+
Nach dem Mord an der Studentin Maria L. und der Festnahme eines Flüchtlings als Tatverdächtigen herrscht Verunsicherung in Freiburg

Verunsicherung in der Stadt

Nach dem Mord an Maria L.: Freiburg in Unruhe

  • schließen

Freiburg - Freiburg hat einen Ruf als lockere, sonnige, weltoffene Stadt. Doch nach dem Mord an der Studentin Maria L. und der Festnahme eines Flüchtlings als Tatverdächtigen herrscht Verunsicherung.

Am Montag hat es Benjamin Haas, 36, kurz gerissen. Er schnappte einen Gesprächsfetzen auf, da faselte ein Kerl von Hitler, „gleichgeschalteter Presse“, von Flüchtlingen, die jetzt „alle raus“ müssten. „So etwas ist ungewöhnlich bei uns“, sagt Haas, der in Freiburg zwei Cafés betreibt. Doch der Sexualmord an der Studentin Maria L. und die Festnahme des mutmaßlichen Täters, eines jungen Flüchtlings, hat in der hübschen Stadt im Breisgau etwas verändert.

Freiburg – das ist für viele ein Wohlfühlort mit all den Gässchen und Kneipen, dem Münster, den Weinbergen drum herum. Das Wetter ist in Deutschlands südlichster Großstadt auch immer ein bisschen sonniger als anderswo. In Studien, die die Lebensqualität ermitteln, landet Freiburg meist auf Spitzenplätzen, fünf Hochschulen ziehen junge, weltoffene Menschen an. Und auch die Freiburger, die schon im Alter für Eigentumswohnungen sind, leben grün und kurven lieber mit dem Radl durch die Stadt als mit dem Geländewagen. In Freiburg, so scheint es, ist die Welt in Ordnung.

Vielleicht ist das Entsetzen über die zwei Morde an jungen Frauen deshalb so groß.

Maria L (19) von Flüchtling (17) aus Afghanistan ermordet

Maria L., die hübsche Medizinstudentin, radelte Mitte Oktober von einer Uni-Party an der Dreisam entlang nach Hause, als sie vom Fahrrad gerissen und vergewaltigt wurde. Ihre Leiche lag im Fluss, ob sie ertränkt wurde, ist noch unklar. Sie wurde nur 19 Jahre alt. Der mutmaßliche Täter, den die Polizei am Wochenende, sieben Wochen nach der Tat, präsentierte: Hussein K., 17, ein Flüchtling aus Afghanistan, der 2015 illegal einreiste und in Freiburg bei einer gut situierten Pflegefamilie lebte. Er sitzt in Untersuchungshaft und äußert sich bislang nicht zu der Tat. Aber die Ermittler sind sich sicher, den Richtigen erwischt zu haben – ein Haar vom Tatort führte sie zu K. Dass sich sein Opfer in der Flüchtlingshilfe engagiert hat, dass ihre Eltern in der Todesanzeige statt um Blumen um Spenden für Flüchtlinge baten, macht viele Freiburger fassungslos. Es gibt auch viele, die vor einem Pauschalurteil warnen. Und in beiden Gruppen gibt es Menschen, die nach dem Sexualmord Angst haben. Das liegt auch daran, dass im November ganz in der Nähe eine zweite junge Frau gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde: Caroline G. wurde in Endingen, eine halbe Autostunde von Freiburg entfernt, beim Joggen ermordet. In diesem Fall hat die Polizei bislang keinen Täter ermittelt.

In der Nähe des Tatorts an der Dreisam, wo Maria L. starb, bricht Anfang der Woche eine junge Frau zum Joggen auf. „Die Stimmung verändert sich“, sagt sie. „Ich hätte früher nie gedacht, dass man sich hier in Freiburg mal Gedanken machen muss, ob man bei Dunkelheit noch sicher unterwegs sein kann.“ Solche Ängste gebe es nun. Die Erfahrung hat auch Benjamin Haas, der Café-Besitzer, gemacht. „Meine Mitarbeiterinnen sagen, sie trauen sich nachts nicht mehr alleine unterwegs zu sein“, sagt er. Er könne das nachvollziehen, das sei ein heftiger Fall. Haas sagt aber auch: „Solche Taten gab es schon immer.“ Durch die Sozialen Netzwerke sei das Thema dauerpräsent. Das wirkt sich vor allem auf jüngere Mädchen aus, die etwa im Jugendzentrum fast hysterisch über den Fall reden.

Zwei Frauenmorde in kürzester Zeit – „Risse im Idyll“, wie der „Spiegel“ zum Beispiel schreibt? Was erst jetzt in den bundesweiten Fokus rückt: „Freiburg ist kein süddeutsches Bullerbü“, sagt der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon. ,„Freiburg ist seit vielen Jahren die Kriminalitätshochburg in Baden-Württemberg.“ Mit fast 230.000 Einwohnern ist Freiburg die am schnellsten wachsende Stadt im Bundesland. Das schafft Probleme: hohe Mieten, hohe Immobilienpreise, soziale Spannungen, Alltagskriminalität. Hinzu kommt die Grenznähe zu Frankreich und zur Schweiz. Freiburg habe, so Salomon, mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie jede andere Großstadt auch.

Das sieht auch Thomas Goebel so, er ist Familienvater, Journalist und Lehrbeauftragter an der Uni. In den letzten Tagen hat er viel gelesen über seine Stadt. Risse im Idyll? „Da bin ich skeptisch“, sagt der 43-Jährige. Es gebe Plätze, an denen Drogen verkauft werden, Auseinandersetzungen von minderjährigen Flüchtlingen, Ärger mit betrunkenen Touristen, die sich schlägern. Dinge, die es in jeder Stadt gibt. Dinge, mit denen man wohl leben kann. Aber für viele in Freiburg hat sich die Wahrnehmung durch die Morde verschoben.

Polizeipräsident: „Wir haben es mit einem Phänomen zu tun, das uns alle herausfordert“

„Wir haben es mit einem Phänomen zu tun, das uns alle herausfordert“, sagt Freiburgs Polizeipräsident Bernhard Rotzinger. Die Häufung solch schwerer Verbrechen sei zufällig, es handele sich um Einzeltaten. Doch diese beeinträchtigten das Sicherheitsgefühl der Bürger. „Freiburg ist statistisch gesehen nicht unsicherer als früher“, sagt er. Aber empfunden werde dies vor Ort derzeit anders.

Ermordet: Studentin Maria L. (19),

Die Polizei versucht es nun mit zusätzlichen Polizisten und erhöhter Präsenz auf den Straßen. „Es geht dabei vor allem darum, ein Zeichen zu setzen gegen ein latent vorhandenes ungutes Gefühl in der Stadt“, heißt es. Die Bürger seien dankbar dafür. „Unsere Weltoffenheit und unseren Lebensstil lassen wir uns von solchen Verbrechen nicht nehmen“, sagt ein älterer Mann in der Innenstadt.

„Bei den bisherigen Krisen hat sich bewährt, dass die Bürger in Freiburg auf einem soliden Werte- und Demokratiefundament stehen“, betont der Oberbürgermeister. „Es ist uns in Freiburg bislang immer gelungen, vernünftig an die Probleme heranzugehen.“ Dies gelte auch im aktuellen Fall, der eine dunkle Seite der Flüchtlingskrise zeige.

Flüchtlingsbetreuer fürchten dennoch, so schreibt es die „Badische Zeitung“, „dass das Klima eisiger wird – selbst in Freiburg, der Stadt mit den offenen Armen“. Viele Freiburger sind besorgt, dass der Mord für Hetze gegen Flüchtlinge im Allgemeinen instrumentalisiert wird – „auch diese Sorge ist typisch für die Stadt“, sagt Thomas Goebel. In Freiburg hat Rot-Grün bei Wahlen seit vielen Jahren eine deutliche Mehrheit, der Stadtrat ist dominiert von Grün-Schwarz. Als die AfD, die nicht im Rathaus vertreten ist, nach der Festnahme des Flüchtlings am Wochenende zur Protestkundgebung gegen Zuwanderung aufrief, standen die 15 Teilnehmer rund 300 Gegendemonstranten gegenüber.

Bürgermeisterin Gerda Stuchlik ist im Rathaus für die unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber, kurz UMA, zuständig. Schon seit Längerem sucht sie laut „Badischer Zeitung“ händeringend nach Pflegeeltern, die Flüchtlinge aufnehmen. Sie hofft nun, dass Interessenten sich nicht abschrecken lassen: „Man darf diesen Fall“, fleht sie, „jetzt nicht auf alle UMA übertragen.“

mit Material von dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Betrunkener legt sich zum Schlafen auf die Gleise, wird überrollt und überlebt
Ein Betrunkener ist bei einem Nickerchen auf Gleisen von einem Zug überrollt und nur leicht verletzt worden.
Betrunkener legt sich zum Schlafen auf die Gleise, wird überrollt und überlebt
Behindern von Einsatzwagen könnte stärker geahndet werden
Berlin (dpa) - Das Behindern von Rettungskräften und Polizeiwagen könnte für Autofahrer noch umfassender geahndet werden als bisher vorgesehen. Der Bundesrat stimmt am …
Behindern von Einsatzwagen könnte stärker geahndet werden
62-Jähriger trinkt auf Weingut aus Weinflasche - und stirbt
Ein schreckliches Unglück schockiert die Bewohner in Eichstetten (Baden-Württemberg).
62-Jähriger trinkt auf Weingut aus Weinflasche - und stirbt
Hurrikan "Maria" trifft Dominica schwer
Nach Hurrikan "Irma" wütet nun "Maria" in der Karibik. Auf der Insel Dominica trifft der Sturm auf Land. Sein nordwestlicher Kurs könnte das US-Außengebiet Puerto Rico …
Hurrikan "Maria" trifft Dominica schwer

Kommentare