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Neil Armstrong (Archivbild vom Juli 1969) ist tot

Neil Armstrong ist tot

Der wahre Mann im Mond

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Washington/München – Mit seinem linken Fuß schrieb er Geschichte: Am 21. Juli 1969 betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Das war eine wissenschaftliche Sensation und ein politischer Erfolg für die USA. Fortan verglich man Armstrong mit Kolumbus – er selbst sah es viel bescheidener.

Das Leben von Neil Armstrong in Bildern

Das Leben von Neil Armstrong in Bildern

Es ist 21.17 Uhr deutscher Zeit, als der Mond für die Fernsehwelt zum Greifen nahe kommt. Man sieht die staubige Oberfläche, die kleinen Krater. Mare Tranquillitatis heißt die Gegend. Meer der Ruhe. Nun ja. Ruhig ist es in diesem Moment nicht. Im Hintergrund hört man den Funkkontakt. Es knackt, es rauscht, die Bodenstation in Houston zählt die Entfernung herunter. Dann wird alles schwarz. Und nach einer kurzen Pause sagt Neil Armstrong: „Hier Basisstation ,Meer der Ruhe‘. Der Adler ist gelandet.“ Alles klar, antwortet die Bodenstation erleichtert. „Hier sind einige schon ganz blau angelaufen. Jetzt atmen wir wieder. Vielen Dank.“

Die ganze Welt hat an diesem 21. Juli 1969 den Atem angehalten. 600 Millionen Menschen sitzen 380 000 Kilometer entfernt vor dem Fernseher und verfolgen in schauerlicher Bildqualität, wie die Mondkapsel „Adler“ sich dem nahen und doch so fernen Himmelskörper nähert (Sehen Sie hier das Video). Das erste globale Fernsehereignis der Geschichte. In Deutschland ist es bei der Landung später Abend, und als Neil Armstrong nach sechs langen Stunden schließlich aussteigt, schon mitten in der Nacht. Trotzdem sitzen noch knapp zwei Millionen Menschen vor dem Fernseher. Um 3.39 Uhr öffnet Armstrong die Ausstiegsluke. Es vergeht eine weitere Viertelstunde, bis er am Fuß der Leiter ankommt. Um 3.56 Uhr berührt sein linker Fuß endlich die Oberfläche. Und Neil Armstrong sagt jenen Satz, der später zu einem geflügelten Wort wird. „Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.“

Sehen Sie hier Rede von John F. Kennedy, der 1961 das Ziel ausgab, bis zum Ende des Jahrzehnts einen bemannten Flug zum Mond zu schaffen.

Es ist ein Kuriosum, dass so viele große Zitate dieses Mannes bleiben werden. Eines Mannes, der eigentlich nicht besonders gern redete. Schweigen, so sagte es zumindest einmal seine erste Frau Janet, sei bei ihrem Mann durchaus eine Antwort und ein „Nein“ gelte bereits als Streitgespräch. Vor und nach der Mondlandung hielt sich Armstrong stets im Hintergrund. Lieber schickte er seine beiden Kollegen Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael „Mike“ Collins vor. Da passt es auch ins Bild, dass er sich bei seinem berühmtesten Satz in der Aufregung verhaspelte und statt „small step for a man“ nur „small step for man“ sagte. Der kleine Lapsus sorgte später für kuriose Debatten.

Es ist aus heutiger Sicht nur noch schwer nachzuvollziehen, welch enorme Bedeutung die Landung im Jahr 1969 hatte. Eine wissenschaftliche, eine militärische, vor allem aber eine politische. Die 60er sind die Hochphase des Kalten Krieges. Washington und Moskau beobachten argwöhnisch jede Regung des anderen. Sogar im Weltall. In der Sowjetunion wird Juri Gagarin zum Helden, als er 1961 in 108 Minuten erstmals die Erde umrundet. Eine unerträgliche Schmach, die die Amerikaner nicht auf sich sitzen lassen wollen. Am 25. Mai 1961 eröffnet Präsident John F. Kennedy vor dem Kongress das Wettrennen im Weltall. Bis zum Ende des Jahrzehnts werde das Land den ersten Amerikaner zum Mond bringen – und wieder sicher auf die Erde zurück.

Kennedy selbst sollte es nicht mehr erleben, aber seine Vorgabe wird wenige Monate vor dem Ende der 60er-Jahre erfüllt. Zwei Stunden und 19 Minuten spazieren Armstrong und Aldrin am 21. Juli 1969 über den Mond (in den USA ist es noch der 20. Juli). Sie vermessen ihren Fußabdruck auf der sandigen Oberfläche, sie sammeln Gestein und bauen eine Kamera auf. Für das amerikanische Selbstbewusstsein ist es ein wichtiger Erfolg in aufwühlenden Zeiten: Der Vietnam-Krieg spaltet das Land, die Ermordung von Martin Luther King im Jahr 1968 hat schwere Rassenunruhen zur Folge. Jetzt sammeln sich endlich wieder weite Teile des Volkes hinter einer gemeinsamen Sache.

Auch Europa bangt mit. Der „Münchner Merkur“ schiebt an jenem Montag zusätzlich zur normalen Zeitung noch einmal eine Sonderausgabe ein. Für 20 Pfennig kann man sich auf vier Seiten über den nächtlichen Mondspaziergang von Armstrong und Aldrin informieren. „Zwei Stunden zu Fuß auf dem Mond“ lautet der Titel. Und gleich darunter die bange Frage: „Glückt die Rückkehr?“

Sie glückt. Und aus dem stillen Herrn Armstrong wird „einer der größten amerikanischer Helden“, wie Barack Obama es 43 Jahre später ausdrückt. „Als Neil seinen Fuß auf die Oberfläche des Mondes setzte, schaffte er einen Moment, der nie vergessen wird.“ Armstrong selbst ist dieser Heldenstatus immer ein wenig zuwider gewesen. Kolumbus war ein Abenteurer. Armstrong dagegen begriff seine Expedition zum Mond als wissenschaftliches Experiment. Schon 1969 berichtet der „Spiegel“, wie nüchtern und unscheinbar sich dieser Astronaut gebe. „Dieser Neil Armstrong hat auch mit bald 39 Jahren noch das Milchgesicht eines College-Boys, der sich nicht entschließen kann, erwachsen zu werden.“ Nichts deute auf einen Volkshelden hin.

Das ist natürlich ein wenig unfair. Armstrong ist einfach kein Mann der Show. Aber Fliegen kann er wie kein Zweiter. Der 1930 in einer Kleinstadt in Ohio geborene Neil ist gerade mal sechs Jahre alt, als ihn sein Vater auf den ersten Flug mitnimmt. Offenbar ein ziemlich einschneidendes Erlebnis, jedenfalls macht der Jugendliche elf Jahre später den Flugschein – noch bevor er sich im Auto ans Steuer setzen darf. Später fliegt er im Korea-Krieg Aufklärungsflieger, aber auch 78 Angriffe. Einmal muss er sogar den Schleudersitz betätigen, weil sein Flugzeug im Tiefflug durch ein gespanntes Seil beschädigt wird. Wer so etwas übersteht, hat vielleicht die Ruhe weg, die man für Mondmissionen braucht. Doch Armstrong hat die noch lange nicht im Blick. Er fliegt einfach. Erst für die Air Force, dann für die Nasa. Mit Anfang 30 wird er schließlich Astronaut. Eher zufällig übernimmt er die Leitung jener Expedition, die als erste auf dem Mond ankommt: Apollo 11.

Als die Kapsel nach erfolgreicher Mission im Pazifik landet, wartet sogar Präsident Richard Nixon auf dem Bergungsschiff USS Hornet, das die Astronauten aufnimmt. Ein Hubschrauber hat die drei aus dem Meer gezogen. Eine Kapelle spielt, als er auf dem Schiff landet. Die Astronauten werden direkt zu einer Quarantäne-Station gebracht, in der sie 17 Tage bleiben müssen – aus Furcht vor unbekannten Krankheiten. Nixon begrüßt die Astronauten durch eine Fensterscheibe. Er sei der „glücklichste Mann der Welt“, weil er sie begrüßen dürfe. Die Mondfahrer sehen weniger glücklich, dafür aber erschöpft aus.

Nixon sonnt sich gerne im Sonnenlicht der drei. Und nicht nur er. Alle wollen ein Stück vom Ruhm abhaben. Nicht nur in New York jubeln ihnen Hunderttausende zu. Eine Konfettiparade für den nüchternen Naturwissenschaftler Armstrong. Es wird ihm rasch zu viel.

Er hätte jetzt alle Möglichkeiten. Politiker könnte er werden. Buchautor. Filmstar. Aber Armstrong bleibt Armstrong. Und schweigt. Interviews lehnt er ab, Vorträge gibt er nur zu wissenschaftlichen Themen, selbst Autogramme will er irgendwann nicht mehr geben. Auf Ebay gehen sie heute für bis zu 2000 Dollar weg. Armstrong kann mit all dem nichts anfangen. Er wechselte ins Management der Nasa, später als Professor an die Universität in Cincinnati, wo er mit seiner zweiten Frau lebt. Als Manager und Aufsichtsrat mehrerer Unternehmen macht er ein Vermögen. Ganz ohne den Ruhm als Mondfahrer. Dass im Internet tausende Verschwörungstheoretiker seine Mondlandung als Hollywood-Inszenierung abtun, nimmt er mit der ihm eigenen Einsilbigkeit zur Kenntnis.

Nur 2010 meldet er sich einmal öffentlich zu Wort: Barack Obama hat soeben verkündet, das Weltraumprogramm der USA nicht weiter zu verfolgen. Klar, dass ein Pionier wie Armstrong das nicht auf sich sitzen lassen will. Er initiiert einen offenen Brief, in dem sich die Unterzeichner „sehr beunruhigt“ über die Entscheidung zeigen. Doch die Wortmeldung bleibt eine seltene Ausnahme.

Zum 80. Geburtstag schreibt die „FAZ“: „Armstrongs Abwesenheit ist so vollkommen, dass viele denken, er wäre längst tot.“ Am Samstag ist Neil Armstrong an Komplikationen nach einer Herzoperation gestorben.

Von Mike Schier

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