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Experten rätseln: Wie entstand die gefährliche Omikron-Variante?

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Von: Tom Offinger

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Die Omikron-Variante bestimmt das Pandemie-Geschehen rund um den Globus. Doch woher kommt die gefährliche Mutation? Eine Suche nach Antworten.

München - Im November wurde zum ersten Mal von einer neue Mutante des Coronavirus berichtet, heute kennt sie jedes Kind: Die Omikron-Variante aus Südafrika. Dank ihr schießen derzeit die Infektionszahlen in Großbritannien und Dänemark durch die Decke, in Deutschland hat die Mutante hingegen noch keine dominante Rolle eingenommen, doch die allgemeine Sorge ist überall spürbar. Weltweit versuchen Experten aktuell die Folgen einer Infektion, aber auch die Herkunft der neue Variante zu entschlüsseln - ein durchaus schweres Unterfangen.

Omikron-Variante: Wie entstand die neue Mutante des Coronavirus?

Überraschend ist eine neue Virus-Variante normalerweise nicht, das bewies im vergangenen Jahr schon die Delta-Mutante, die fast genau 12 Monate vor Omikron erstmals für Schlagzeilen sorgte. Aufsehenerregend sei hingegen das „Ausmaß der Veränderungen bei dieser Variante in dieser Phase der Pandemie“, wie Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) Anfang Dezember schildert.

Die rapide Übertragungsrate der neuen Mutante scheint bereits mehr oder weniger festzustehen, darauf lassen die sich sprunghaft verdoppelnden Omikron-Fallzahlen in Großbritannien schließen. Das Rätsel um die Herkunft der Variante ist hingegen deutlich komplizierter. „Es ist noch etwas mysteriös, wie Omikron plötzlich aus dem Nichts kam“, so Timm. „Plötzlich“ ist dabei eigentlich sogar das falsche Wort: Glaubt man einem Bericht des RND lässt sich der Stammbaum der Mutante einige Monate zurückverfolgen.

„Nach derzeitigem Kenntnisstand hat sich eine frühe Form von Omikron schon vor der Entstehung von Alpha und Delta als eigener Virustyp entwickelt“, glaubt Wolfgang Preiser von der Stellenbosch University in der Nähe von Kapstadt. Preiser ist Mitglied des Forschungskonsortiums, das die Variante erstmals entdecke und überzeugt, dass Omikron nicht aus einer bereits existierenden Variante entstanden sei, sondern sich parallel und unbemerkt weiterentwickelt habe.

Omikron-Variante: Diskussion um drei mögliche Theorien

Drei Theorien bestimmen derzeit die Herkunftsdiskussion um Omikron: Die erste konzentriert sich auf einen tierischen Wirt, in dem sich die Mutante entwickelt haben könnte. Von einem Nagetier könnte Omikron dann auf den Menschen übergesprungen sein. Über einen ähnlichen Weg soll das Covid-19-Virus ja überhaupt erst ans Tageslicht gekommen sein. Die einzigartigen Mutationen unterstützen diese These, aber auch die zweite Vermutung, dass Omikron bei einem Menschen mit geschwächtem Immunsystem entstanden sein könnte.

Drei Theorien hinter der Herkunft der Omikron-Variante:

1) Entwicklung in einem tierischen Wirt, z.B. einem Nagetier

2) Entwicklung in einem Menschen mit geschwächtem Immunsystem, z.B. HIV-Erkrankte

3) Entwicklung in einer kleinen, isolierten und größtenteils genesenen Population

Zu dieser Gruppe zählen auch HIV-Erkrankte (Humane Immundefizienz-Virus). Durch ihr schwaches Immunsystem können diese Menschen das Virus nicht sofort loswerden, es verweilt daher über einen längeren Zeitraum im Körper des Infizierten. Das Immunsystem übt weiterhin Druck aus und zwingt das Virus so zur Mutation. „In der Vergangenheit hat man bei immunsupprimierten Menschen mit einer sogenannten chronischen Sars-CoV-2 Infektion – also einer Infektion, die über mehrere Wochen geht – beobachtet, dass sich das Virus über die Zeit hinweg verändert“, bestätigte auch Adam Grundhoff vom Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie gegenüber dem RND.

Gleichzeitig sei dies auch nicht die wahrscheinlichste Hypothese, argumentiert Grundhoff, vor allem die Vielzahl von Mutationen spreche gegen die Hypothese: „In einem HIV-Infizierten oder einem anderen immunsupprimierten Patienten, der im Krankenhaus behandelt wird, würde ich vielleicht ein paar dieser Mutationen erwarten, aber nicht diese Menge.“ Auch bei Erkrankten, die mit entsprechenden Antikörpermedikamenten behandelt worden seien, sei nicht mit so vielen Mutation zu rechnen, befindet Grundhoff abschließend.

Omikron-Variante: Christian Drosten stellt sich hinter dritte Theorie

Die dritte und letzte These macht für den Virologen aus Hamburg hingegen mehr Sinn. Sie besagt, dass Omikron aus einer menschlichen Population stamme, die etwas isoliert gewesen sei und in der viele bereits genesen und immun waren. „Das heißt, dass das Virus in einer relativ kleinen Population über längere Zeit einem hohen Druck ausgesetzt war und deshalb eine Immunflucht entwickelt hat.“ Unterstützung erfährt Grundhoff auch von Deutschlands bekanntestem Virologen Dr. Christian Drosten. Er vermute keine Entwicklung speziell in Südafrika, sondern generell im südlichen afrikanischen Raum, vor allem während der sogenannten Winterwelle. „Dort gab es lange Zeit viele Infektionen, und für die Entwicklung eines solchen Virus ist ein enormer evolutionärer Druck erforderlich“, argumentierte Drosten jüngst gegenüber dem Science-Magazin.

Wie bei den anderen Theorien gibt es auch hier Gegenstimmen: Andrew Rambaut, Professor für Molekulare Evolution an der University of Edinburgh argumentiert zum Beispiel, dass es einen solch isolierten Ort auf der Welt nur schwer geben könne. Auch die Vorstellung einer komplett abgeschotteten Evolution ohne jegliches Auftauchen an anderen Orten halte er für sehr unrealistisch.

Letzten Endes ist auch nicht unwahrscheinlich, dass keine der drei diskutierten Theorien irgendetwas mit dem Ursprung der Omikron-Variante zu tun hat. Da noch nicht mal hundertprozentig gesagt werden kann, wie das Coronavirus ursprünglich auf den Menschen übertragen wurde, dürfte auch die Antwort hinter Omikron noch länger auf sich warten lassen. Eines ist hingegen sicher: Die Mutante wird nicht die letzte ihrer Art sein. (to)

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