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„Einfach übersehen“: Omikron gab es offenbar schon länger – Variante wurde aber nicht erfasst

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Von: Kathrin Reikowski

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Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens bereitet sich darauf vor, eine Person in einer Einrichtung auf COVID-19 zu testen.
Die Entwicklung zur Omikron-Variante wurde schlichtweg übersehen -hier ein Gesundheitswesen-Mitarbeiter aus Soweto, der sich auf Tests vorbereitet. ©  Denis Farrell/AP/ dpa-Bildfunk

Im November 2021 setzte sich die Nachricht von einer neuen Corona-Variante durch. Doch Omikron gab es bereits länger, wie Forscher jetzt herausfanden.

Berlin – Über 50 Mutationen am Erbgut des ursprünglichen Corona-Virus hatte die später als Omikron BA.1 bezeichnete Variante. Nachgewiesen wurde sie erstmals Mitte November bei einem Patienten in Südafrika. Ende Dezember 2021 hatte sie bereits die zuvor dominierende Delta-Variante verdrängt - weltweit.

Eine Kooperation der Berliner Charité mit verschiedenen afrikanischen Forschungsinstituten wies jetzt nach, dass die Entwicklung doch nicht so schnell geschah: Die Corona-Variante Omikron gab es schon länger als gedacht. Dazu erschien jetzt im Fachmagazin eine Studie der Charité, gemeinsam mit Kooperationspartnern aus Afrika. Anders als in verbreiteten Hypothesen zum Ursprung angenommen, entstand die Variante demnach schrittweise über mehrere Monate in verschiedenen Ländern Afrikas. Diese Entwicklung sei mangels Analysen aber nicht erfasst worden. „Die Entwicklung von Omikron wurde also einfach übersehen“, heißt es auf der Charité-Website zur Studie.

Omikron-Variante: Studie untersucht mehr als 13.000 Corona-Proben aus Afrika

Für die „Science“-Studie untersuchten Charité-Wissenschaftler zusammen mit afrikanischen Kooperationspartnern mehr als 13.000 Corona-Proben aus 22 Ländern Afrikas mit einem speziellen PCR-Test. Das Forschungsteam fand Viren mit Omikron-spezifischen Mutationen bei 25 Menschen aus sechs Ländern, die bereits im August und September 2021 an Covid-19 erkrankt waren, also Monate vor dem ersten Nachweis in Südafrika.

Zusätzlich wurde bei rund 670 Proben das virale Erbgut entschlüsselt. Dabei wurden mehrere Viren gefunden, die Ähnlichkeiten mit Omikron aufwiesen, aber eben nicht identisch waren. „Unsere Daten zeigen, dass Omikron verschiedene Vorläufer hatte, die sich miteinander mischten und zur selben Zeit und über Monate hinweg in Afrika zirkulierten“, erklärt Professor Jan Felix Drexler, der Studienleiter. „Das deutet auf eine graduelle Evolution der BA.1-Omikron-Variante hin, während der sich das Virus immer besser an die vorhandene Immunität der Menschen angepasst hat.“

Omikon: Bisherige Hypothesen zur Entstehung der Corona-Variante durch Studie widerlegt

Omikron besaß im Vergleich zum ursprünglichen Sars-CoV-2 aus Wuhan eine ungewöhnlich hohe Zahl von etwa 30 Aminosäure-Änderungen allein im Spike-Protein. Die Vielzahl an Erbgutveränderungen brachte Experten zu der Annahme, die Variante habe sich womöglich in einem Menschen mit HIV oder einer anderen Form von Immunschwäche entwickelt. Eine weitere Hypothese geht davon aus, Omikron habe sich in Tieren entwickelt und sei dann wieder auf den Menschen übergesprungen.

Aus den Daten der Studie folgerten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem, dass Omikron zuerst in Südafrika das Infektionsgeschehen dominierte und sich dann innerhalb weniger Wochen von Süd nach Nord über den afrikanischen Kontinent ausbreitete.

Omikron stammt nicht aus dem Tierreich - Überwachungssysteme sollen ausgebaut werden

„Das plötzliche Auftreten von Omikron ist also nicht auf einen Übertritt aus dem Tierreich oder die Entstehung in einem immunsupprimierten Menschen zurückzuführen, auch wenn das zusätzlich zur Virusentwicklung beigetragen haben könnte“, lautet Drexlers Fazit. „Dass wir von Omikron überrascht wurden, liegt stattdessen am diagnostischen blinden Fleck in großen Teilen Afrikas, wo vermutlich nur ein Bruchteil der Sars-CoV-2-Infektionen überhaupt registriert wird.“

Und die Charité mahnt: „Deshalb ist es wichtig, diagnostische Überwachungssysteme auf dem afrikanischen Kontinent und in vergleichbaren Regionen des Globalen Südens jetzt deutlich zu stärken und den Datenaustausch weltweit zu erleichtern. Nur eine gute Datenlage kann verhindern, dass potenziell wirksame Eindämmungsmaßnahmen wie Reisebeschränkungen zum falschen Zeitpunkt ergriffen werden und damit mehr wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schaden anrichten als Gutes zu tun“, so Drexler. Zu Beginn der Omikron-Welle war auch Deutschland für mangelnde Genomanalysen kritisiert worden. (dpa/kat)

 

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