auch einer enormen psychischen Belastungsprobe ausgesetzt? Wie verarbeiten Sie den Druck?

Wir haben jetzt gleich ein Abschlussgespräch, bei dem wir alle Eindrücke nochmal Revue passieren lassen. Nächste Woche werden wir zusammen mit einem staatlich geprüften Supervisor unsere Emotionen, unsere Gefühle aufarbeiten. Das muss sein.

Interview: Klaus Vick

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