Entschädigungszoff: Harsche Kritik an Odenwaldschule 

Heppenheim - Nach dem Nein der hessischen Odenwaldschule zu einer schnellen finanziellen Entschädigung für rund 125 Missbrauchsopfer hagelt es harsche Kritik.

Der zurückgetretene Vorstandsvorsitzende Michael Frenzel warf dem Elite-Internat am Montag vor, sich aus der Verantwortung stehlen zu wollen. Die angekündigte Stiftung für Betroffene sei “nur ein Feigenblatt, um Zeit zu gewinnen“. Der 61-Jährige griff Schulleiterin Margarita Kaufmann an. Diese habe vor acht Monaten im südhessischen Heppenheim eine Aufarbeitung des Skandals angekündigt, wolle nun aber von einer zügigen Regelung nichts mehr wissen. Sie bemühe sich nicht um eine Aussöhnung. Ähnlich äußerten sich Opfer-Anwalt Thorsten Kahl und der Opfer-Verein “Glasbrechen“.

Im Streit über die Entschädigung hatten Frenzel und der Sprecher des Vorstands, Johannes von Dohnanyi, am Sonntag ihre Ämter überraschend niedergelegt. Nachwahlen wird es nach Aussage der Schule wegen der Rücktritte aber nicht geben. Das sei nicht notwendig. Der Missbrauchsskandal war im März 2010 an die Öffentlichkeit gekommen. Der damalige Vorstand musste gehen. Frenzel und von Dohnanyi standen für einen rigorosen Neuanfang. Lange Zeit war von über 50 Betroffenen in den Jahren 1966 bis 1991 ausgegangen worden.

Die Zahl der sexuell missbrauchten Schüler hat sich nun auf 125 erhöht, wie am Wochenende bekanntwurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen etwa ein Dutzend damalige Lehrer, stellte die Verfahren aber meist wegen Verjährung ein. Frenzel kritisierte, eine Stiftung bringe “relativ wenig“. Außerdem dauere ihre Gründung viel zu lange, “mindestens ein halbes Jahr, wenn nicht noch länger.“ Es komme aber darauf an, auch schnell ein Zeichen zu setzen. Dafür habe der schließlich abgelehnte Vorschlag einer insgesamt sechsstelligen Entschädigungssumme noch in diesem Jahr gestanden. Kaufmann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. An der Schule hieß es, sie sei außer Haus. Opfer-Anwalt Kahl sagte mit Blick auf die Stiftung: “Realistisch gesehen weiß jeder, dass daraus nichts wird.“ Betroffene hätten mit “Wut und Enttäuschung“ reagiert. Ein Mitglied von “Glasbrechen“ meinte, die neue Lösung sei “ein Spott“. Die Schule hat angekündigt, für die Stiftung kein Geld aus ihrem Haushalt zur Verfügung stellen zu wollen. Eine Kürzung des Schuletats sei weder Schülern noch Eltern zuzumuten.

dpa

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