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"Partei Gottes" mit Raketen

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- München - Im Nahen Osten schweigen die Waffen. Die Suche nach Frieden hat wieder einmal begonnen. Und es stellt sich die Frage: Hat die israelische Armee, eine der modernsten und am höchsten gerüsteten der Welt, ihren Gegner gefunden? Denn definitiv besiegt werden konnte die Hisbollah nicht. Was ist diese "Partei Gottes", wer verbirgt sich hinter ihr? Und wie wird diese im Libanon beheimatete schiitische Organisation - die einzige von den USA als "terroristisch" eingestufte Gruppe, die sogar über schwere konventionelle Waffen verfügt - finanziert?

An der Spitze der israelischen Militärmaschinerie rumort es: Trotz Dauerbombardements bis zum Ende der Kämpfe im Libanon zeigt die Hisbollah bis heute keine Ermüdungserscheinungen. Was auch daran liegen dürfte, dass sie nicht nur in der schiitischen Bevölkerung des Libanon tief verankert ist, sondern auch bei den Christen und anderen Religionen Respekt genießt. Respekt, den sich die "Partei Gottes" unter anderem durch ihr Engagement im Gesundheits- und Bildungsbereich erworben hat.

Hinzu kommt die Bruderhilfe aus dem Iran, die sich - abgesehen von ideologischer Unterstützung - jährlich (Stand 2000) bei rund 100 Millionen Dollar in bar oder in Form von Waffen bewegen soll. Gewaltige Summen soll die Hisbollah auch durch Drogengeschäfte, durch den Anbau von Haschisch und Schlafmohn in der Bekaa-Ebene (Libanon), einnehmen.

Finanzierung auch durch Haschisch-Anbau

Wie stark die Hisbollah ist, darüber streiten sich die Experten. Die Zahl der aktiven Kämpfer schwankt je nach Quelle zwischen 500 und 5000. Einige Beobachter gehen sogar davon aus, dass die Hisbollah zwischen 10 000 und 60 000 Mann mobilisieren kann. Ständig bereitstehen sollen im Libanon etwa 70 iranische Militärberater, die die Hisbollah-Krieger auch im Umgang mit Raketen- und Panzertypen schulen (sie verfügen über Katjuscha-, Kurzstrecken- und Fadschr-5-Raketen sowie leichte Panzer).

Nicht unterschätzt werden sollte auch der im Schiitentum allgemein tief verwurzelte Märtyrergedanke - auch wenn die "Partei Gottes" bisher noch nicht so weit gegangen ist, Selbstmord-Attentäter loszuschicken. Diese Option und die Summe der genannten Fakten machen - das zeigt sich immer deutlicher - die Hisbollah zum Angstgegner Israels. Zu einem Vorbild für die palästinensischen Intifada-Kämpfer ist sie durch viele kleine "Erfolge" ohnehin schon lange geworden.

Gegründet wurde die Hisbollah 1982 unmittelbar nach der israelischen Invasion im Libanon. Entstanden ist sie durch den Zusammenschluss mehrerer schiitischer Organisationen: Mit Hilfe iranischer Revolutionswächter, als radikaler Gegenpol zur gemäßigten schiitischen Amal-Miliz im Zedern-Staat- und auf der Basis eines fundamentalistisch interpretierten Koran. Auch das Ziel der Partei wurde unmissverständlich formuliert: Säuberung der islamischen Welt im Nahen Osten und Vernichtung des Staates Israel. Als zweiter Hauptgegner wurden die USA markiert.

Erst nach dem Ende des Bürgerkriegs (1991) hat sie ihre Zielsetzung leicht abgeändert und sich mit dem libanesischen Staat arrangiert. 1992 nahm die Hisbollah erstmals und sofort erfolgreich an Wahlen teil. Heute stellt sie 14 der 128 Abgeordneten und zudem in Beirut den Energieminister.

An der Spitze der überaus straff geführten Hisbollah steht ein achtköpfiger Rat, der von Muhammad Hussein Fadlallah (geboren 1935) als religiösem Führer geleitet wird. Dieser Rat wählt aus seinem Kreis den Generalsekretär und weltlichen Entscheidungsträger der Partei. Das ist derzeit Scheich Hassan Nasrallah (Jahrgang 1960), der den iranischen Revolutionsführer Ali Khamenei als oberste geistliche Autorität ansieht. Die Mitglieder des Rates leiten Ausschüsse, die sich unter anderem mit den Themen Recht, Ideologie, Politik, Soziales, Information, Militär und Finanzen befassen.

Von besonderer Bedeutung ist der im Militärausschuss angesiedelte "Spezielle Sicherheitsrat", der unter anderem für terroristische Aktivitäten zuständig ist. Eine tragende Rolle spielt zudem der "Islamische Widerstand" - der militärische Ausleger der Hisbollah, der über Spezialeinheiten und Kämpfer, die hebräisch sprechen, verfügt.

Die Verbindungen der Hisbollah nach Teheran sind eng. Sie laufen über den iranischen Geheimdienst VEVAK sowie über die iranischen Botschaften in Beirut und Damaskus. Obwohl das in Syrien herrschende säkular geprägte Baath-Regime (dessen Spitze dem alewitischen Glauben nahe und dem schiitischen fern steht) sich zumindest offiziell vom Islamismus distanziert, scheute es nie davor zurück, gegen Israel kämpfende islamische Gruppen zu unterstützen. Deshalb die enge Verbindung zur Hisbollah, deshalb (laut einer US-Studie) auch die Lieferung schwerer Waffen an die Hisbollah.

Anschläge mit vielen Toten in Argentinien

Dass die "Partei Gottes" auch weitab des Nahen Ostens zu Terrorakten fähig ist, hat sie bereits mehrfach bewiesen: Unter anderem 1992 bei einem Anschlag auf die israelische Botschaft in Buenos Aires mit 29 Toten und 1994 bei einem Terrorakt gegen die argentinisch-jüdische Gesellschaft (ebenfalls in Argentinien), dem 96 Menschen zum Opfer fielen. Auch in Europa und Deutschland hat sie ihre Anhänger. Erinnert sei hier an den zum Islam konvertierten Deutschen Steven Smyrek, der sich der Hisbollah angedient hat, nach Israel gereist war, dort einen Anschlag geplant haben soll und von Spezialagenten verhaftet wurde. Smyrek wurde 1997 in Israel zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er kam 2004 nach einem Geschäft, an dem deutsche Unterhändler und die Hisbollah beteiligt waren, frei und soll heute in Hessen wohnen.

Die deutschen Verfassungsschützer gehen davon aus, dass islamistische Gruppen in der Bundesrepublik rund 32 000 Anhänger oder Mitglieder haben. Die mitgliederstärkste arabische Organisation soll dabei die Hisbollah mit rund 900 Mitgliedern sein - auch wenn sie unter diesem Namen nicht auftritt. Ihren deutschen Mittelpunkt soll sie im "Islamischen Zentrum Münster" haben.

Randnotiz: In der aktuellen Liste des EU-Rates der Terrororganisationen vom 29. Mai 2006 sucht man die Hisbollah vergebens. Als Terrororganisation eingestuft wird sie derzeit nur in den USA, in Australien, Kanada und - in Israel.

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