«Orange Revolution» hat Schlusspunkt erreicht

- Kiew/Moskau - Viktor Juschtschenko ist ein stiller Triumphator. Gefasst und sehr ernst trat er am Sonntag sein Amt als neuer Präsident der Ukraine an. Das entstellte Gesicht des bisherigen Oppositionsführers erinnerte daran, dass der Hoffnungsträger fast einem Mordanschlag mit Dioxin zum Opfer gefallen wäre.

Auch wenn erneut orange Flaggen über dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew wogten und bis zu 500 000 Menschen «Juschtschenko» skandierten - die fröhliche demokratische Revolution vom Dezember erhielt einen eher zurückhaltenden Schlusspunkt. Am fröhlichsten waren die kleinen Kinder Juschtschenkos, drei von fünfen, die in weißen Mäntelchen zu Papas Füßen standen.

«Die Ukraine ist heute frei und unabhängig», sagte Juschtschenko. In seiner ruhigen Art verkündete er eine Zeitenwende für die bislang unter ihren Möglichkeiten gebliebene Ex-Sowjetrepublik - eine Demokratisierung des Landes, eine Regierung, die für das Wohl des Volkes arbeiten soll, einen Aufschwung für alle.

Die Einwohner von Kiew hatten im Dezember mit ansteckender Begeisterung gegen Wahlfälschungen und für einen demokratischen Aufbruch demonstriert, doch am Sonntag war auch Müdigkeit fühlbar. «Ich spüre vor allem Erleichterung», sagt die Studentin Darja Askotschenskaja. Die junge Frau hatte im Dezember an der Blockade des Präsidialamtes teilgenommen, vor der Kette der Polizisten getanzt und Volkslieder gesungen. «Unsere Losungen waren ukrainisch», erzählt sie. «Doch dann haben wir untereinander wieder Russisch gesprochen.»

Darja hofft, dass Juschtschenko «Ordnung schaffen» wird, dass er die Korruption bekämpft. «Mit ihm ist es allemal besser als mit Janukowitsch.» Doch die Anhänger des unterlegenen Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch erkennen den Wahlsieg nicht an. Auf der Halbinsel Krim verbrannten sie am Sonntag Bilder des neuen Präsidenten. «Der Ukraine wird ein Liebhaber aufgezwungen, den sie nicht will», erklärten sie.

Juschtschenko versuchte, den Menschen in der Ost- und Südukraine die Hand zu reichen. «Ich fühle mich dafür verantwortlich, dass die Gruben in Donezk funktionieren und die Häfen am Schwarzen Meer», sagte er. Die Ukrainer sollten unter der blau-gelben Flagge ihres Landes zusammenfinden. Doch der Weg zu einer inneren Versöhnung der Ukraine ist noch weit.

Der neue Präsident schlug auch eindeutig den Weg nach Westen ein und beanspruchte für sein Land einen Platz in der Europäischen Union (EU). «Europa bedeutet für die Ukraine die historische Chance, ihr Potenzial auszuschöpfen», sagte er. Aber noch sind sich Brüssel und Kiew nicht einig, welche europäischen Perspektiven es für die Ukraine geben kann.

Der große Nachbar Russland kam in Juschtschenkos Rede nur indirekt vor. Niemand werde mehr von außen bestimmen, wer in der Ukraine gewählt werde, sagte der neue Präsident. Der russische Staatschef Wladimir Putin hatte massiv Wahlkampf für Janukowitsch gemacht. Doch bereits am Montag wollen der Kreml-Chef und der neue Mann aus Kiew versuchen, eine neue Gesprächsgrundlage zu finden.

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