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der Airbus A320 gehört zu den meistgebauten Flugzeugtypen der Welt.

Nach Germanwings-Absturz

Rätsel um Flug 4U 9525: Unfall-Experten ermitteln

Marseille – Die Ursache des AirbusAbsturzes über Südfrankreich bleibt vorerst ein Rätsel. Es dauert oft Wochen oder Monate, bis sich Flugunfall- Experten aus Wrackteilen und Aufzeichnungen – etwa der Blackbox – ein Bild machen können. Das fällt dann oft erstaunlich präzise aus.

Update vom 26. März 2015: Wie die New York Times berichtet, soll einer der beiden Piloten im Sinkflug und beim Absturz des A320 nicht im Cockpit gewesen sein. Außerdem sind nach Auswertungen des Stimmenrekorders der Germanwings-Maschine neue Details ans Licht gekommen. Verfolgen Sie die Entwicklungen in unserem Ticker.

Was ist wirklich passiert an Bord des Airbus A320? Als dieser ohne ersichtlichen Grund aus dem Reiseflug in eine Art steilen Sinkflug überging? Dem Flug 4U 9525, der acht Minuten später in einem Trümmermeer in den südöstlichsten Ausläufern der Alpen endete? Haben die Piloten im Cockpit zu spät reagiert und dann die Nerven verloren?

Panikreaktionen sind unwahrscheinlich. Mit 6000 Flugstunden auf diesem Flugzeugtyp zählte der Pilot der Lufthansa-Tochter zu den Erfahrenen, die eigentlich nichts mehr aus der Ruhe bringen darf.

Konnte die Besatzung am Ende gar nicht mehr reagieren? Erste Meldungen nach dem Unfall schienen dies auszuschließen. Das Flugzeug habe einen Notfall gemeldet, hieß es darin. Diese Aussage der französischen Regierung erwies sich aber später als verfrüht. Ein Controller habe versucht, das Flugzeug per Funk zu erreichen, war nun die offizielle Version. Als das nicht gelang, löste er Alarm aus.

Was passierte im Cockpit?

Was währenddessen im Cockpit des Flugzeugs vorging, bleibt zunächst ein Rätsel. War es ein technischer Fehler? Waren die Pitot-Rohre, das sind Drucksensoren, vereist und haben dem Computer und der Besatzung falsche Geschwindigkeitswerte vorgegaukelt, die im Flugzeug aus gemessenen Luftdruckwerten berechnet werden? Das war Airbus bereits wiederholt passiert, zuletzt im November 2014 bei einem Flug von Bilbao nach München. Dann wäre das Flugzeug möglicherweise in den „Stall“ geflogen. So nennt man es in der Fliegerei, wenn der Luftstrom um die Flügel das Flugzeug nicht mehr trägt, weil es zu langsam ist oder zu stark steigt.

Das Flugzeug schmiert ab. Meist gerät es dabei ins Trudeln und bewegt sich in Kreisbewegungen in die Tiefe. Das kann man in der Regel auf Radarbildern erkennen. Und spätestens dann hätte auch ein unerfahrener Pilot reagiert und versucht, das Flugzeug wieder in einen normalen Flugzustand zu bringen. Doch das geschah offensichtlich nicht. Außerdem ist sich Airbus sicher, die Probleme mit den Pitot-Rohren inzwischen gelöst zu haben.

Kein Notruf

Der Schlüssel zur Auflösung liegt wohl bei der Reaktion der Cockpitbesatzung. Selbst wenn Piloten nach einem „Stall“ alle Hände voll zu tun haben, das Flugzeug wieder zu stabilisieren, hätten sie sich mehrfach melden müssen. Schon als der A320 um 10.46 Uhr vom Reiseflug in den Sinkflug überging, hätten die Piloten dazu ein Okay des Fluglotsen benötigt. Aber: nichts davon. Auch den international vorgesehenen Notruf „Mayday Mayday Mayday“ setzten sie nicht ab.

Nicht einmal über den Transponder wurde ein Notfall gemeldet. Transponder, das ist ein Sender in jedem Flugzeug, der nach wenigen Handgriffen einen vierstelligen Zahlencode übermittelt, der dann ständig auf den Radarschirmen der Fluglotsen angezeigt wird. Es gibt drei Nummern, die jeder Pilot im Schlaf beherrschen muss: 7700 für Luftnotfall, 7600 für Funkausfall, 7500 für Entführungen. Nichts davon stand auf den Radarschirmen.

Waren die Piloten noch handlungsfähig? Das Ausbleiben jeder Reaktion spricht dagegen. Doch warum ging das Flugzeug in den Sinkflug über? Wäre die Cockpit-Besatzung ausgefallen, würde ein ausgetrimmtes Flugzeug seine Fluglage erst einmal beibehalten, selbst wenn der Autopilot nicht aktiv ist.

Es kursierten recht früh Radar-Aufzeichnungen im Internet, die den plötzlichen Sinkflug des Flugzeugs dokumentierten. Die Geschwindigkeit stieg zunächst leicht an, sank dann leicht. Eigentlich müsste die Geschwindigkeit eines Flugzeugs stark zunehmen, wenn es bei konstanter Triebwerksleistung in den Sinkflug übergeht. Das gibt weitere Rätsel auf. War es gar kein Sinkflug, sondern schon ein unkontrollierter Sturz, bei dem sich das Flugzeug in der Luft zerlegt hätte? Doch auch das hätte man am Radarschirm sehen müssen. Und auch in einer fast menschenleeren Gegend kann so etwas nicht unbemerkt bleiben.

Versäumnisse bei der Wartung ausgeschlossen

Eines zumindest wird von Experten ausgeschlossen: Dass das Flugzeug mit 24 Jahren zu alt war oder zu schlecht gewartet wurde. Überholungsprozeduren sind genau vorgeschrieben und werden immer wieder aktualisiert. Auch nach Jahrzehnten ist ein Flugzeug, das den Vorschriften entsprechend gewartet wurde, was von Prüfern kontrolliert wird, kein Sicherheitsrisiko. Selbst Airbus-Modelle der ersten Generation und Boeing-Modelle aus den 1960ern tun klaglos als Frachter ihren Dienst, ohne Menschenleben zu gefährden.

Könnte es also ein Anschlag gewesen sein? Die Behörden waren am Dienstag zurückhaltend. Deutschen Sicherheitsbehörden zufolge gibt es keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund. Auch das Weiße Haus geht von einem Unfall aus: „Es gibt derzeit keine Anzeichen für einen Zusammenhang mit Terrorismus“, sagte eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats in Washington. Doch ausschließen kann man das eben auch nicht. Eine Explosion in einer Höhe von fast 13 000 Metern mit plötzlichem Druckabfall, der binnen Sekunden zur Bewusstlosigkeit führt, und Außentemperaturen von minus 56 Grad könnten erklären, warum die Piloten nicht mehr ansprechbar waren. Und auch kein Passagier mit seinem Mobiltelefon einen Notruf absetzen konnte.

Von Martin Prem

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