+
In Erfurt sprach Papst Benedikt XVI. mit Missbrauchsopfern.

Papst erschüttert nach Gespräch mit Missbrauchsopfern

Erfurt - Dass der Papst in Deutschland Missbrauchsopfer treffen würde, war erwartet worden. Ort und Zeitpunkt blieb ungewiss. Nun sprach er in Erfurt mit Vertretern von ihnen.

Nach den Erschütterungen für die katholische Kirche infolge des Missbrauchsskandals hat Papst Benedikt XVI. auf seiner Deutschlandreise ein Zeichen gesetzt. Am Freitagabend traf sich der Pontifex in Erfurt mit Opfern sexueller Übergriffe durch Priester und kirchliche Mitarbeiter. Benedikt habe im Erfurter Priesterseminar mit fünf Missbrauchsopfern - zwei Frauen und drei Männern - aus verschiedenen Teilen Deutschlands gesprochen, teilte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi mit. Anschließend traf er Menschen, die sich um Betroffene kümmern und ihnen helfen.

Der Skandal um jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Kindern in kirchlichen und anderen Einrichtungen hatte im vergangenen Jahr an den Grundfesten der katholische Kirche gerüttelt. Sie stürzte in eine tiefe Krise.

“Bewegt und erschüttert von der Not der Missbrauchsopfer hat der Heilige Vater sein tiefes Mitgefühl und Bedauern bekundet für alles, was ihnen und ihren Familien angetan wurde“, hieß es in einer Erklärung des Vatikans und der Deutschen Bischofskonferenz. “Er hat den Anwesenden versichert, dass den Verantwortlichen in der Kirche an der Aufarbeitung aller Missbrauchsdelikte gelegen ist und sie darum bemüht sind, wirksame Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu fördern.“

Ein solches Treffen gehörte nicht zum offiziellen Besuchsprogramm des Papstes in Deutschland. Es war aber als symbolische Geste erwartet worden. Lombardi beschrieb das Gespräch als “sehr kommunikativ, sehr friedvoll“. Mit dabei war nach den Angaben auch der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stefan Ackermann.

Zehntausende Pilger bei Vesper mit dem Papst

Zehntausende Pilger bei Vesper mit dem Papst

“Papst Benedikt XVI. ist den Opfern nahe und bringt seine Hoffnung zum Ausdruck, dass der barmherzige Gott, der Schöpfer und Erlöser aller Menschen, die Wunden der Missbrauchten heilen und ihnen inneren Frieden schenken möge“, hieß es in der am Abend verbreiteten Erklärung weiter.

Opferinitiativen bedauerten, dass ihre Vertreter nicht zu dem Treffen eingeladen worden seien. “Wir hätten gerne mit dem Papst geredet“, sagte ein Sprecher der Opfervertretung “Eckiger Tisch“ am Abend der Nachrichtenagentur dpa. Ähnlich äußerte sich Wilfried Fesselmann von der internationalen Organisation Snap, der nach eigenen Angaben 12 000 Missbrauchsopfer angehören. “Der Papst hört nur Opfer an, die nicht mit den Medien sprechen und in der Nähe wohnen“, sagte er der dpa.

Tagsüber hatten Missbrauchsopfer in Erfurt mit einer Mahnwache eine weitere Aufarbeitung von sexuellen Vergehen katholischer Priester gefordert. Seit dem Skandal im vergangenen Jahr habe sich nichts geändert, sagte Teilnehmer Fesselmann.

Der Papst in Deutschland: Bilder vom Freitag

Der Papst in Deutschland: Bilder vom Freitag

Vatikan-Beobachter waren davon ausgegangen, dass Benedikt seinen Deutschlandbesuch nach dem riesigen Missbrauchsskandal in der Kirche nicht ohne ein solches Treffen beenden konnte. Allgemein war erwartet worden, dass es die Begegnung erst an diesem Wochenende in Freiburg geben würde. Dass sie nach einem langen und terminreichen Tag für den 84-Jährigen noch am Freitag in Erfurt stattfand, war überraschend.

Momentan arbeitet die katholische Kirche den Missbrauchsskandal auf. Die Bistümer haben die Prävention verstärkt und wollen Opfer mit bis zu 5000 Euro entschädigen. Bis Mitte September gingen nach früheren Angaben rund 700 Anträge Betroffener ein. Vielen reicht das aber nicht aus.

Der Vatikan hat Begegnungen wie jetzt in Erfurt noch nie offiziell in das Reiseprogramm des Papstes aufgenommen oder sonst vorher angekündigt. Benedikt hat bereits mehrfach Opfer von Priestern der katholischen Kirche unter Ausschluss von Kameras und Öffentlichkeit getroffen, sich von ihnen berichten lassen und mit ihnen gebetet - so in den USA und auch bei seinem Besuch in Malta.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Auf eine Zigarette raus - 19-Jährige in Hessen erfriert
Hessisch Lichtenau - Bis minus elf Grad war es, als eine 19-Jährige in Nordhessen nachts nur kurz zum Rauchen raus wollte. Sie starb im Frost. Die genauen Umstände geben …
Auf eine Zigarette raus - 19-Jährige in Hessen erfriert
Mord an Rentnerin: Angeklagter beleidigt Angehörige
Bad Friedrichshall - Der Prozess um den Mord an einer Rentnerin ist auch am zweiten Tag nur schwer für die Verwandten der Toten zu ertragen. 
Mord an Rentnerin: Angeklagter beleidigt Angehörige
Live-Vergewaltigung auf Facebook: Zeugen gesucht
Stockholm - In Schweden sollen drei Männer eine Frau vergewaltigt und die Tat live bei Facebook gestreamt haben. Die Männer sind in U-Haft, die Polizei sucht weiter nach …
Live-Vergewaltigung auf Facebook: Zeugen gesucht
Waldbrände in Chile weiterhin außer Kontrolle
Santiago de Chile - In Chile toben verheerende Waldbrände. Besonders in den Regionen El Maule und O'Higgins gerät das Feuer immer weiter außer Kontrolle.
Waldbrände in Chile weiterhin außer Kontrolle

Kommentare