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Einsatzkräfte bergen Freitagnacht nach der Massenkarambolage auf der Autobahn 19 bei Kavelstorf nahe der Abfahrt Rostock Laage das ausgebrannte Führerhaus eines Lkw.

Millionenschaden durch Massencrash

Kavelstorf - Das ganze Ausmaß des Massencrashs ist noch immer nicht geklärt. Der Schaden nach dem Horrorunfall auf der Autobahn nahe Rostock geht aber wohl in die Millionen.

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Mehr als 20 Verletzte liegen noch im Krankenhaus, Teile der Autobahn sind weggeschmolzen: Nach dem Massencrash nahe Rostock werden die Reparaturarbeiten noch Tage dauern. Ein Sandsturm hatte den Fahrern auf der A19 am Freitag die Sicht genommen. Acht Menschen starben, 131 wurden verletzt. Es werden noch 24 Frauen und Männer in Krankenhäusern behandelt. Ein Mann schwebt noch in Lebensgefahr. Das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa am Samstag bei den fünf Kliniken. Kinder seien nicht unter den Opfern, hieß es.

Feuerwehr: Flammen gingen von einem Auto aus

80 Autos rasten ineinander, knapp 30 gingen in Flammen auf, auch ein Gefahrguttransporter brannte. Die Ursache für dieses Flammeninferno war nach Angaben der Feuerwehr "ein Auto, das stand mittendrin und brannte“. Das sagte der Einsatzleiter der Feuerwehr, Hannes Möller, am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. Durch den starken Wind und die eng zusammenstehenden Autos habe sich das Feuer schnell auf benachbarte Wagen ausdehnen können. “Wenn die Autos auf der Autobahn unterwegs sind, laufen die Motoren heiß und auch die Teile daneben, das sind ideale Zündmöglichkeiten“, ergänzte Möller.

Seiner Meinung nach hatten die Beteiligten in dem Sandsturm kaum eine Chance. “Sie denken, das hört nach zwei, drei Metern auf und fangen danach an zu bremsen“, schilderte er. Weiter hinten schaffe das nicht jeder. Den Einsatz der Feuerwehr bezeichnete Möller als “sehr professionell“. Trotz des Sturms habe verhindert werden können, dass das Feuer noch schneller um sich griff. Viele Menschen wurden so aus ihren Wagen gerettet.

Das Inferno richtete einen Millionenschaden an, schätzten Polizisten an der Unfallstelle. Die genauen Identitäten der Toten waren bis Samstagmittag noch nicht geklärt.

Die Toten und Verletzten kommen aus mindestens sieben Bundesländern, wie das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern am Samstag in Schwerin mitteilte. Betroffen seien Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Berlin und Brandenburg. Es könnten aber auch noch Menschen in den Unfallfahrzeugen gesessen haben, die aus anderen Bundesländern stammten. Die vorläufigen Angaben beruhten auf einer ersten Auswertung der Kennzeichen der in den Unfall verwickelten Fahrzeuge.

Bundespräsident Christian Wulff sprach den Hinterbliebenen am Samstag sein Beileid aus. “Hoffentlich werden die vielen Verletzten schnell genesen. Ich danke den unzähligen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Helfern, die Übermenschliches vor Ort geleistet haben und leisten“, sagte das Staatsoberhaupt. “Viele Präsidenten Europas haben uns ihr Mitgefühl und ihre Anteilnahme zum Ausdruck gebracht.“

Massenkarambolage im Sandsturm auf A19

Massenkarambolage im Sandsturm auf A19: Viele Tote

Etwa 20 Stunden nach dem Massencrash südlich von Rostock war auch der letzte brennende Lastwagen gelöscht. Die Retter hatten am Samstagvormittag bis auf einen Laster alle in den Massenunfall verwickelten Fahrzeuge von der Autobahn geschleppt. Dichter Löschschaum bedeckte den Boden um den letzten völlig ausgebrannten Lkw. Das Wrack stand schräg im Graben. Die Fahrbahn war auf mehr als 50 Metern mit riesigen Löchern übersät und völlig schwarz von Ruß und verbrannten Wrackteilen.

BUND kritisiert Agrarindustrie

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) der Agrarindustrie eine Mitschuld am Entstehen des Sandsturms gegeben. Der Sandsturm, der die Sicht einschränkte, hat die Massenkarambolage auf der Autobahn 19 mit verursacht.

“Durch die jahrelange Vernachlässigung der Bodenstruktur haben die Böden immer weniger Humusgehalt, sie degradieren“, sagte der BUND-Agrarexperte Burkhard Roloff am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. Die obere Krume des Bodens trockne aus, je geringer aber der Humusgehalt vor allem bei den leichteren Böden in der Nähe der Unfallstelle sei, desto einfacheres Spiel habe der Wind, sagte Roloff. Eine wesentliche Rolle spielten auch die riesigen Felder. “Die Knicks (Hecken) sind weg, das ist eine Altlast aus Ostzeiten“, sagte Roloff.

Die Winderosion sei auf den großen Feldern in Mecklenburg-Vorpommern viel größer aus beispielsweise in Schleswig-Holstein, wo die Felder eine vergleichsweise noch überschaubare Größe haben.

Staatsanwaltschaft ermittelt nach Massenkarambolage

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zu den Unfallverursachern aufgenommen. Es habe sich der Verdacht der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung ergeben, sagte Staatsanwältin Maureen Wiechmann am Samstag in Rostock.

Sie sei bei den Bergungsarbeiten am Freitag dabei gewesen, während Gutachter den Unfallort untersucht hätten. Vier oder fünf Pkw seien beschlagnahmt und für weitere Begutachtungen abtransportiert worden. In den kommenden Wochen müssten weitere Zeugen vernommen werden.

Gegen den Landwirt, der das naheliegende Feld vor dem angekündigten Sturm gepflügt hatte, werde nicht ermittelt. “Der Sandsturm war im Prinzip ein Naturereignis, sowas ist nicht vorhersehbar“, sagte die Staatsanwältin. Vorrangig seien die Autofahrer selbst verantwortlich, sich auf solche Umweltsituationen einzustellen und dann nötigenfalls langsamer und mit größerem Abstand zu fahren.

Das Verschulden eines Verkehrsunfalles ist eine Fahrlässigkeit und kann laut Staatsanwaltschaft mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft werden. Das werde in diesem Fall wohl nicht zur Anwendung kommen. Es sei kaum jemandem nachzuweisen, dass er mit seiner Fahrweise bewusst einen so folgenschweren Massenunfall verursacht habe, sagte die Staatsanwältin.

Landesminister fordert Debatte über Tempolimit

Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsminister Volker Schlotmann hat (SPD) eine Diskussion über Tempolimits gefordert. “Man kann nicht jeden Unfall durch Verkehrsregeln verhindern. Wir müssen aber darüber reden, ob und wie Tempolimits zu mehr Sicherheit beitragen können“, erklärte Schlotmann am Samstag in Schwerin.

Auf dem betroffenen Autobahnabschnitt bei Kavelstorf gab es zum Unfallzeitpunkt nach Angaben der Autobahnmeisterei keine Geschwindigkeitsbeschränkung.

Fahrbahn schneller freigegeben als erwartet

Obwohl die Fahrbahn stark beschädigt ist, soll die Autobahn schneller wieder für den Verkehr freigegeben werden als erwartet. “Die Fahrbahn nach Berlin ist geräumt und soll am Nachmittag wieder genutzt werden können“, sagte Eckmund Klein von der Autobahnmeisterei Kavelstorf am Samstag. Die deutlich stärker geschädigte Fahrbahn nach Rostock soll “wenn alles gut läuft am Sonntag wieder für den Verkehr freigegeben werden.“

Allerdings soll die Geschwindigkeit auf 80 Stundenkilometer begrenzt werden. “Auf etwa 70 Metern ist der Beton durch die extreme Hitze in Stücken abgeplatzt“, sagte Klein. Die Stellen würden ausgefräst und erst einmal mit Gussasphalt verschlossen. Eine komplette Reparatur sei später geplant, zur Schadenshöhe könne man noch nichts sagen.

Der Unfall passierte am Freitag gegen 12.50 Uhr zwischen den Anschlussstellen Kavelstorf und Laage, südlich von Rostock. Es war der verheerendste Massencrash der vergangenen 20 Jahre in Deutschland.

dpa/dapd

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