Der Papst redet der Politik ins Gewissen

Berlin - Es wird vielleicht Jahrhunderte dauern, bis wieder ein deutscher Papst im Bundestag spricht. Die Erwartungen an den so umstrittenen Auftritt waren hoch. Am Ende bekommt er auch von Kritikern Beifall.

Um 16.37 Uhr wird es plötzlich still im Bundestag, so still wie in der Kirche beim Gottesdienst. Benedikt XVI. betritt das Plenum. Es ist ein historischer Moment in einem großen Haus: Im Berliner Reichstag spricht an diesem Tag zum ersten Mal in der Geschichte ein Papst. Und: Es ist ein deutscher Papst. Beifall brandet auf, als Benedikt langsam hereinschreitet, Beifall von den stehenden Abgeordneten und von der Besuchertribüne.

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Sogar die meisten Abgeordneten der Linken applaudieren, wenn auch nicht gleich: Während die Parteivorsitzenden Klaus Ernst und Regine Lötzsch klatschen, nestelt Gregor Gysi ungelenk an seinem Jackett herum, damit er das nicht tun muss. Die anderen Abgeordneten der Linken klatschen erst, als Bundestagspräsident Norbert Lammert den Papst begrüßt. Ein großer Block hinter der Fraktion der Linken bleibt frei – man blickt auf viele leere violette Stühle. Nur 28 der 76 Plätze der Linksfraktion sind besetzt. Die meisten anwesenden Abgeordneten der Linksfraktion tragen rote Aids-Schleifen.

Welches Theater war diesem Moment in den vergangenen Wochen vorausgegangen. Aggressive Debatten vor allem mit der Linken sowie Teilen der Grünen und der SPD, die das Oberhaupt der Katholiken nicht im Bundestag ans Mikrophon treten lassen wollten. „Trennung von Kirche und Staat“, riefen sie, ein Kirchenoberhaupt habe kein Recht, vor dem Parlament zu sprechen. Mit anderen Fragen hatten sich auch Frauen, Geschiedene, Wiederverheiratete, Schwule, Lesben, sexuell Missbrauchte, Laien, Laizisten, Muslime, Evangelische und Orthodoxe zu Wort gemeldet.

Der Papst feiert Heilige Messe im Olympiastadion

Der Papst feiert Heilige Messe im Olympiastadion

Doch an diesem Tag ist die Stimmung im Bundestag aufgeräumt, und das schon lange bevor der Heilige Vater eintrifft. Gegen 15.30 Uhr sind schon einige Kardinäle und Erzbischöfe auf der Besuchertribüne angekommen. Muntere Gespräche werden geführt. Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, stellt sich an die Balustrade und schaut interessiert in den Plenarsaal hinunter. Wie viele Plätze sind unten schon besetzt?

Die Atmosphäre ist gut, die ersten Stunden des mit Spannung erwarteten Besuchs des deutschen Papstes sind ja auch gut gelaufen. Aufatmen bei den Kirchenvertretern. In diesen schwierigen Zeiten können sie es gut gebrauchen, dass ihr Papst auf ein wohlwollendes Echo stößt.

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Langsam füllen sich die Abgeordneten-Ränge: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und sein Stellvertreter Martin Zeil sind schon zugegen, auch Finanzminister Georg Fahrenschon und Kultusminister Ludwig Spaenle suchen sich ihre Plätze auf den Bundesrats-Sitzen. Fast alle männlichen Abgeordneten erscheinen in schwarzen Anzügen. Hans-Christian Ströbele von den Grünen allerdings trägt eine beigefarbene Hose mit weißem Hemd und schwarzem Jacket. Wird er den Saal während der Rede aus Protest verlassen, wie er angekündigt hat? Benedikts Worte bergen später eigentlich keinen Grund dafür, zu flüchten.

Regine Lötzsch von den Linken hat sich der Kleiderfarbe auf der Besuchertribüne angepasst: Sie trägt eine Jacke in Kardinalsrot. Bei der SPD füllen einige Altvordere die Plätze derer, die die Papstworte boykottieren: So sitzen Heidemarie Wieczorek-Zeul und Renate Schmidt im Plenum. Aber auch um 16.15 Uhr sind noch viele Plätze vor allem bei SPD und den Linken unbesetzt. Geschlossen hingegen der kirchliche Besucherblock mit katholischen, evangelischen und orthodoxen Würdenträgern.

Als die Rede des Papstes beginnen soll, zeigt sich, dass Kirche und Politik (noch) ein wenig fremdeln. Der Heilige Vater steht von seinem Platz auf und stürmt forschen Schrittes am Rednerpult vorbei – bis er von Lammert zurückgeholt wird, der dann allerdings auf den Saum der weißen Soutane tritt: Man merkt, die Protagonisten sind nicht ganz sicher im Umgang miteinander.

Der Papst in Deutschland: Die ersten Bilder

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In kerzengerader Haltung steht der Heilige Vater hinter dem Rednerpult, in seinem weißen Gewand zieht er die Blicke an wie ein magisches Wesen. Der 84-jährige Benedikt, das wird schnell klar, kommt nicht als der absolutistische Religionsführer, als den manche ihn gerne darstellen. Der Papst präsentiert sich als Rechtsphilosoph: In höchst anspruchsvollen Gedanken legt er den Abgeordneten dar, auf welchen Grundlagen der freiheitliche Rechtsstaat beruht. Zu aktuellen Problemen sagt das Kirchenoberhaupt im Bundestag kein Wort. Auch nicht zu innerkirchlichen Fragen. Er gibt den Abgeordneten stattdessen mit leiser Stimme eine Vorlesung.

Der Papst warnt, Erfolg könne auch Verführung sein und „so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit“. Er erinnert an die Zeit des Nationalsozialismus, der den Staat zum Instrument der Rechtszerstörung gemacht habe.

Er fordert die Politiker auf, konsequent für das Wohl der Menschen einzutreten: „Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen.“ Er wünscht sich – und den Politikern – ein „hörendes Herz“. So wie der junge König Salomon bei seiner Thronbesteigung Gott um diese Fähigkeit gebeten habe, damit er sein Volk zu regieren verstehe. Als er aus der Bibel zitiert, steht Ströbele demonstrativ auf und verlässt den Raum. Damit hat er seinen telegenen Auftritt. Der Papst redet mit ruhiger Stimme unbeirrt weiter.

Benedikt geht nicht direkt auf die ethischen Debatten über Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik ein. Er betont aber: „Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.“ Politiker und Wissenschaftler seien daher besonders gefordert, ihre Entscheidungen auch moralisch zu bedenken. Beifall von der Union erschallt, als der Papst darlegt, dass auch der Mensch eine Natur hat, „die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann“.

Trotz seines professoralen Tons vermag Benedikt sogar die Grünen zu überraschen, als er das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik in den 1970er-Jahren als Beispiel dafür aufführt, wie wichtig es ist, „ernstlich über das Ganze nachzudenken“ und sich bewusst zu machen, „dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen“. Das sei ein „Schrei nach frischer Luft“ gewesen, den man nicht überhören dürfe und nicht beiseiteschieben könne. Spontan spenden die Grünen Applaus. Freilich betont der Heilige Vater ausdrücklich, dass ihm nichts ferner liege, als Propaganda für eine bestimmte politische Partei zu machen (hier erntet Benedikt Lacher).

Wie wohl sich Benedikt im Bundestag fühlt, zeigt sich in einer spontanen Aussage der Selbstironie: Als er einen 84-jährigen Wissenschaftler zitiert, weicht er vom Manuskript ab und sagt: „Es tröstet mich, dass man mit 84 Jahren noch etwas Vernünftiges denken kann.“ Auch Benedikt ist 84 Jahre alt.

Nach etwa 23 Minuten endet der Papst mit dem Appell an die Politiker, um die Fähigkeit zu ringen, Gut und Böse zu unterscheiden „und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden“. Die Abgeordneten danken es ihm stehend mit warmem lang anhaltenden Beifall – sogar die der Linken.

Claudia Möllers

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