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"Nachts haben wir Zeit zum Weinen"

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- München - Die Kinder aus der südindischen Küstenstadt Cuddalore spielten wie jeden Morgen am Strand, als die Welle kam. "Sie wurden einfach weggerissen", sagt Judith Retz. Die gebürtige Münchnerin betreut bei dem deutsch-indischen Verein Heartkids Straßenkinder in Tiruvannamalai. Die Stadt liegt rund hundert Kilometer von der Küste entfernt. Strandausflüge waren bisher der Höhepunkt für die Schützlinge der 28-jährigen Sozialpädagogin. "Sie sollen wenigstens einmal in ihrem Leben das Meer sehen."

Jetzt hat sich der Strand in eine Landschaft des Todes verwandelt. "Im Sand stecken Küchenutensilien, Schuhe, Spielzeug und Götterstatuen", berichtet Retz von einem Erkundungsgang am Morgen nach der Katastrophe. "Das Meer spült ständig neue Leichen an." Neben den Kindern fielen die morgendlichen Fischer der Flutwelle zum Opfer. "Eine Frau erzählte mir, dass sie sich am einem Baum festkrallte und so überlebt hat."

In den Sälen des Krankenhauses von Tiruvannamalai drängen sich jetzt jene, die außer ihrem Leben alles verloren haben. "Die meisten Hallen sind aber voll mit Leichen", berichtet Retz. Weinende Mütter warteten mit Fotos ihrer Vermissten darauf, von Soldaten mit Mundschutz in die Hallen gelassen zu werden. 600 Tote sind es laut indischer Presse allein im Bezirk Cuddalore. Retz ist überzeugt, dass die Zahl weit höher ist. Die Behörden spielten das Ausmaß der Katastrophe herunter. In Indien sind mindestens 4491 Menschen umgekommen.

Judith Retz hat schnell gehandelt. Nach ihrem gespenstischen Strandspaziergang schickte sie eine Mail an 30 Freunde in Deutschland. Zwei Tage später seien bereits 14 000 Euro auf dem Freiburger Konto von Heartkids eingegangen. "Das hat mich sehr berührt, weil es ganz ohne Presse lief", sagt Retz, die wie alle Mitglieder von Heartkids ehrenamtlich arbeitet. Von dem Geld will sie Decken und Kleider kaufen und in den zerstörten Küstenstädten verteilen. Nach der Flutwelle ist die Kälte in das Gebiet von Cuddalore gekommen, das als die am stärksten betroffene indische Region gilt.

Manchmal, gibt Retz zu, sei sie erschöpft angesichts der Zerstörungen. Dann erinnert sie sich an das, was ihr der befreundete Taxifahrer sagte, mit dem sie am Tag nach der Katastrophe zum Strand von Cuddalore fuhr. "Nachts haben wir Zeit zum Weinen", sagte der Freund. "Jetzt machen wir unseren Job."

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