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„Omikron-Wand“: Modell zeigt düstere Szenarien für Deutschland - und die Folgen ohne Lockdown

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Von: Jonas Raab

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Braucht es einen Weihnachtslockdown? Eine Omikron-Modellrechnung legt jedenfalls strengere Corona-Regeln nahe.
Braucht es einen Weihnachtslockdown? Eine Omikron-Modellrechnung legt strengere Corona-Regeln nahe. © ZUMA Wire/imago

Die Omikron-Welle könnte alle vorherigen Corona-Fallzahlen in den Schatten stellen. Ein Mathematiker hat nachgerechnet und Rahmen des Möglichen abgesteckt.

Mittweida - Omikron ist auf dem Vormarsch, die Sorge vor einer erneuten Corona-Welle groß. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) schlägt mit Blick auf beunruhigende Daten aus Großbritannien Alarm. Dass sich die hochansteckende Virusvariante bald flächendeckend ausbreitet, gilt als nahezu gesichert. Doch wann und wie hart trifft die „Omikron-Wand“ Deutschland?

Der Begriff der „Omikron-Wand“ stammt von Christian Endt. Er ist Datenjournalist bei der Zeit. Seine Modellrechnung legt nahe, dass Omikron bis Weihnachten die dominierende Corona-Variante sein könnte – und dass die Inzidenz bis Jahresende womöglich an der 1000er-Marke kratzt.

Omikron-Modellrechnung zeigt Worst-Case: 700.000 tägliche Corona-Neuinfektionen pro Tag

Auch Kristan Schneider, Professor an der Fakultät für Angewandte Computer- und Biowissenschaften der Hochschule Mittweida in Sachsen, hat Omikron-Berechnungen angestellt. „Wenn wir nachlässig werden, werden wir mit Omikron sicher mehrere Hunderttausend tägliche Neuinfektionen haben“, sagt er dem ZDF.

Schneider spricht von bis zu 700.000 Neuinfektionen pro Tag im Worst-Case-Szenario – „leicht im Rahmen des Möglichen, wenn die Maßnahmen so bleiben wie jetzt“, sagt der Mathematiker. Zum Vergleich: Der bisherige Spitzenwert an Corona-Fällen (ohne die wahrscheinlich hohe Dunkelziffer) liegt bei rund 75.000 Neuinfektionen pro Tag und stammt von Ende November. 

Corona: Wie viel ansteckender ist die Omikron-Variante wirklich?

Da momentan noch unklar ist, wie viel ansteckender die Omikron-Variante im Vergleich zu Delta wirklich ist, hat Schneider in seiner Modellrechnung fünf Szenarien beleuchtet: eine 20, 30, 40, 50 und 60 Prozent höhere Ansteckbarkeit von Omikron. Die Spitzenwerte von 50 bis 60 Prozent hält er für realistisch.

Laut Schneiders Berechnungen macht Omikron frühestens am 21. Januar 2022 (wenn sie 60 Prozent ansteckender ist) die Mehrheit der Neuinfektionen in Deutschland aus, spätestens am 14. Februar (bei 20 Prozent höherer Ansteckbarkeit. Den Höhepunkt der Omikron-Welle verortet der Mathematiker im Zeitraum von Anfang bis Mitte März – unabhängig davon, wie viel ansteckender die Variante ist.

Omikron: Ansteckungsrate der neuen Corona-Variante ist entscheidend

Auf die Zahl der täglichen Neuinfektionen hat die große Unbekannte aber massive Auswirkungen. So sind laut Schneiders Berechnungen knapp 700.000 Corona-Fälle pro Tag möglich, wenn Omikron 60 Prozent ansteckender ist als Delta. Wären es nur 20 Prozent, würden die täglichen Neuinfektion bei Beibehalt der aktuellen Schutzmaßnahmen 45.000 nicht übersteigen.

Omikron-Modellrechnung: Keine Prognose, aber wichtiges Instrument für Politiker

Schneiders Modellrechnung ist keine Prognose, denn sie berücksichtigt alleine vorher aufgestellte Annahmen – etwa, dass 90 Prozent der Menschen mit Zweitimpfung auch eine Booster-Impfung erhalten und dass die Auffrischung zu 50 Prozent vor Ansteckung und Übertragung der Omikron-Variante schützt.

Zudem berücksichtigt die Berechnung keine neuen politischen Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und die damit einhergehende Verhaltensänderung der Menschen. „Die Simulationen nehmen an, dass man bei den derzeitigen Kontaktbeschränkungen bleibt“, erklärt Schneider dem ZDF und schiebt nach: „Jede Lockerung würde sich verheerend auswirken.“ Dennoch helfen derartige Modellrechnungen dabei, die weitere Entwicklung der Pandemie vorherzusagen und daraus nötige Schutzmaßnahmen abzuleiten. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann forderte am Wochenende schnellen Rat der Experten.

Omikron: Selbst bei leichten Verläufen droht laut Modellrechnung der Corona-Kollaps

Schneiders Berechnungen lassen keine direkten Schlüsse auf die künftige Situation in den Intensivstationen zu, wie der Mathematiker betont. Denn: Über die Schwere der Omikron-Krankheitsverläufe gebe es noch zu wenig belastbare Daten. Doch selbst wenn die neue Virusvariante wirklich leichtere Verläufe aufweist, warnt Schneider aufgrund der hohen Fallzahlen vor einem Kollaps und massiven Folgen für das öffentliche Leben in Deutschland.

Sollten sich wirklich Hundertausende pro Tag infizieren und in Isolation müssen, würde den Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen oder Krankenhäusern schlicht das Personal ausgehen, sagt der Professor dem ZDF. Schneider spricht sich für mehr Schutzmaßnahmen aus – auch in der Politik werden die Forderungen kurz vor dem Fest immer lauter. Es wäre vernünftig, Massenveranstaltungen abzusagen und Theater, Kinos oder große Restaurants zu schließen, da es hier sehr leicht zu Super-Spreader-Events kommen könne. „In der initialen Phase der Omikron-Verbreitung kann das verheerende Folgen haben“, sagt Schneider. (jo)

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