Mehr als zwei Dutzend Opfer

Organspende-Skandal am Göttinger Uniklinikum

Göttingen - Am Universitätsklinikum Göttingen wurden offenbar in großem Stil Organe verschoben. Dabei wurden Menschen für kränker erklärt, als sie wirklich waren.

Die Göttinger Universitätsmedizin hat am Freitag 25 weitere Verdachtsfälle in dem Skandal bestätigt. Bereits im Juni war bekannt geworden, dass ein ausländischer Patient 2011 gegen Geld bei einer Lebertransplantation bevorzugt worden sein soll.

Die „Auffälligkeiten“ seien zunächst von der Bundesärztekammer festgestellt worden, sagte Martin Siess vom Vorstand der Universitätsmedizin. Die Kammer habe in Göttingen die Warteliste von Patienten sowie die Liste der 2010 und 2011 erfolgten Transplantationen überprüft. Ende Juni sei die Universitätsmedizin über die Erkenntnisse der Ärztekammer informiert worden.

Kern der Vorwürfe sei die Manipulation von relevanten Angaben zu Patienten auf der Warteliste, sagte Siess weiter. Die Universitätsmedizin habe am Donnerstag die Staatsanwaltschaft Braunschweig informiert und alle gewünschten Akten sofort bereitgestellt. Zudem sei eine eigene externe Gutachterkommission einberufen worden, die den Ablauf der Vorgänge prüfen und Empfehlungen für Konsequenzen geben solle.

Bereits weitreichende Konsequenzen gezogen

Im Mittelpunkt des Skandals steht der früheren Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie. Gegen den Mediziner, der 2008 von Regensburg nach Göttingen gewechselt war, waren bereits im Frühsommer Vorwürfe laut geworden. Er soll 2011 einen ausländischen Patienten gegen eine hohe Geldzahlung bei einer Lebertransplantation bevorzugt haben. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen den Mediziner sowie gegen den Patienten wegen Bestechlichkeit beziehungsweise Bestechung. Die Universitätsmedizin hatte den Arzt bereits im November suspendiert.

Siess schloss nicht aus, dass weitere Mediziner oder andere Mitarbeiter in die nun bekannt gewordenen Vorfälle verstrickt sind. „Theoretisch wären die Akten von einer Person manipulierbar gewesen“, sagte er. „Das ist allerdings höchst unwahrscheinlich.“ Ebenso unwahrscheinlich sei es jedoch, „dass es viele waren, die manipuliert haben“.

Nach Ansicht von Wirtschaftsvorstand Sebastian Freytag geht es bei der Aufarbeitung aber nicht nur um mögliche aktive Mittäter. „Es geht auch darum, wer trug Mitverantwortung, wer hätte genauer hingucken müssen.“ Die Göttinger Universitätsmedizin habe bereits jetzt weitreichende Konsequenzen aus den Vorfällen gezogen, fügte Freytag hinzu. Die Transplantationsabteilung sei ganz neu strukturiert worden. „Wir haben das so ausgerichtet, dass eine Wiederholung undenkbar ist“, sagte Freytag. „Die Warteliste ist jetzt wasserdicht.“

Thema Organspende mit Glaubwürdigkeit verbunden

Aus dem Skandal müssen nach Ansicht von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Konsequenzen gezogen werden. Ein Sprecher des Ministers sagte, es sei nicht nur gesetzeswidrig, „sondern höchst respektlos und ethisch in höchstem Maße verwerflich, wenn Organe nicht nach medizinischer Dringlichkeit transplantiert“ würden.

Bahr betonte, die Bereitschaft zur Organspende werde durch solche Vorgänge erschüttert. Erst vor wenigen Wochen hatte der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende steigern soll.

Niedersachsens Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU) sagte, „sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das sehr schlimm“. Das Thema Organspende sei untrennbar mit Glaubwürdigkeit und Transparenz verbunden. „Wir brauchen in den Richtlinien der Bundesärztekammer für die Wartelistenführung und Organvermittlung noch intensivere Kontrollmechanismen, um zu verhindern, dass Einzelne mit krimineller Energie die Regelungen umgehen“, sagte sie.

„Es scheint, dass es mit einem erschreckend simplen Trick im Göttinger Universitätsklinikum gelungen ist, das komplette Organspendesystem ad absurdum zu führen“, sagte der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch. Die Vorfälle zeigten, dass die privaten Akteure im Transplantationssystem mit der Organentnahme und Organverteilung überfordert seien.

Die Deutsche Transplantationsgesellschaft reagierte „bestürzt“ auf die neuen Manipulationsvorwürfe. Der Vorstand habe beschlossen, dass sich die deutschen Lebertransplantationszentren künftig freiwillig unangekündigten Kontrollen unterziehen sollten.

dapd

Rubriklistenbild: © dpa

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