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New Orleans in Todesangst

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- New Orleans - "Wie im Horrorfilm!", ruft eine Reporterin aus New Orleans in ihr Mikrofon. Sie beschreibt eine unheimliche Geräuschkulisse. "Das ganze Hotel ächzt und stöhnt und draußen heult der Wind durch die Straßenschluchten." Sturm-Albtraum in New Orleans: Das "Auge" des Monster-Hurrikans "Katrina" zieht über die Region hinweg.

Sturmböen krachen auf die Fensterscheiben. "Es ist ein Geräusch wie Zähneknirschen. Die Leute ducken sich reflexartig", berichten Menschen aus der Stadt. "Wir bewegen uns mit Taschenlampen im Gebäude. Wir hocken im Treppenhaus um ein Radio herum. Von dort aus kann man die Einfahrt sehen. Die Bäume biegen sich, als ob sie jeden Moment zerbersten."

Mit Orkanböen und sintflutartigen Regenfällen versetzt "Katrina" hunderttausende Menschen an der US-Golfküste in Todesangst. In der weltberühmten Südstaatenmetropole New Orleans reißt das Unwetter Teile des Dachs vom Footballstadion "Superdome" ein. Dort haben 10 000 Menschen Zuflucht gesucht. Für die Armen und Gebrechlichen ist das Stadion nach der Zwangsevakuierung der 485 000-Einwohner-Stadt die letzte Zufluchtsstätte. Nach einem Stromausfall funktioniert nur noch die Notbeleuchtung. Durch die beiden Löcher im Dach regnet es herein, die orkanartigen Böen (bis zu Tempo 234) treiben den Regen durch Fahrstühle und Treppenschächte. "Nass werden ist nicht wie sterben", sagt der 43-jährige Einwohner Harald Johnson.

In der ganzen Stadt werden Bäume entwurzelt, Dächer abgedeckt, Strommasten umgeknickt, selbst Krankenhäuser stehen unter Wasser. Der Mississippi steigt bedrohlich um bis zu vier Meter an. Vor haushohen Flutwellen, wie zunächst angekündigt, bleibt New Orleans allerdings verschont.

"Katrina" hatte am Wochenende bereits in Florida sieben Menschen in den Tod gerissen. Am Montag starben bei der Evakuierung eines Pflegeheims in New Orleans drei Menschen. Die Opferzahlen dürften noch steigen.

"Wir haben die größte Hilfsaktion der Geschichte für ein inländisches Desaster organisiert", sagt ein Sprecher des Roten Kreuzes. "Sobald der Sturm nachlässt, versuchen wir, mit 200 Fahrzeugen in die betroffenen Gebiete zu kommen. Wir können eine halbe Million Essensrationen pro Tag verteilen." Die Behörden warnen vor Plünderungen.

Der Wirbelsturm, der am Nachmittag in die Kategorie 3 der fünfteiligen Skala herabgestuft wurde, zieht östlich von New Orleans nach Norden. Damit bleibt die Südstaatenmetropole vom Allerschlimmsten verschont. Die Schäden dürften dennoch bei rund 30 Milliarden Dollar liegen.

Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, ebenso der größte Teil des Telefonnetzes. Ohne Stromversorgung kann das Pumpensystem nicht mehr arbeiten, das die Stadt normalerweise trocken legt. 70 Prozent des Stadtgebiets von New Orleans liegen unter dem Meeresspiegel, weite Teile sind jetzt überflutet.

Hunderttausende waren vor "Katrina" in kilometerlangen Autokolonnen geflüchtet. Vor allem in den Armenvierteln harrten jedoch viele Menschen aus, in den Notrufzentralen gingen Anrufe von Eingeschlossenen aus beschädigten Häusern ein. Die Rettungskräfte konnten nicht ausrücken.

Experten rechneten mit gewaltigen Schäden am gesamten Golf von Mexiko. Voraussichtlich wird es der kostspieligste Wirbelsturm, der die USA je getroffen hat. US-Präsident George W. Bush versprach am späten Abend in einer Ansprache schnelle Finanzhilfe durch seine Regierung: "Alle Amerikaner beten für die Menschen in der Region."

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