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Corona im Herbst: Österreichische Expertise zeigt gleich mehrere mögliche Szenarien auf

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Von: Anna Lorenz

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Die Plattform „Covid-19 Future Operations“ aus Österreich stellt in einem aktuellen Arbeitspapier mögliche Corona-Szenarien für den Herbst vor.

Österreich – „Im Rahmen der Pandemiebekämpfung gilt es, bei der Entscheidung für bestimmte Public Health Interventionen laufend gesundheitliche, epidemiologische, psychosoziale, soziale, ökonomische und ethische Aspekte gegeneinander abzuwägen und dabei individuelle, sowie gesamtgesellschaftliche Implikationen zu berücksichtigen.“ Mit diesem Dogma widmet sich ein aktuelles Arbeitspapier der interdisziplinären Plattform „Covid-19 Future Operations“ aus Österreich möglichen Zukunftsszenarien im Rahmen der Corona-Pandemie.

Experten verschiedener Universitäten, des Österreichischen Roten Kreuzes, diverser Unternehmen, des Max-Planck-Instituts für Chemie, sowie des Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds veröffentlichten „Covid-19: Szenarien für Herbst/Winter 2022 - und darüber hinaus“ als Expertise für die politische Federführung in den kommenden Pandemie-Fragen.

Corona-Expertise aus Österreich: Mögliche Pandemie-Entscheidungen unter Leitlinien zu betrachten

Im Rahmen der Pandemie-Entwicklung ergäben sich, so das Arbeitspapier, stets vielfältige Prioritäten, die teilweise auch gegenläufig oder konkurrierend sein könnten. Im Vorfeld, anhand ihrer inhaltlichen Bedeutung sortierte Leitlinien seien daher zur qualifizierten Einordnung möglicher Handlungsoptionen hinsichtlich künftiger Entwicklungen von Corona unerlässlich. Vereinfacht sieht die Expertengruppe hierbei folgende Ziele als bedeutungsvoll an:

Zusätzlich arbeitet die Einschätzung des österreichischen Komitees unter einigen Prämissen, die als wissenschaftlich ausreichend fundiert angenommen werden. Demnach sei davon auszugehen, dass Antikörper, seien sie durch Impfung oder aber Infektion entstanden, nur wenige Monate lang eine Ansteckung mit dem Coronavirus verhindern. Spätestens nach sechs bis sieben Monaten sei gegenwärtig mit Hochinzidenzwellen zu rechnen. Weiterhin ergaben bisherige Untersuchungen eine entscheidende Rolle der T-Zellen, als auch eine erhöhte Vulnerabilität älterer Personen.

Obwohl das Coronavirus als stark ansteckend gilt, seien Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens gesellschaftlich schwer zu vermitteln. Wie weitere Mutationen des Virus sich gestalten, sei ebenso unwägbar, wie die Möglichkeit des Auftretens mehrerer maligner Varianten gleichzeitig. Kontinuierliche Abwasseruntersuchungen und regelmäßige Stichproben seien zur Überwachung der Entwicklungen ebenso unabdingbar, wie grenzübergreifende Zusammenarbeit und Datenaustausch.

Zukunft mit Corona: Experten aus Österreich skizzieren mögliche Szenarien

Im Rahmen dieser Vorüberlegungen skizziert das Gremium insgesamt fünf verschiedene, potenzielle Zukunftsszenarien zur Entwicklung des Coronavirus. Auch britische Forscher hatten sich bereits im Februar diesbezüglich dem Ausblick auf die kommenden Jahre gewidmet. Neben dem Worst-Case einer Eskalation der Pandemie werden die möglichen Optionen der kommenden Jahre in vier Kategorien unterteilt: das „bestmögliche“, „günstige“, „mittlere“ und „ungünstige“ Szenario.

BestmöglichGünstigMittelUngünstig
Virusmutiert nicht mehr, Omikron bleibt die letzte Variantemutiert nur noch zu Formen, die Omikron in den Auswirkungen gleichenmutiertmutiert zu ansteckend-gefährlichen Varianten bzw. rekombiniert mit anderen Corona-Viren
Ansteckungsaisonale Schwankungenhohe Inzidenzen alle 1-2 Jahrehohe Inzidenzen in Herbst und Winter, sowie mit Grassieren neuer Variantenhohe Inzidenzen regelmäßig
Krankheitswertharmlos, vergleichbar mit saisonalen, respiratorischen Infektionserkrankungeni.d.R. milde Verläufe, intensivmedizinische Betreuung seltentendenziell milde Verläufe, phasenweise intensivmedizinische Betreuung häufigeri.d.R. intensivmedizinische Betreuung
Impfung/Therapeutikafür vulnerable Gruppen empfohlenfür vulnerable Gruppenfür vulnerable Gruppen (min. 1 Impfung jährlich), für Erwachsene empfohlenfür Erwachsene (min. 1 Impfung jährlich) Impfpflicht, Resistenzentwicklung gegen Therapeutika möglich
Maskenpflichti.d.R. unnötigMaskenpflicht in Innenräumen für Kontakt mit vulnerablen GruppenFFP2-Pflicht in Innenräumen, generelle Empfehlung in HochinzidenzphasenGenerelle FFP2-Pflicht
Gesundheitssystemkeine Herausforderunggeringfügige Kapazitätserweiterungen nötigphasenweise systemkritische Belastung, Kontaktbeschränkungen bei absehbarer Überlastung der Intensivstationenregelmäßig systemkritische Belastung, Kontaktbeschränkungen bei absehbarer Überlastung der Intensivstationen, Möglichkeit mehrwöchiger Lockdowns bis zur Erholung des Gesundheitssystems
Testungi.d.R. unnötigregelmäßige Stichprobentestungenregelmäßige Stichprobentestungen, hochfrequent in Hochinzidenzphasenhochfrequente Testung in Kindergärten, Schulen und bei vulnerablen Gruppen, Breitentestung der Bevölkerung
Überwachungssystemregelmäßig Sentinels und Abwassertestsregelmäßig Sentinels und Abwassertests, in Echtzeit Infektions- und HospitalisierungsdatenSentinels und Abwassertests, in Echtzeit Infektions- und HospitalisierungsdatenSentinels und Abwassertest, in Echtzeit Infektions- und Hospitalisierungsdaten
Gesellschaftimmunstarke Bevölkerungimmungestärkte Bevölkerungzunehmend immungeschützte Bevölkerungdefizitär immungeschützte Bevölkerung; Schaffung von Systemen zur Betreuung psychischen und stressbezogenen Konsequenzen im gesellschaftlichen und sozialen Leben (z.B. Telefondienste), Vorbeugesysteme gegen Verschärfungen sozialer Ungleichheiten
Wirtschaftssystemnicht herausgefordertkaum herausgefordertherausgefordertstark herausgefordert

Weiterhin bestünde jedoch noch die Schreckensperspektive „Die Pandemie eskaliert“, wenn beispielsweise das SARS-CoV-2-Virus mit einem anderen Coronavirus fusioniert und „größere Teile des viralen Genoms komplett ausgetauscht werden.“ Da bisherige Erfolge des Immunsystem in diesem Fall hinfällig wären und passende Impfstoffe erst entwickelt werden müssten, könnten sich Todesfälle erneut deutlich häufen. Wirksam wäre bis zur Anpassung der Medizin an die veränderte Lage einzig eine Null-Covid-Strategie, die „Lockdowns und starke Kontakt- und Mobilitätsbeschränkungen – also Grenzschließungen, Home-Office, Schulschließungen, etc. – nahelegen würde“.

Österreichisches Corona-Arbeitspapier: „Preparedness“ als Schlüssel im Umgang mit der Pandemie

Entsprechende Vorbereitungen zu treffen, so die Experten, sei im Hinblick auf diese möglichen Zukunftsoptionen, unerlässlich. So sollte das bestehende Testsystem grundsätzlich erhalten bleiben, um „regelmäßige, statistisch valide Stichprobentestungen durchführen zu können“ und im Falle einer erneuten Einführung von 3G-Regelungen entsprechende Testungen zu ermöglichen.

Auch der Erhalt der Impf-Infrastruktur sei anzuraten, um hinsichtlich neuerlicher Infektionswellen schnell Impfangebote machen zu können. Hierbei sei auch die aktive Kontaktaufnahme zu vulnerablen Bevölkerungsgruppen inklusive eines Datenerfassungssystems zu empfehlen. Neben regelmäßigem Lüften, der Luftqualitätsüberwachung und dem Einsatz von Lüftungs- bzw. Luftreinigungsgeräten habe sich auch das Abwassermonitoring von Sars-CoV-2 im Zulauf von kommunalen Kläranlagen als gutes Instrument im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung bewährt.

Österreichisches Arbeitspapier: Corona-Experte ruft via Twitter zur Mitsprache auf

Andreas Bergthaler, Professor für Molekulare Immunologie, sowie Leiter des Instituts für Hygiene und angewandte Immunologie am Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie an der MedUni Wien und Mitautor des österreichischen Arbeitspapiers rief nun via Twitter öffentlich zur Mitsprache der Bevölkerung auf. „Dies ist als Version 1.0 zu verstehen“, schrieb der Mediziner über das Arbeitspapier der österreichischen Experten. „Konstruktive Kritik, Ideen und Vorschläge können gerne hier gepostet werden. Wir werden diese diskutieren und versuchen zu berücksichtigen.“

Die Reaktionen auf der Social-Media-Plattform fielen entsprechend erfreut aus. Bergthalers Angebot ist allerdings nur konsequent: Als einen der Schlüsselfaktoren im Umgang mit den, wie auch immer gearteten, zukünftigen Pandemie-Entwicklungen macht das Komitee nämlich die Kommunikation mit der Bevölkerung aus. „Insgesamt muss es zum einen darum gehen, negative gesundheitliche und psychosoziale Folgen insgesamt möglichst gering zu halten und zum anderen darum, Menschen dazu zu gewinnen, etwaige Maßnahmen im Kontext der dargestellten Szenarien (wieder) mit zu tragen. Beides erfordert gelingende Kommunikation, die auf Vertrauen in Entscheidungstragende fußt.“ (askl)

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